Versorgungsprobleme

Zu wenige Ärzte, kaum Impfstoff in Berlin

Ohne mit der Wimper zu zucken, lässt sich Tina Gloede die Spritze gegen die Schweinegrippe in den linken Oberarm setzen. Die 19-jährige Altenpflegerin sitzt auf einer Behandlungsliege in der Arztpraxis des Charlottenburger Allgemeinmediziners Uwe Michael Bänsch. Vor der Impfung mit Pandemrix hat Bänsch die junge, gesunde Patientin noch nach Allergien und Erkrankungen befragt.

"Mir geht es gut, es tut nichts weh", versichert die Brandenburgerin nach der Immunisierung gegen das H1N1-Virus. Gloede war gestern eine der wenigen, die sich gegen die neue Grippe in einer Berliner Arztpraxis impfen lassen konnte.

Die Senatsverwaltung für Gesundheit hatte am Sonntag zwar eine Liste mit mehr als 200 ambulanten Kassenärzten veröffentlicht, die nun Impf-Verträge mit dem Senat abgeschlossen haben und gegen das H1N1-Virus impfen dürfen. Doch viele dieser Impf-Ärzte hatten gestern noch gar keinen Impfstoff und konnten somit keine Patienten immunisieren. Die Senatsverwaltung gab an, dass es bei der Auslieferung zu Verzögerungen gekommen sei, weshalb weniger Arztpraxen als angenommen mit den Impfungen beginnen konnten. "Freitag wurden 39 Praxen beliefert, gestern waren es 48 Praxen", sagte Sprecherin Marie-Luise Dittmar.

So herrschte am ersten Tag der Massenimpfung der Berliner gegen Schweinegrippe in den Arztpraxen der Stadt oftmals großes Chaos und Verunsicherung bei Ärzten und Patienten. Der Charlottenburger Allgemeinarzt Frank Fechteler (49) musste zum Beispiel seine Patienten und die vielen Anrufer gestern Morgen noch vertrösten. Den Impfstoff gegen die neue Grippe bekam Fechteler erst Montagnachmittag. Da das Impfmittel wegen Beachtung der Kühlkette eine Nacht im Kühlschrank bei zwei bis acht Grad Celsius ruhen muss, kann Fechteler die ersten Spitzen gegen die Schweinegrippe erst am heutigen Dienstag setzen.

"Man braucht 2000 Impf-Praxen"

Dennoch klingelte gestern pausenlos das Telefon in der Arztpraxis. Patienten, Gesunde wie chronisch Kranke, riefen an, weil sie sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen wollten. "Ja, wir impfen, wenn wir den Impfstoff haben", sagte die Arzthelferin immer wieder. "200 Anrufe hatten wir innerhalb von zwei Stunden heute Vormittag wegen der Schweinegrippe", sagte Fechteler. Für die nächsten zwei Wochen sei er schon ausgebucht. Mehr Patienten könne er zunächst gar nicht impfen. "Wir wollen ja auch die anderen Patienten noch behandeln."

Dem Senat wirft der Mediziner "Verantwortungslosigkeit" vor. Es gebe viel zu wenige Impf-Ärzte. "Man braucht mindestens 2000 Praxen, um die Bevölkerung durchzuimpfen." Fechteler appelliert an den Senat, sich mit der Kassenärztliche Vereinigung doch noch finanziell zu einigen.

Auf den Impfstoff warteten gestern auch andere Mediziner, wie der Wilmersdorfer Internist Konrad Geigenmüller, der Allgemeinarzt Thomas Georgi in Prenzlauer Berg und der Weddinger Internist Erich Freisleben. Andere, wie der Spandauer Hausarzt Reinhard Koitka, haben immer noch keine Antwort des Senats bekommen. "Ich habe am 29. Oktober meinen Impf-Vertrag an die Behörde geschickt und bis heute keine Zusage bekommen", kritisierte Koitka. Diverse Telefonate seien erfolglos geblieben. Erst am gestrigen Montag bekam der Arzt nun ein Fax vom Senat, worin er auflisten sollte, wie viele Kassenpatienten er behandelt. "Wann ich nun endlich gegen die Schweinegrippe impfen kann, weiß ich immer noch nicht", sagte Koitka.

Glück im Chaos hatte gestern die Chirurgin Sabine Just, die in Moabit in der Praxis von Karsten Mülder als Vertretungsärztin impfen konnte. "Wir haben den Impfstoff rechtzeitig bekommen", sagte Just. Die 60 bestellten Dosen seien bereits am Freitag in die Praxis an der Krefelder Straße 7 geliefert worden, deshalb hätten sie gestern um 14 Uhr die erste Impfsprechstunde abhalten können. "Bis 17 Uhr hatten wir 30 Patienten eingeplant", sagte Just. Doch es hätten viel mehr Patienten angerufen, auch solche aus anderen Bezirken oder Menschen, die noch nie in dieser Praxis gewesen seien. Seit Mittag seien die Impfsprechstunden der kommenden anderthalb Wochen ausgebucht.

