31. Vattenfall Halbmarathon

Ein Leben am Zeitlimit: "Läufer sind Egoisten"

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Andrea Kolpatzik

Hagen Brosius lebt am Limit. Am Zeitlimit. Der 22-jährige Berliner studiert an der Fachhochschule Wildau Logistik, macht Leistungssport und steht chronisch unter Zeitdruck. Im Alltag und auf der Tartanbahn. Früh am Morgen der erste Trainingslauf, dann schnell zur Vorlesung in den Hörsaal, anschließend wieder auf die Tartanbahn.

Am Abend geht es dann in die Sauna - zur Entspannung nach einem stressigen Tag.

Ehrgeizig, diszipliniert und willensstark. Hagen Brosius weiß, was er will: endlich die Norm für den B-Kader der deutschen Nationalmannschaft knacken. Dazu muss er den 31. Berliner Vattenfall Halbmarathon unter 65 Minuten laufen. Genauer: Die 21,0975 Kilometer in weniger als 64 Minuten und 35 Sekunden zurücklegen. Der 3. April soll der Höhepunkt der diesjährigen Läufersaison sein. Auf dieses Rennen hat er sich gemeinsam mit Robert Krebs und Jan Förster vom SCC Berlin akribisch vorbereitet, sich im Trainingslager in Kenia gequält: "Auch wenn die Sonne scheint, das Laufen macht nicht immer Spaß." Pro Tag legte der Berliner 34 Kilometer zurück.

Wieso diese ganze Ochsentour? "Ich will mir später nicht vorwerfen müssen, beim Laufen nicht hundert Prozent gegeben zu haben", sagt Hagen Brosius. Mal Shoppen am Kurfürstendamm, Kaffee trinken bei Starbucks mit Freunden - viel Freizeit bleibt dem Deutschen Juniorenmeister (U23) nicht.

Ist er deshalb disziplinierter als seine Altersgenossen? "Nein", sagt Hagen Brosius. Er setze seine Prioritäten nur anders. Fit Line statt Alkohol, in der intensiven Vorbereitungsphase setzt Brosius auf Nahrungsergänzungsmittel statt auf Cocktails. Auf Partys ist er ein seltener Gast. Der Student achtet sehr auf seinen Körper, denn der ist sein Kapital. In zwei oder drei Jahren will Hagen Brosius auf die Langstrecke, auf die Marathondistanz von 42,195 Kilometern. Trainingsumfang und Belastung werden also noch weiter steigen. Doch das kennt Brosius. Schon beim Berlin Marathon 2010 machte er Tempo.

Allerdings nicht für sich, sondern für Sabrina Mockenhaupt. Auf den ersten 25 Kilometern war der junge Nachwuchsathlet der "Tempomacher" für die deutsche Spitzenläuferin - er wurde wegen seiner Halbmarathon-Bestzeit von 66:35 Minuten ausgewählt. Und half ihr, die gewünschte Geschwindigkeit zu halten. Bald will er aus ihrem Schatten herauslaufen, selber ein Top-Läufer werden und Geld verdienen. Kann man das als Leichtathlet? "Bei Sabrina Mockenhaupt reicht es immerhin zu einem Porsche Boxster", sagt Brosius. Er selbst fährt Ford Fiesta - gesponsert von seiner Oma. Das spart Zeit, mit der Bahn bräuchte er für den Weg zur Fachhochschule rund zwei Stunden. Das Studentenleben findet meist ohne Hagen Brosius statt. Der nimmt es gelassen: "Läufer sind Egoisten."

Das gemeinsame Trainingslager mit seinen Vereinskollegen Jan Försters und Robert Krebs war eine Ausnahme. Beide Athleten sind ebenfalls jung, auf der Langstrecke zu Hause - und hungrig auf Erfolg. Deutscher Jugendmeister über die 5000 Meter ist Robert Krebs schon, ein Titel bei den Junioren soll noch folgen und auch die Norm für den deutschen B-Kader unterboten werden. Am Tag vor dem Halbmarathon wollen sich Robert Krebs und Hagen Brosius noch einmal in Berlin treffen, Nudeln essen, Kohlenhydrate tanken. 24 Stunden später trennen sich ihre Wege aber. Die 21,0975 Kilometer läuft jeder so schnell er kann. Alleine.