Schweinegrippe

Verunsicherung, Verwirrung und völlig überforderte Behörden in Berlin

Joachim Lange aus Marzahn-Hellersdorf war überrascht. Der 75 Jahre alte Rentner hatte die Info-Hotline des Bezirksamtes gewählt, um Antworten zur Schweinegrippe zu bekommen. "Auf meine Frage, wann und wo ich mich impfen lassen kann, reagierte die Dame nur mit Ratlosigkeit", sagte Lange. Erst nach einem Anruf direkt beim Gesundheitsamt sei ihm mitgeteilt worden, dass am Montag eine Liste der Ärzte im Internet veröffentlicht werde, die gegen die neue Grippe impfen.

Nach Bekanntwerden des ersten möglichen Schweinegrippe-Toten in Berlin gab es gestern einen Ansturm auf die Informationsstellen der Bezirksämter und des Senats. Doch das Durcheinander ist immer noch groß. Die Berliner wissen nicht, wo und wann sie sich impfen lassen können. Von Ärzten, Behörden und Experten erhalten sie unterschiedliche Antworten.

Für zusätzliche Verwirrung sorgte die Äußerung des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Jörg Hacker: "Wer Grippe hat, hat H1N1." Erst vor wenigen Tagen hatte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) vorrangig zur Impfung gegen die saisonale Grippe aufgerufen.

"Wir haben bis zu 400 Anrufe täglich", sagte die Gesundheitsstadträtin von Tempelhof-Schöneberg, Sybill Klotz (Grüne), gestern. "Das Informationsbedürfnis ist groß und schwer zu bewältigen." Nach Angaben von Klotz nimmt auch die Impfbereitschaft deutlich zu. So würden täglich zwischen 20 und 40 Menschen im Gesundheitsamt geimpft, Tendenz steigend. Dabei handelt es sich zunächst nur um folgende Gruppen: Personen, die nicht krankenversichert sind, wie Obdachlose oder Selbstständige, Menschen mit chronischen Erkrankungen, die vor einer Operation stehen, oder auch Mekka-Reisende, da Saudi-Arabien bei Einreise eine entsprechende Impfbescheinigung verlange, sagt Klotz. Geimpft werden auch Ärzte, Apotheker, Schwestern und Pfleger.

Für gesunde Berliner, die sich auch impfen lassen wollen, sind die Gesundheitsämter nicht zuständig. Doch das wissen längst nicht alle. "90 Prozent der Anrufer, die sich bei uns melden, wollen wissen, wo sie sich, und ob sie sich im Gesundheitsamt impfen lassen können", sagte der Vize-Amtsarzt von Tempelhof-Schöneberg, Andreas Dinter. Anfangs - vor Bekanntwerden des möglichen Grippe-Toten - war das anders. "Als der Impfstoff ausgeliefert wurde, konnten wir noch jeden impfen, der anrief und um einen Termin bat", sagte der Amtsarzt. Jetzt, bei dem deutlich größeren Andrang, werden nur die "Schlüsselpersonen" versorgt.

Zum bevorzugten Schlüsselpersonal gehört auch Marion Mathev. Sie kam gestern zur Impfstelle Charlottenburg-Wilmersdorf. Dort hängt schon ein Schild: "Wegen des großen Andrangs kann leider in dieser Woche (2.11.-6.11.) niemand mehr ohne Termin geimpft werden." Mathev sagt aber: "Ich bin Ärztin und meine Tochter wird jetzt ein Krankenhaus-Praktikum machen, deswegen haben wir uns schon impfen lassen."

Auch andere Berliner suchen hier Hilfe - trotz des abweisenden Schildes am Türeingang. Augusta Rolfes und ihr Mann kommen wie viele andere auch zum Bürgeramt, weil sie vorher vergeblich versucht haben, die Beratungsstelle telefonisch zu erreichen. "Wir denken, je mehr Personen sich impfen lassen, desto geringer ist das Risiko." Die beiden erkundigten sich vor Ort danach, wann und wo sie sich impfen lassen können. Und wurden auf den 9. November verwiesen. Dann soll die Impfaktion für die Bevölkerung starten. Über ausgewählte Hausärzte sollen die Berliner den Schutz vor der Schweinegrippe erhalten. Doch auch hier hapert es. Stadträtin Klotz mahnte daher gestern in Richtung Senat die Liste der Impfärzte an. "Wir brauchen die Impfung durch die niedergelassenen Ärzte. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum es dem Senat und der Kassenärztlichen Vereinigung nicht gelingt, eine vertragliche Regelung zu treffen." Bisher gibt es nur einige Hundert Ärzte, die der Senat für diese Kampagne gewinnen konnte. Denn zwischen Senat und Kassenärztlicher Vereinigung (KV) hatte es Streit um die Bezahlung gegeben. Die KV hatte 7,10 Euro pro Impfung gefordert; der Senat zahlt aber nur 5,50 Euro. "Wir bleiben bei unserer Position, es hat sich nichts geändert", sagte gestern KV-Sprecherin Simone Plake. "Es gibt keine neuen Verhandlungen", sagte Marie-Luise-Dittmar, Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit, "wir machen nun die Arbeit der KV und schreiben die Ärzte einzeln an". 100 haben bereits Verträge erhalten und wollen ab Montag impfen, 300 weitere haben ihre Bereitschaft bekundet. Fraglich ist allerdings, ob diese Zahl ausreicht, die Berliner Bevölkerung schnell durchzuimpfen.

