Offener Brief

Helios-Ärzte beklagen Arbeitsklima in den Krankenhäusern

Etwa 700 Ärzte des Berliner Klinikkonzerns Helios haben schwere Vorwürfe gegen die Leitung des Unternehmens erhoben. Wirtschaftliche Kriterien würden in den bundesweit 63 Krankenhäusern immer häufiger wichtiger genommen als die medizinischen Bedürfnisse der Patienten, klagen die Mediziner.

An die Stelle medizinisch motivierter Entscheidungen trete "zunehmend ein Kampf um die Einhaltung betriebswirtschaftlicher Vorgaben", heißt es in einem offenen Brief an den Vorstandsvorsitzenden Francesco De Meo.

Nicht nur das Verhältnis zu den Patienten leidet laut dem Schreiben unter dem Kostendruck der Konzernführung, auch der Umgang zwischen medizinischem Personal und der Geschäftsleitung ist offenbar schlecht. Ein "arbeitspsychologisch wünschenswertes Verhältnis" sei vielfach einer "Abmahnungskultur" gewichen, heißt es. Helios beschäftigt bundesweit rund 3000 Mediziner. In Berlin betreibt das Unternehmen die Kliniken Buch und Emil von Behring in Zehlendorf.

Mit dem Schreiben soll offenbar Druck gemacht werden im Tarifstreit zwischen der Ärztevertretung Marburger Bund und Helios. Zwar betont Hans-Jörg Freese, Sprecher der Medizinervereinigung, dass die Initiative von den Ärzten des Unternehmens ausgegangen sei. "Da herrscht ein gewisser Leidensdruck", sagte Freese.

Jedoch passt die Veröffentlichung zu den Tarifverhandlungen zwischen Marburger Bund und Helios, die an diesem Freitag fortgesetzt werden sollen. Helios, ein Tochterunternehmen des Medizintechnikkonzerns Fresenius, ist der letzte unter Deutschlands großen Klinikbetreibern, der mit dem Marburger Bund noch keine Einigung über einen Entgelt-Tarifvertrag erzielt hat. Freese betont, dass man mit Unternehmen wie Rhön und Asklepios bereits Verträge geschlossen habe. Die Mediziner von Asklepios beispielsweise erhalten rückwirkend zum 1. Januar um 2,9 Prozent. Zudem erhöhen sich die Zuschläge für Nachtarbeit. Der alte Tarifvertrag zwischen Helios und Marburger Bund endete zum 31. März vergangenen Jahres. Seitdem wurde erfolglos verhandelt. "Wir hoffen, dass wir am Freitag zu einem Abschluss kommen", sagte Freese.

In dem Schreiben der Ärzte ist auch eine verklausulierte Drohung enthalten. Sollten die Verhandlungen erfolglos verlaufen, "wird es zu einem Dammbruch kommen, der die Helios-Kliniken in bislang ungekannter Weise mit dem Problem des Ärztemangels konfrontieren wird", heißt es in dem Schreiben. Mit anderen Worten: Dann würden sich viele Mediziner anderswo bewerben. Laut Marburger Bund gibt es rund 12 000 unbesetzte Ärztestellen in deutschen Krankenhäusern.

Klinik zweifelt an Unterschriften

Die Helios-Geschäftsführung wollte sich unter Verweis auf die laufenden Tarifverhandlungen nicht äußern. Doch ließ die Geschäftsführung mitteilen, dass sie die Zahl von 688 Unterschriften bezweifelt. Die Briefvorlage sei bereits Mitte Februar vom Marburger Bund verfasst worden, ein Dokument mit Unterschriften liege dem Unternehmen bis dato nicht vor. Bei der Berliner Ärztekammer sorgte der Brief für "etwas Überraschung". Helios gelte in der Patientenversorgung bisher als vorbildlich, sagte Sprecher Sascha Rudat. Der Kostendruck, über den die Helios-Ärzte klagen, ziehe sich durch alle Häuser - egal ob private, öffentliche oder kirchliche Kliniken. "Der betriebswirtschaftliche Druck kann auch positive Effekte haben und zu rationaleren Arbeitsprozessen führen", sagte Rudat. Ab einem gewissen Punkt leide aber die Qualität. "Besonders dann, wenn die Personaldecke stark ausgedünnt ist." Dieser Punkt ist laut Ärztekammer offenbar so gut wie erreicht. Die Arbeit in Kliniken müsse von Menschen gemacht werden, da ließe sich nicht jeder Schritt rationalisieren. "Es geht um Patientenversorgung, nicht um Automobilherstellung", sagte Rudat.