Bildung

"An einer normalen Schule würde mein Kind untergehen"

Melissa ist gerade dabei, die Umrisse eines bunt gefärbten Ahornblattes auf ein weißes Stück Papier zu zeichnen. Später wird sie mit Tusche versuchen, ihrem Blatt ebenso schöne Herbstfarben zu geben wie dem Original.

Auch die anderen Schüler der 4a der Bücherwurm-Grundschule in Hellersdorf sind mit Eifer bei der Sache. Lehrerin Martina Schöps geht leise von einem zu andern, gibt hier einen Rat, beantwortet Fragen. Nur selten muss sie den einen oder anderen zur Ruhe mahnen.

Dass in der 4a behinderte und nicht behinderte Kinder zusammen lernen, ist in dieser Stunde kaum zu merken. Alle Kinder haben Spaß am Thema und gehen selbstverständlich miteinander um. "Wir versuchen, jeden Schüler dort abzuholen, wo er gerade ist", sagt Martina Schöps. Die Lehrerin hat bis vor einem Jahr an der Hellersdorfer Sonderschule Erwin Strittmatter gearbeitet und Erfahrung mit der individuellen Förderung jedes Kindes.

Die Bücherwurm-Schule ist eine von sechs Hellersdorfer Grundschulen, die zum Modellversuch Inka gehören, der vor einem Jahr gestartet ist. In dem Schulversuch geht es darum, Kinder mit einem Handicap in die Regelschule aufzunehmen. Ein erstes Fazit von Martina Schöps: "Lernbehinderte Kinder können wir sehr gut integrieren, verhaltensauffällige Schüler bringen uns jedoch oft an unsere Grenzen." Die Zahl dieser Schüler aber steigt. Berlinweit und auch in Hellersdorf.

Senat will neues Konzept vorlegen

Nicht zuletzt deshalb ist die Integration, neuerdings Inklusion genannt, von behinderten Kindern für die Lehrer eine große Herausforderung. Viele sind skeptisch, ob sie das unter den schwierigen Bedingungen, die an einer Vielzahl von Schulen herrschen, auch leisten können. Für heftige Debatten wird deshalb das Inklusions-Konzept der Bildungsverwaltung sorgen, das Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) Ende des Monats vorlegen will. Die Verwaltung plant, alle Schüler mit einer Lern- oder Sprachbehinderung sowie mit emotional-sozialen Störungen in die Regelschule zu integrieren. Die Zahl der Förderzentren soll reduziert, die Sonderpädagogen sollen an den regulären Schulen angestellt werden. In einem zweiten Schritt könnten dann auch geistig und körperbehinderte Kinder mehr und mehr an den normalen Schulen aufgenommen werden.

Bedenken haben vor allem Pädagogen in Problemkiezen, in denen es ohnehin viele Schwierigkeiten gibt. Sie fordern schon lange eine bessere Ausstattung ihrer Schulen mit Lehrern und Sonderpädagogen und kleinere Klassen. Kostenneutral sei Inklusion nicht zu machen, warnen sie. Der Schulleiter der Bücherwurm-Grundschule, Egbert Erdmann, bestätigt: "Wir brauchen dringend eine Schulstation und mehr sonderpädagogisch ausgebildete Lehrkräfte." Auch eine engere Zusammenarbeit mit den zuständigen Schulpsychologen und dem Jugendamt steht auf Erdmanns "Wunschliste" ganz oben.

Inklusion ist bundesweit ein großes Thema. So ist geplant, dass behinderte Kinder keine Sonderschulen mehr besuchen, sondern mit gesunden Kindern auf Regelschulen gehen. Nachdem Deutschland im vergangenen Jahr die UN-Behindertenkonvention ratifiziert hat, arbeiten die Länder an Gesetzesnovellen zur Inklusion, wie das gemeinsame Lernen heißt. Dabei sollen alle Kinder in eine Schule im Viertel gehen, auch die schwerstmehrfach Behinderten. Prüfungen zum Leistungsstand entfallen. Sonderschulen werden abgeschafft.

Wie das in Zukunft aussehen könnte, wird an der Bücherwurm-Grundschule schon jetzt erprobt. Während bundesweit noch 80 Prozent der behinderten Kinder in Sonder- und Förderschulen unterrichtet werden, steht der integrative Ansatz in Berlin nicht erst seit dem Modellprojekt Inka auf der Tagesordnung. Schulen wie die Fläming-Grundschule oder die Annedore-Leber-Grundschule in Tempelhof, die Werbellinsee-Grundschule in Schöneberg oder die Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg haben bereits jahrelange Erfahrung damit. Insgesamt lernen in der Hauptstadt 40 Prozent der Kinder mit einem Handicap an Regelschulen. Berlin liegt damit bundesweit vorn.

