Tourismus

Kleiner Geldbeutel, große Lust auf Nachtleben

An diesem Nachmittag kann Ersin Yalcin sich kaum beklagen. Im Minutentakt öffnet sich die Tür, seine Kundschaft ist international: Zwei Engländerinnen kaufen Zigaretten, die Italiener fragen nach Telefonkarten, die ersten Nachbarn haben auch schon Biere bestellt. Yalcins kleiner Spätkauf hat hier, auf der Schlesischen Straße, gewissermaßen Standortvorteil.

Sein Laden liegt nur wenige Gehminuten von Hostels und Touristenappartements entfernt. Wenn die Berlin-Besucher in die Bars und Discotheken ziehen, dann müssen sie an Yalcin vorbei. Am Morgen füllt er die Kühlschränke mit Bier, Alkopops und Sektflaschen. Je später der Abend, desto mehr leeren sich seine Bestände. "Die Saison, die fängt jetzt erst an", sagt er. In den Sommermonaten wird er bis in die Morgenstunden öffnen. Pünktlich zum Frühjahr hat Yalcin außerdem Fahrräder angekarrt. Die bietet er zum Verleih an.

Der Kiez steht auf der Kippe

Rund um das Schlesische Tor ist es eng geworden. Restaurant reiht sich an Schnellimbiss, neue Bars an Bäckereien. Zimmer in Altbauten werden als Ferienwohnungen vermietet. Hostels sind in Mietshäuser gezogen, bieten Übernachtungen ab elf Euro an. Zielgruppe ist der Partytourist. Mit kleinem Geldbeutel und großer Lust am Nachtleben. Am Schlesischen Tor hat er alles, was er dazu braucht.

Anwohner fühlen sich zunehmend durch nächtliche Ruhestörungen und umherziehende Touristengruppen gestört. In einer Diskussion am Montag, zu der die Grünen eingeladen hatten, machten viele Kreuzberger ihrem Unmut Luft. Seither ist eine heftige Debatte um Kneipenlärm, Easyjetsetter und Fremdenfeindlichkeit im Gange. "Es gab immer Partys und Touristen hier, es war immer laut", sagt Heba Choukri. Die Galeristin lebt seit 1986 in Kreuzberg. "Aber jetzt ist es lauter und voller auf den Straßen als noch vor drei oder vier Jahren." Denn unzählige neue Clubs sind in den Kiez gezogen, der eigentlich ein Wohnviertel ist. An den Wochenenden bilden sich dort endlose Schlangen vor Läden, die Watergate, Magnet oder Lido heißen. Im Sommer locken DJs mit Live-Techno in Biergärten. Die Gegend, die früher als Geheimtipp gehandelt wurde, verändert sich, seit Reiseführer die Gegend als Berlins angesagtes Diskodreieck anpreisen.

Was Anwohner am meisten stört: Mit dem Zustrom an Partygästen und Touristen sind die Mieten im Viertel gestiegen. Viele türkische Familien seien ausgezogen, auch Hartz-IV-Empfänger hätten ihre Wohnungen aufgegeben, erzählt Galeristin Choukri. Einzelhändlern wurde Geld geboten, damit sie größeren Gewerben weichen, andere kleine Läden verschwinden, sie können sich die hohen Quadratmeterpreise nicht mehr leisten. "Die Kiezstruktur geht uns verloren", sagt die Blumenverkäuferin in der Falckensteinstraße. Früher sei es bunt gewesen, jetzt zögen immer mehr Ketten her. Die Änderungsschneiderei ist nicht mehr da, das Bestattungsinstitut zog weg, auch ein beliebter Malerladen gab sein Geschäft hier auf. In die frei gewordenen Räume drängen wieder Restaurants. Dabei gibt es zuhauf Schnellimbisse, die Fast-Food zu Niedrigstpreisen anbieten. Asiatisch, türkisch, italienisch - für unter drei Euro kann hier jeder satt werden. Anwohner sorgen sich, dass ihr Wrangelkiez zur Ballermannmeile verkommt.

