Bildung

Ein Vorbild für Migrantenkinder

Am Robert-Koch-Gymnasium in Kreuzberg lernen etwa 600 Schüler. Fast alle haben einen Migrationshintergrund. Im Lehrerzimmer dagegen sind die Verhältnisse umgekehrt. Von den 50 Kollegen sind gerade einmal vier nicht deutscher Herkunft. Eine von ihnen ist Ferda Schubert. Die 43-jährige Lehrerin für Deutsch, Englisch und Türkisch hat türkische Wurzeln.

Sie studierte an der Technischen Universität in Berlin und ist seit 2004 an der Robert-Koch-Schule beschäftigt.

Ferda Schubert sagt, dass sich viele Schüler mit ihr identifizieren. "Ich habe den Eindruck, dass ich gerade für die Kinder mit Migrationshintergrund ein Vorbild bin." Sie sei das greifbare Beispiel dafür, dass man mit einer gut bezahlten Tätigkeit auf eigenen Füßen stehen und Familie und Beruf vereinbaren kann. Immer wieder würden die Schüler sie fragen, wie sie es geschafft habe, wie sie lebe, welche Werte sie habe. Nicht selten kämen sie auch mit ihren Problemen zu ihr. "Da ich den selben kulturellen Hintergrund habe wie viele meiner Schüler, gehen diese davon aus, dass ich sie besonders gut beraten kann", sagt die zierliche schwarzhaarige Frau.

Pädagogen wie Ferda Schubert werden gegenwärtig händeringend gesucht. In der Hauptstadt haben inzwischen 42 Prozent der sechs- bis fünfzehnjährigen Schüler einen Migrationshintergrund. Tendenz steigend. Im Vergleich dazu gibt es aber nur wenige Lehrer nicht deutscher Herkunft. Das soll sich nun ändern. Die Bildungsverwaltung hat im Herbst vergangenen Jahres mit dem "Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund" ein entsprechendes Projekt auf den Weg gebracht. Das zeitigt bereits erste Erfolge. Wie die Sprecherin des Netzwerkes, Mengü Özhan, berichtet, hat sich die Zahl der Mitstreiter, zu denen neben Lehrern auch Referendare und Lehramtsstudierende gehören, bereits von 40 auf 100 erhöht. Außerdem gibt es schon Kooperationsvereinbarungen mit mehr als 20 Berliner Schulen. Darunter viele Bildungseinrichtungen in sogenannten Problemkiezen. Auch mit der Freien Uni und der Humboldt-Universität, die bereits langjährige Erfahrung mit der Förderung von Migranten haben, arbeiten die Mitglieder des Netzwerkes zusammen.

Netzwerk will Eltern informieren

Ziel ist es, mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund für den Lehrerberuf zu gewinnen und sie bei ihrer Ausbildung zu unterstützen. Claudia Zinke, Staatssekretärin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), ist die Initiatorin des Netzwerkes. "Was in der Schule längst Realität ist, muss sich endlich auch in den Lehrerzimmern widerspiegeln", sagt sie. Schüler mit Migrationshintergrund bräuchten dringend Menschen, an denen sie sich bei ihrer Berufswahl orientieren können. Und die Schulen brauchten mehr Pädagogen, die sich in die Schüler hineinversetzen und sie besser erreichen könnten.

Auch Lehrerin Ferda Schubert ist überzeugt davon, dass berufliche Vorbilder für ihre Schüler wichtig sind. Viele kämen aus bildungsfernen Familien, in denen die Eltern arbeitslos sind oder zumindest die Mütter nicht arbeiten gehen. Es sei deshalb gut, wenn es Menschen gebe, deren berufliche Laufbahn für die Schüler nachahmenswert ist. "Sie sehen, was für Möglichkeiten es gibt und dass auch sie es schaffen können, wenn sie einen guten Abschluss machen", sagt Schubert. Diese Erfahrung haben auch ihre Kollegen Thomas Hashemi, Lehrer für Deutsch, Philosophie und Ethik, und Mavis Arslan, die Sport, Geschichte und Türkisch an der Robert-Koch-Schule unterrichtet, gemacht. Hashemi sagt, dass es natürlich auch vor dem Start des Netzwerkes immer wieder Schüler gegeben habe, die sich für den Lehrerberuf interessierten. "Jetzt können wir aber systematischer vorgehen, die Schüler gezielt ansprechen und sie anschließend bei ihrer Ausbildung begleiten."