Auch bei der Versorgung mit Imfstoff gibt es möglicherweise bald Probleme. Denn in dem einzigen zentralen Kühllager einer Großapotheke am Salzufer gibt es zurzeit etwa 100 000 Einheiten. "Es könnte bald eine Lücke zwischen dem Impfbedürfnis und der vorhandenen Zahl der Imfpdosen geben", sagte ein Experte der Senatsgesundheitsverwaltung.

Fehlende Amtsärzte

Dass die Zahl der Interessenten steigt, bestätigte gestern auch Claudia Kaufhold. Die Amtsärztin ist die Leiterin des Gesundheitsamtes Charlottenburg-Wilmersdorf. "Am 19. Oktober hatten wir nur zwei Mitarbeiter, die am Telefon waren, um die Fragen der Patienten zu beantworten. Heute sind es sechs." Die Zahl der Mitarbeiter bei den Gesundheitsämtern ist begrenzt. Eine schnelle Hilfe für die Bevölkerung können die Gesundheitsämter nicht leisten. "Wir können nicht die schätzungsweise 1900 fehlenden Ärzte in Berlin ersetzen", sagt Lioba Zürn-Kasztantowicz, Bezirksstadträtin für Gesundheit in Pankow. "Wir in Pankow haben maximal zwei Ärzte zur Verfügung, die sich allerdings auch noch um andere Aufgaben kümmern müssen." Alle bezirklichen Gesundheitsämter könnten zusammen 24 Ärzte stellen, das sei lächerlich und helfe nicht dabei, das Problem zu lösen.

Im Grunde habe man in Pankow nicht einmal ausreichend Personal, um alle eintreffenden Telefonate annehmen zu können. "Wir können nur auf die angekündigte Liste mit den Namen der Ärzte verweisen."

Aber welche Ärzte werden auf dieser Liste stehen? Tobias Glaunsinger, Facharzt für Allgemeinmedizin und Infektiologe in Prenzlauer Berg, erfuhr erst gestern am späten Nachmittag, dass er am Montag dort auftauchen wird. "Ich habe eben bei der Apotheke angerufen, die den Impfstoff vorrätig hat: Eine Lieferung bis Dienstag soll realistisch sein." Nun müssten er und sein Team die "sportliche Leistung" vollbringen, die aufwendige Impfaktion zu organisieren. Glaunsinger wollte sich übrigens selbst impfen lassen. "Beim Gesundheitsamt Pankow erklärte man mir, dass dies nur in der Zeit von 9 bis 11 Uhr möglich sei." Dabei sei, als er dort eintraf, "nichts los" gewesen.

Auch viele Eltern sind verunsichert. Bei dieser Zeitung meldete sich gestern eine Kreuzberger Mutter, die ihre beiden Kinder (eins und sechs Jahre alt) impfen lassen wollte. "Ich habe heute morgen bei unserer Kinderärztin angerufen", sagte sie, "doch die meinte, im Moment gibt es sowieso keinen Impfstoff. Und wenn es ihn gibt, sind sowieso erst einmal die chronisch Kranken als Erste dran." Auch aus einer Kinderarztpraxis in Prenzlauer Berg hieß es gestern, dass noch nicht geimpft werde. "Wir halten das Impfen aber für sinnvoll und raten unserer Patienten, sich an das Gesundheitsamt zu wenden", sagte eine Mitarbeiterin. Das Chaos bei den Kinderärzten bestätigt auch Stadträtin Klotz. So hätten sich Mediziner an den Bezirk gewandt und angeboten, in den Räumen des Gesundheitsamtes zu impfen. Noch würden Kleinkinder in Berlin allerdings nicht geimpft. Hier laufen derzeit noch Verhandlungen zwischen dem Senat und dem Verband der Kinderärzte. "Wir warten auf das Ergebnis", sagte Amtsarzt Dinter. Grundsätzlich sei der Impfstoff für Kinder ab sechs Monaten zugelassen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sprach bereits am Mittwoch die Empfehlung aus, auch Kinder unter drei Jahren zu impfen. Das sei besonders angeraten bei Kindern mit chronischen Leiden wie Asthma, Herzfehler oder Stoffwechselerkrankungen.

Der FDP-Fraktionschef Christoph Meyer kritisierte gestern die Senatsgesundheitsverwaltung. "Weder die Logistik der H1N1-Impfung noch die Beschaffung des risikoarmen Impfstoffs für Schwangere und Kinder funktionieren in Berlin. Dabei war mehr als ein halbes Jahr Zeit", sagte Meyer. Er forderte, das Epidemie-Management müsse jetzt Chefsache werden.

Eltern lassen Kinder zu Hause

Verwirrung herrscht auch bei den Eltern von Schulkindern. An der Metropolitan School in Mitte etwa zogen es gestern viele Eltern vor, ihre Kinder zu Hause zu lassen, nachdem die Schule über zwei Schweinegrippe-Fälle in der zweiten Klasse informiert hatte. In dem Schreiben wurden die Eltern aufgefordert, bei ihren Kindern auf Symptome wie Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen, Halsschmerzen und Husten zu achten. Bei Verdachtsfällen solle sofort ein Arzt aufgesucht und die Schule informiert werden.

Den gesamten Jahrgang vom Schulbesuch ausschließen wollte die Schulleiterin zunächst nicht. "Wir wollen erst einmal abwarten, ob weitere Fälle auftreten", sagt Schulleiterin Cornelia Donner. Ob eine Schule wegen Schweinegrippe geschlossen wird oder nicht, werde mit der bezirklichen Gesundheitsbehörde entschieden. Eine Vorgabe dazu gebe es nicht. Die Schulen seien lediglich angehalten, nicht vorschnell die Schüler nach Hause zu schicken, so Schulleiterin Donner. Auch hier keine klare Linie.