"Es mangelt an Sensibilität der Gäste und der Hostelbetreiber", schimpft Friede Mertens, 58. Im Sommer sei es am Schlimmsten, da gebe es auch unter der Woche keine Ruhe. Sonntags blicke sie auf Müllberge, die zurückbleiben und oft erst montags weggeräumt würden. Zerbrochene Flaschen, ausgelaufene Dosen, Döner- oder Pizzareste. Es rieche nach Urin oder Erbrochenem. Anwohner wünschen sich mehr Präsenz des Ordnungsamtes, auch im nahe gelegenen Görlitzer Park. Wenn sich dort Feiernde treffen und über Stunden laut Musik machen, dann müsse eingegriffen werden.

"Touris verpisst euch"

Den Unmut der Einheimischen bekommt auch Karsten Hemmerling zu spüren. Seit 2006 führt er durch den Kiez - Berlin-Besucher und Schulgruppen. Er schildert die Entwicklung des heutigen Kreuzbergs nach dem Mauerfall, samt seiner Migrations- und Hartz-IV-Problematik. Immer öfter kommt es im Wrangelkiez zur Konfrontation mit Anwohnern. "Touris verpisst euch", rief kürzlich wieder jemand zur Gruppe. Auch das Fotografieren ist immer seltener erwünscht. "Wir sind hier nicht im Zoo", heißt es dann. Hemmerling kann die Angst, verdrängt zu werden, durchaus verstehen. Besonders in diesem Fleck Berlins. "Das Kreuzberg, wie es heute ist, das haben sich die Menschen hier erarbeitet", sagt Hemmerling.

Galeristin Choukri sagt, sie sei nicht gegen den Wandel im Wrangelkiez oder gegen Touristen. Sie sei selbst vor vielen Jahren als Fremde nach Berlin gekommen und habe Kreuzberg als spannend empfunden. Heute ist die gebürtige Bochumerin 44 Jahre alt. Sie hat drei Kinder, die im Wrangelkiez zur Schule gehen, und engagiert sich. Es gebe viele Netzwerke und Kontakte, weil sich Türken, Deutsche, Polen und Russen im Quartier seit langem kennen und ansprechen, erzählt sie. Heba Choukri ist im Förderverein der Grundschule aktiv, die ihre Kinder besuchen. Sie sagt, dass es viele soziale Projekte im Viertel gibt, nennt das Nachbarschaftshaus und den Seniorentreff. "Wir müssten uns alle zusammensetzen und überlegen, was man tun kann", sagt sie. Auch die Hauseigentümer und Gastwirte sollten dazu eingeladen werden.

Den Zustrom von Touristen und Partygästen könne man nicht reglementieren, sagt der Soziologe Klaus-Peter Pollück. "Berlin ist eine Metropole", so der Wissenschaftler vom Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin. "Die Stadt ist attraktiv, sie wirbt mit ihren Kiezen." Kreuzberg sei immer exotisch gewesen und habe junge Leute angezogen. "Dann siedeln sich auch Clubs an." Eine Möglichkeit des politischen Eingreifens wäre, das Verbot für die Zweckentfremdung von Wohnraum wieder einzuführen. Das schlägt Daniel Wesener, Sprecher der Grünen-Fraktion in der Bezirksverordneten-Versammlung von Friedrichshain-Kreuzberg vor. Damit könne man verhindern, dass immer mehr Ferienwohnungen in den Kreuzberger Häusern entstehen, die dadurch dem Wohnungsmarkt verloren gehen, sagt Wesener.

Wer Touristen auf die Situation anspricht, stößt auf geteilte Meinungen. Die Schwedin Anika Falkengren, 22, mag die Sorge der Kreuzberger nicht teilen. Kiezgerecht gestylt, mit Sonnenbrille und breitkrempigem Hut auf dem Kopf, schlendert sie durch den Wrangelkiez. "Wir lassen viel Geld hier, das ist doch gut für die Stadt, oder?", sagt sie. Norweger und Schweden seien viele hier, der Alkohol sei günstiger, Berlin zählt zu den angesagtesten Städten in Europa. Kreuzberg und Neukölln mag sie am liebsten. "Hier kann man den ganzen Tag frühstücken gehen", sagt sie. Anders sehen es die Schweizerinnen, die gerade an der East Side Gallery unzählige Fotos gemacht haben. "Ja, es sind zu viele Touristen hier", sagt Stefani Srbinoska, 19. "Wir kommen gerade vom Hackeschen Markt, da hört man alles außer Deutsch." Ihre Freundinnen nicken, die drei Studentinnen hoffen, dass es in Kreuzberg authentischer sein wird, am Abend wollen sie die angesagten Clubs dort testen.