Nahverkehr

S-Bahn hat zu wenige Wagen

Die Berliner S-Bahn wird Mitte Dezember voraussichtlich nicht zum vollen Regelbetrieb zurückkehren. Das hat ein Unternehmenssprecher gestern gegenüber der Berliner Morgenpost eingeräumt. Ziel bleibe es aber, in gut einem Monat wieder auf allen Linien nach dem normalen Fahrplan zu fahren, betonte er.

Allerdings müssen die Fahrgäste wohl weiter mit verkürzten und daher vollen Zügen leben, wie die S-Bahn bestätigte. Der Grund: Die für den regulären Betrieb benötigten 550 Zwei-Wagen-Einheiten, sogenannte Viertelzüge, werden wohl zum Fahrplanwechsel nicht zur Verfügung stehen. Derzeit sind 384 Fahrzeuge unterwegs. Der Rest steht in den Werkstätten, weil fehlerhafte Räder und mangelhaft gewartete Bremszylinder ausgetauscht werden müssen. Seit Monaten arbeiten Techniker, Ingenieure und Mechaniker mit Hochdruck an der Bewältigung der Krise. "Wir sind auf einem guten Weg", betonte gestern ein S-Bahn-Sprecher. Das volle Zugangebot mit 550 Viertelzügen werde aber "voraussichtlich nicht erreicht". Bahn-Experten bezweifeln bereits, ob die S-Bahn mit ihrem derzeitigen Fahrzeugpark mittelfristig überhaupt in der Lage sein wird, zum Regelangebot zurückzukehren. Grund sind vor allem die deutlich verkürzten Prüf- und Wartungsintervalle nach einem Radbruch am 1. Mai in Kaulsdorf. Weil alle Züge der modernsten Baureihe 481 auch in Zukunft öfter in die Werkstätten müssen, fehle auf Dauer die Reserve für das volle Zugangebot, mutmaßen Experten.

Insgesamt besitzt die S-Bahn 632 Viertelzüge. 500 Fahrzeuge zählen zur Baureihe 481. Schon vor Beginn der aktuellen Krise war die S-Bahn wegen verschärfter Wartungsfristen nach einem ICE-Unfall in Köln auf mehreren Linien nur mit verkürzten Zügen gefahren.

Für Entlastung könnte die Reaktivierung bereits ausgemusterter Züge aus der DDR-Baureihe 485 (bekannt als "Coladosen") sorgen. Bereits Anfang Oktober hatte der Bahn-Vorstand für Personenverkehr, Ulrich Homburg, angekündigt, die S-Bahn werde zwölf Viertelzüge nach einer aufwendigen Aufarbeitung wieder in Betrieb nehmen. Wann die "Coladosen" wieder zur Verfügung stehen, kann die Bahn aber derzeit noch nicht einschätzen. "Das kann dauern", sagte ein Sprecher.

Wie viele Fahrzeuge Mitte Dezember tatsächlich einsatzbereit sein werden, hängt - wie berichtet - auch vom Ergebnis der jüngst beendeten Testfahrten ab. Über Monate hatte die S-Bahn mittels moderner Messtechnik die Belastbarkeit der als Schwachstelle erkannten Räder ermittelt. Bis gestern lag die Auswertung der Messdaten nach Bahn-Angaben noch nicht vor. Erst wenn alle Berechnungen abgeschlossen sind, wird das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) endgültig festlegen, wie oft die Räder künftig geprüft und gewechselt werden müssen. Bis zur Entscheidung der Aufsichtsbehörde will sich die Bahn deshalb nicht zum im Dezember einsatzbereiten Fahrzeugpark äußern. Nach EBA-Angaben können bis zur Festlegung der Fristen - je nach Ergebnis der Testfahrten - einige Tage bis mehrere Wochen vergehen.

CDU kritisiert Senat

"Selbst Monate nach Beginn der S-Bahn-Krise ist noch lange kein regulärer Fahrbetrieb in Sicht", kritisierte gestern der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Oliver Friederici. "Auch wenn inzwischen wieder mehr Züge eingesetzt werden, wird die vertragsgemäße Leistungserfüllung wohl bis Jahresende nicht erreicht werden können." Der Senat sei in dieser Frage inzwischen "völlig abgetaucht". Friederici forderte "verbindliche Aussagen zu einem stabilen Verkehrsangebot in der Zukunft". In erster Linie müsse der Senat dafür sorgen, dass "die vertraglich vereinbarte Leistung der S-Bahn Berlin GmbH schnellstmöglich wieder in vollem Umfang erbracht wird", so der CDU-Verkehrsexperte.

Zumindest für die kommende Woche stellt die S-Bahn eine erneute Entlastung für die Fahrgäste in Aussicht. Auf welchen Linien dann zusätzliche Züge eingesetzt werden, will das Unternehmen aber erst in einigen Tagen veröffentlichen.