Geschichte

Gedenken an die Pogromnacht von 1938

In Berlin ist gestern an die nationalsozialistische Pogromnacht am 9. November 1938 erinnert worden. Dabei schlug Bundespräsident Horst Köhler eine Brücke zum 9. November 1989. Die Deutschen hätten die nötigen Lehren aus ihrer Geschichte zwischen 1933 und 1945 gezogen, sagte der Präsident. "Darum hat die Welt uns 1989 vertraut. Darum haben wir die Einheit in Freiheit wiedererlangt", so Köhler. Die beiden historischen Daten seien daher miteinander verbunden.

In einem ökumenischen Gottesdienst sagte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der 9. November 1989 sowie die NS-Pogrome am 9. November 1938 "lehren unmissverständlich: Mauern - ob real oder in den Köpfen und Herzen der Menschen - lösen keine Probleme."

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, bedauerte unterdessen, dass in diesem Jahr die Feiern zum Mauerfall das Gedenken an die Pogromnacht überlagerten. In Zukunft müsse ein Weg gefunden werden, beider Ereignisse in angemessener Form zu gedenken. Die jüdische US-Organisation American Jewish Committee (AJC) beklagte ebenfalls, dass die Erinnerung an die Pogromnacht im diesjährigen Veranstaltungsreigen zum Mauerfall untergehe.

Schweigemarsch zum "Gleis 17"

Die NS-Pogrome am 9. November 1938 waren der Auftakt der systematischen Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten. Der Opfer wurde gestern unter anderem mit Kranzniederlegungen auf den jüdischen Friedhöfen in Weißensee und in der Schönhauser Allee gedacht. Berliner Schüler zogen am Nachmittag in einem schon traditionellen Schweigemarsch zum Mahnmal "Gleis 17" am Bahnhof Grunewald, von wo mehr als 50 000 Juden in Vernichtungslager transportiert worden waren. Eine weitere Demonstration führte vom Standort der zerstörten Synagoge in der Levetzowstraße zum Mahnmal für die Deportierten an der Putlitzbrücke in Moabit.

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin kam am Abend in ihrem Gemeindehaus an der Fasanenstraße in Charlottenburg zum Gedenken zusammen. Als Repräsentantin des Senats stand Bürgermeisterin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) auf der Gästeliste. Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Grundschule führten "szenische Collagen" zur Namensgeberin ihrer Schule auf. Anne-Frank wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden.

Im Berliner Ensemble wollte der Schauspieler Klaus Maria Brandauer aus Briefen des deutschen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer lesen, der im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde.

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nazis in ganz Deutschland Geschäfte und jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt, Wohnungen jüdischer Bürger demoliert und ihre Bewohner misshandelt. In der offiziellen Bilanz des Terrors waren 91 Tote, 267 zerstörte Gottes- und Gemeindehäuser sowie 7500 verwüstete Geschäfte verzeichnet. Nach Angaben des Deutschen Historischen Museums starben in Folge der Ausschreitungen aber weit mehr als 1300 Menschen. Die Reichspogromnacht war Auftakt der völligen Entrechtung der Juden in Deutschland.