Impfpass notwendig

Justs erste Patientin war Monika Wittchen. Die 66 Jahre alte Rentnerin ist vorsichtig: "Ich bin sehr grippeanfällig und lasse mich deshalb lieber impfen." Die täglichen Nachrichten über Tote beunruhigten sie, außerdem habe sie Bluthochdruck, deshalb habe ihre Hausärztin, die selbst nicht impft, zur Immunisierung geraten. Sabine Just fragte sie nach Allergien und weiteren Erkrankungen. Da sie keine Allergien gegen Hühnereiweiß, Quecksilber oder sonstige im Impfstoff verwendete Stoffe hat, konnte sie geimpft werden. Nach dem kurzen Piks von Arzthelferin Anita Lorenz blieb Wittchen noch zehn Minuten in der Praxis. Zur Sicherheit, falls sie Impfreaktionen zeigen sollte. Sie fühlte keinen Schmerz an der Einstichstelle. "Das kommt noch, ein bis zwei Tage schmerzt das immer", wusste sie noch von der Impfung gegen die saisonale Grippe. In drei Wochen bekommt sie die nächste Spritze. Da sie älter als 60 Jahre ist, braucht sie zwei Dosen, um vollständig immunisiert zu sein.

Wer geimpft werden wollte, musste seinen Impfpass dabeihaben. Just impfte nicht, ohne ihn gesehen zu haben.

Hochschullehrerin Julia Brehmer ist zwar gesund, doch gegen die Schweinegrippe wollte sie sich trotzdem impfen lassen. "Ich habe täglich mit Studenten aus dem Ausland zu tun und will mich nicht anstecken", sagte die 44-Jährige. Das Risiko, an Schweinegrippe zu erkranken, wollte sie nicht in Kauf nehmen - dann lieber eine Spritze.

Schon kurz nach Beginn der Impfsprechstunde arbeiteten Just und ihre Helferinnen im Akkord. Heute werden sie wohl Überstunden machen müssen, denn "die anderen Patienten müssen ja auch noch behandelt werden". Wie sie das Arbeitspensum in den nächsten Wochen bewältigen sollen, war Just und ihren Kolleginnen noch unklar.

Hier wie in der Charlottenburger Gemeinschaftspraxis von Uwe Michael Bänsch, wollten sich zu viele Patienten gegen das H1N1-Virus impfen lassen. 500 Impfdosen Pandemrix hat Bänsch bei der zentralen Sankt-Hubertus-Apotheke bestellt; er hoffte, dass sie reichen.

Bänsch behandelte vor allem HIV-Kranke und Chroniker wie Asthmatiker und Diabetiker, die nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission zuerst immunisiert werden sollen. Kinder und Schwangere möchte Bänsch lieber nicht impfen und verweist an Kinderärzte, Gynäkologen und die Gesundheitsämter. Für Schwangere sei der Impfstoff Pandemrix nicht geeignet, bei Kindern gebe es noch nicht so viel Erfahrung, sagte er.

Die ersten Ärzte bestellen nach

Auch bei der zentralen Lieferapotheke Sankt Hubertus am Salzufer in Charlottenburg standen die Leitungen nicht still: Per Fax trudelten permanent neue Bestellungen der Ärzte ein, die nach und nach die Impf-Erlaubnis vom Senat erhalten haben. Andere riefen an, weil sie wissen wollten, wann der Impfstoff geliefert wird. "Drei Mitarbeiter sitzen nur am Telefon", sagte Chef Bernd Drevenstedt. Das sei eine enorme Belastung, die die Auslieferung zusätzlich verzögert, meinte er.

Er bittet die Ärzte darum, nur noch schriftlich zu bestellen, lieber zu viel als zu wenig. Denn einige Ärzte wie auch die Moabiter Chirurgin Sabine Just, mussten bereits nachbestellen. Die 60 Dosen, die Just in die Moabiter Praxis bestellt hatte, werden nur bis heute Abend reichen. Doch Drevenstedt möchte doppelte Wege gern vermeiden und den zehn Mitarbeitern, die die Kartons packen, zusätzliche Arbeit ersparen. "Heute fahren wir schon mit drei, ab Mittwoch mit vier Fahrzeugen aus", kündigte Drevenstedt an. Zu weiteren Verzögerungen solle es nicht kommen. Heute sollen weitere 105 Arztpraxen beliefert werden.