Hochseilgarten

Vier Freunde wollen hoch hinaus

Paul und Thomas hängen in einem Baum und befestigen Stahlseile, Ingo gräbt mit dem Bagger für die neue Wasserleitung und Wenzel sitzt vor dem Computer und aktualisiert die Homepage - so ungefähr sieht die Arbeit vier junger Männer in der Jungfernheide zurzeit von früh bis spät aus. Denn am 5. März 2011 geht die neue Saison los.

Im Waldhochseilgarten Jungfernheide zwischen Hundeauslaufgebiet und Wildschweingehege können Erwachsene und Kinder dann wieder auf acht Parcours, durch ein Gurtsystem gesichert und mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden, von Baum zu Baum klettern. Hängebrücken sind noch die harmlose Variante. Es gibt schwebende Pflöcke, Seilschlingen kleine Seilbahnen. Mit 17 Metern ist er der höchste unter den zahlreichen Kletterparks in Berlin - denn das Klettern zählt zu den Trendsportaktivitäten der Stadt.

Der Waldhochseilgarten Jungfernheide hatte im vergangenen Sommer von Mai bis November seinen Testlauf absolviert. Mit Erfolg. 23 000 Kletterbegeisterte hangelten sich durch die Anlage. 35 000 Besucher kamen insgesamt in den Waldhochseilgarten - denn so mancher blieb lieber am Boden und besuchte das kleine dazugehörige Café im 100 Meter entfernten Wasserturm. Dieses Jahr rechnen die Betreiber mit fast doppelt so vielen Besuchern. Die Betreiber, das sind Paul Blecker (33), Wenzel Bartels (34), Ingo Schweitzer (37) und Thomas Major (33). Sie sind schon seit Schultagen befreundet. Ingo ist verantwortlich für Parkpflege und Gastronomiemanagement, Thomas macht die Buchhaltung, Wenzel Marketing und Kasse und Paul ist der Parkmanager der Anlage.

Idee kam bei einer Flasche Wein

Aufgewachsen in Charlottenburg gingen sie unter anderem auf die Lietzensee-Grundschule, die ehemalige Erich-Hoepner-Oberschule und die Wald-Oberschule. Nach der Schule trennten sich ihre Wege für einige Zeit. "Aber ganz aus den Augen verloren haben wir uns eigentlich nie", sagt Paul Blecker. Für ein paar Jahre betreuten er und Thomas Major schwer erziehbare Jugendliche in einem Camp in Frankreich und kamen dort zum ersten Mal in Kontakt mit dem Klettern. "Dort sind diese Kletterparks schon seit Jahrzehnten beliebt", sagt Thomas Major.

Ingo Schweitzer hatte inzwischen bereits seine eigene Garten- und Landschaftsbaufirma in Berlin gegründet und Wenzel Bartels ein Studium der Betriebswirtschaftslehre begonnen. Als Wenzel und Ingo 2004 dann zu Besuch nach Frankreich reisten, entstand dort eines Abends bei einer Flasche Wein die Idee für einen eigenen Hochseilgarten. Trotz der spontanen Idee hätten sie aber immer gewusst, dass das Projekt mit viel Arbeit verbunden sein würde, erzählt Paul Blecker. Nachdem sie sich auf Rügen vergeblich um einen Kletterpark bemüht hatten, entschieden sie sich dann doch für Berlin. "Also fingen wir an, in fast allen Bezirken nach Plätzen zu suchen, die sich eignen", erzählt Thomas Major. "Wir haben 2008 so ziemlich jede Parkanlage mit dem Fahrrad abgeklappert."

Langfristige Planung

Auf diese Weise kamen sie in die Jungfernheide - in ihrem Stammbezirk Charlottenburg. Paul war als Kind oft auf der Badewiese, Wenzel hatte dort im Alter von acht Jahren am Kinderferienprogramm "Kinder, Luft und Sonne" teilgenommen. Der Volkspark ist mit 146 Quadratmetern nach dem Tiergarten die zweitgrößte Parkanlage Berlins. Vom Bezirk pachteten die vier Jungunternehmer 20 Hektar Wald, vorwiegend mit Buchen- und Eichenbestand. Auf zehn Hektar bauten sie ihre Kletteranlage - bis jetzt. Denn die vier Freunde wollen hoch hinaus. "Wir planen ja langfristig. Es könnten also noch mehr werden", sagt Wenzel Bartels. Als Seniorpartner gewannen sie den Geschäftsmann Kai Alexander Moslé (60), den Vater eines Schulfreundes. Bei ihm bekommen sie Rat. "Er hat viel Erfahrung im unternehmerischen Bereich und spricht zum Beispiel auch mal Dinge an, auf die wir sonst nicht so achten würden", sagt Ingo Schweitzer.

Zu Beginn hatten sie eine Menge Auflagen zu erfüllen. "Es tauchten plötzlich Behörden auf, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt", sagt Ingo Schweitzer. Der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf reagierte dann aber positiv auf ihre Planungen. "Am Anfang war man eher skeptisch, dann begeistert. Der Bezirk fand es gut, dass der Volkspark durch uns wieder ein bisschen aufgewertet wird", sagt Paul Blecker. "Vor allem, weil wir ein familienfreundliches Konzept haben."

Er freut sich über das Lob, dass ihnen nach ihrer Testsaison von allen Seiten ausgesprochen wurde, insbesondere von Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU), der mit seinem Sohn (11) auch schon geklettert ist. "Ich bin begeistert", sagt der Baustadtrat. "Wir haben endlich ein Konzept gefunden, das den Park wieder mehr belebt." Unerwünschte Nutzungen wie herumhängende Jugendliche könnten so besser verhindert werden. Es habe in der Vergangenheit häufig Probleme mit Graffiti am Wasserturm gegeben. "Und das Tolle ist, es ist nichts eingezäunt, alle können weiter spazieren gehen." Zustimmung gab es für die Jungunternehmer auch, weil Flora und Fauna laut Gutachten durch den Kletterpark nicht beeinträchtigt sind. Und vielleicht auch, weil sie ein bisschen in die Fußstapfen des Gartendirektors Erwin Barth getreten sind, nach dessen Plänen der Volkspark in den Zwanziger Jahren entstand. Er hatte den Park einst als Freizeitort erdacht, der Besucher jeden Alters anspricht.

Der Waldhochseilgarten soll auch ein Ort zur Betreuung für Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen werden. Eine Teilnahme am Präventionstag der Berliner Schulen ist in Planung, im Mai sind sie Teil der "Langen Nacht der Familie" mit dem Programm "Tarzan der Nacht". Nach Feierabend gehen die Männer aus Spaß oft selbst in die Bäume und klettern um die Wette, denn es gilt, den Schnellsten zu schlagen. Und das ist Ingo.