Die Schulleiterin der Fläming-Grundschule, Rita Schaffrinna, gerät ins Schwärmen, wenn sie davon erzählt wie gut das gemeinsame Lernen an ihrer Schule gelingt: "Etwa 14 Prozent unsere 580 Schüler haben eine Behinderung. Einige sind sogar schwerstmehrfach behindert", sagt sie. Ihr Credo lautet, dass ein Kind nicht in die Schule passen, sondern die Schule alles bereitstellen muss, was dem Kind hilft und es beim Lernen unterstützt. Aber auch Schaffrinna betont, dass eine Schule ausreichend gut ausgebildetes Personal braucht, damit Inklusion erfolgreich sein kann. Zu ihrem Lehrerteam gehörten acht Sonderpädagogen. Von einer solchen Ausstattung sind viele andere Schulen allerdings weit entfernt.

Vor allem deshalb gibt es noch immer Eltern förderbedürftiger Kinder, die keine guten Erfahrungen mit der Integration gemacht haben. Für Ute Müller (Name v. d. Red. geänd.) aus Neukölln etwa steht fest: An einer Regelschule würde ihr Sohn Stephan (14) untergehen. Die 52-Jährige ist deshalb froh, dass er seit Beginn dieses Schuljahres in einem Förderzentrum lernen kann, und inzwischen sehr zufrieden mit seinen Leistungen. "Stephan leidet unter der Aufmerksamkeitsstörung ADHS, ist unruhig, schnell ablenkbar und leicht überfordert", sagt Ute Müller. Probleme mit dem Lernen kämen hinzu. An der Grundschule habe der Junge es sehr schwer gehabt. Schon nach kurzer Zeit sei er nicht mehr gern dorthin gegangen, meist habe er sich von seinen Mitschülern abgelehnt gefühlt. Oft habe er dann verhaltensauffällig reagiert.

"Bei uns kennt jeder jeden"

Mit dem Wechsel auf die Förderschule Zwickauer Damm im September ist alles anders. Stephan geht endlich gern zur Schule und bringt gute Zensuren nach Hause. Von seinen Mitschülern wird er geachtet. Obwohl erfolgreich, könnte Stephans Schulkarriere trotzdem bald der Vergangenheit angehören, wenn es keine Förderschulen mehr gibt. Ute Müller will sich das gar nicht vorstellen. "Ich würde für den Erhalt von Stephans Schule sogar auf die Straße gehen", sagt sie.

Barbara Gutmann, Schulleiterin der Förderschule am Zwickauer Damm, geht indes davon aus, dass ihre Schule erhalten bleibt. "Wir sind sehr gefragt", sagt sie. Man könne Eltern nicht verwehren, ihr Kind auf einer Sonderschule anzumelden. "Es gibt Schüler, für die sind Klassen mit 25 Kindern und große Schulen einfach nicht machbar." Diese Schüler brauchten kleine Gruppen mit höchstens sechs bis sieben Kindern, wie es sie an ihrer Schule gibt. "Bei uns kennt jeder jeden. Wir können die Kinder genau beobachten und entsprechend fördern. Und wir können ihnen die Geborgenheit geben, die sie brauchen, um sich gut entwickeln zu können."

Für die Schulleiterin gibt es noch ein anderes Problem. "Nicht nur Schule, sondern alle Eltern müssen Inklusion wollen", sagt sie. Oft seien es aber die Väter und Mütter der nicht behinderten Kinder, die Angst davor haben, weil sie fürchten, dass ihre Kinder in der Entwicklung eingeschränkt werden. Der Leistungsdruck in der Gesellschaft sei einfach zu groß.

In Neukölln gibt es neun Förderschulen, sieben davon für Kinder mit Lern- oder Sprachbehinderungen sowie Verhaltsauffälligkeiten, drei für körper- oder geistig behinderte Schüler. Etwa 7,3 Prozent der Schüler des Bezirks werden dort betreut. Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) will viele dieser Angebote erhalten. "Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Eine große Zahl der Schüler dort hat einen langen Leidensweg hinter sich. Diese Schüler sind zum ersten Mal glücklich, weil sie sich auf der Sonderschule endlich angenommen fühlen", sagt sie. Giffey ist gegen ein entweder-oder. "Wir wollen den Eltern die Wahlmöglichkeit erhalten." Gerade in Neukölln, wo es ohnehin viele Regelschulen gebe, deren Schülerschaft intensiv betreut werden müsse. Schon jetzt kämen die Pädagogen dort im Umgang mit verhaltensschwierigen Kindern immer öfter an ihre Grenzen. Der Schulleiter der Bücherwurm-Grundschule, Egbert Erdmann, hält Inklusion zwar für machbar. Nur sei es ein langer Weg, auf dem die Schulen eine bessere Ausstattung brauchen. "Dabei geht es nicht nur um die Grundschulen", betont er. Auch die weiterführenden Schulen müssten sich darauf einstellen, dass sie künftig Schüler bekommen, die stark gefördert werden müssen. "Das ist vielen Sekundarschulen aber noch gar nicht bewusst." Seine Kollegen sorgten sich, wie es mit ihren lernbehinderten Schülern nach der 6. Klasse weitergehen wird. Auf das Inklusionskonzept der Bildungsverwaltung seien sie deshalb sehr gespannt.