Die Mitglieder des Netzwerkes wollen darüber hinaus eng mit den Eltern zusammen arbeiten und die Mütter und Väter besser darüber informieren, welche Berufe für ihre Kinder nach dem Abitur in Frage kommen. "Die Eltern sollen erkennen, dass nicht nur Rechtsanwalt oder Arzt, sondern auch Lehrer ein anerkannter Beruf ist", sagt Özhan.

Das erste große Projekt des Netzwerkes ist der Schülercampus zum Thema "Mehr Migranten werden Lehrer", der vom 16. bis 19. Juni an der Freien Universität stattfinden soll. Mit Unterstützung der Zeit-Stiftung wird 30 Schülern ein viertägiger Kompaktkurs angeboten. Dieser umfasst eine Einführung in die fachlichen Grundlagen der Pädagogik. Zudem informiert er praxisbezogen über das Berufsfeld Lehrer und die Chancen und Herausforderungen, die der Lehrerberuf mit sich bringt. Darüber hinaus geben Lehrkräfte mit Migrationshintergrund Einblicke in ihre eigene Bildungsbiografie und vermitteln ihre Erfahrungen aus Studium und Schulalltag. Geplant ist, jährlich einen solchen Campus zu organisieren.

Förderpartner des Schülercampus ist die Gemeinnützige Hertie-Stiftung. Die federführende Organisation liegt beim Zentrum für Lehrerbildung der Freien Universität. Partner des Berliner Schülercampus sind die Freie Universität Berlin und die Berliner Humboldt-Universität; beide Hochschulen beteiligen sich während der vier Tage mit Veranstaltungen und Angeboten.

Interessierte Berliner Schüler mit Migrationshintergrund der Klassen 10 bis 13 können sich vom13. bis zum 31. März für die Teilnahme am Campus bewerben. In einem Motivationsschreiben müssen sie darlegen, warum sie Lehrer werden wollen. Auch ihr Lebenslauf sowie ein Empfehlungsschreiben eines Lehrers und die Kopie des letzten Zeugnisses gehören in die Bewerbungsmappe. Wohin sie ihre Unterlagen schicken sollen, erfahren die Schüler im Internet unter: www.mehr-migranten-werden-lehrer.de .

Interesse für Biografie der Lehrerin

Wenn das Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund erfolgreich ist, könnte es schon bald mehr solcher Referendare geben wie die 27-jährige Ebru Özcan. Die junge Frau mit den langen dunklen Haaren hat an der Freien Universität studiert. Sie ist angehende Mathematik- und Physiklehrerin und für die Dauer ihres Referendariats an der Robert-Koch-Schule tätig. "Die Schüler hier sind total neugierig auf meine Biografie und fragen mich immer wieder wie ich mein Studium geschafft habe", sagt sie. Im Unterricht spreche sie natürlich Deutsch mit den Schülern. Nachmittags allerdings würde sie auch schon mal auf Türkisch mit ihnen plaudern. "Schnell ist dann eine vertrauensvolle Atmosphäre hergestellt."

Ebru Özcan, die in Kreuzberg ihr Abitur gemacht hat und eher "durch Zufall" zum Lehrerberuf gekommen ist, hätte sich gewünscht, dass auch unter ihrer Lehrern wenigstens einige mit Migrationshintergrund gewesen wären. "Das hätte mir meine Berufswahl bestimmt leichter gemacht", sagt sie. Ob sie nach ihrem Referendariat in Berlin bleibt, steht noch nicht fest. "Ich kann mir durchaus vorstellen, an einer Schule wie dem Robert-Koch-Gymnasium zu arbeiten", sagt Ebru Özcan.