Unternehmen

Stellensuche in der Nacht

Fasziniert steht Lena Mechik vor einer gewaltigen Gasturbine. Seit sie 18 Jahre alt ist, interessiert sich die Studentin für die Herstellung dieser Riesen aus Stahl. Damals hat sie beim Wettbewerb Jugend forscht mit einem Projekt zu Turbinenschaufeln den zweiten Platz belegt.

Gemeinsam mit anderen Studenten besucht die 25-Jährige an diesem Mittwochabend die Produktionshallen der Siemens AG. Mit einem Schutzhelm auf dem Kopf laufen sie vorbei an den lärmenden Maschinen. Über ein Funkgerät erklärt ihnen die Siemens-Mitarbeiterin Claudia Salchow die Herstellungsprozesse. Lena Mechik hört aufmerksam zu und stellt viele Fragen. Am Ende der Führung erkundigt sie sich sofort bei Claudia Salchow nach den Möglichkeiten, im Betrieb als Praktikant oder Trainee zu arbeiten. "Am liebsten wären mir die Bereiche Produktmanagement oder Marketing", sagt sie.

Lena Mechik ist eine von rund 800 Studierenden, die am Mittwochabend die "Nacht der Unternehmen" nutzen, um verschiedene Betriebe näher kennen zu lernen. Organisiert wird diese Veranstaltung von der Tema Technologie Marketing AG in Zusammenarbeit mit den Berliner Hochschulen. "Ich hoffe, durch die Besuche in den Unternehmen ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Firma zu mir passt", sagt Lena Mechik. Sie wird in zwei Wochen ihr Studium des Wirtschaftsingenieurwesens beenden und beginnt gerade mit der Suche nach einem Arbeitsplatz.

Die Nacht der Unternehmen, die vor einem Jahr zum ersten Mal stattfand, ist nicht nur eine reine Informationsmesse. Mit Shuttlebussen können die Studenten die Betriebe auch vor Ort besichtigen. Am Mittwochabend bringen mehrere solcher Busse die Interessierten zu zehn Berliner Unternehmen im gesamten Stadtgebiet. In diesem Jahr sind wieder große Konzerne wie die Telekom oder die Gasag-Gruppe darunter, aber auch kleinere Firmen, wie das IT-Unternehmen infoteam.

Bettina Satory, die Leiterin des Career Service der TU Berlin, ist überzeugt: "Durch den Besuch im Betrieb und den persönlichen Kontakt mit den Mitarbeitern bekommt das Unternehmen ein Gesicht. Das hilft den Studenten zu entscheiden, wo sie später arbeiten wollen." Gemeinsam mit ihren Mitarbeitern unterstützt Bettina Satory Absolventen der Technischen Universität beim Übergang ins Berufsleben. Sie bieten Beratungsgespräche an oder geben Tipps für die Gestaltung der Bewerbung.

Bettina Satory erklärt auch die Motivation der teilnehmenden Unternehmen genauer. "Im technischen Bereich ist ein starker Fachkräftemangel spürbar. Die Firmen freuen sich inzwischen über jeden Interessenten." Da der IT- und Technikmarkt sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt hat, wird immer mehr gut ausgebildetes Personal gebraucht, auch in Berliner Unternehmen.

Claudia Salchow von der Siemens AG kann genaue Zahlen nennen. Sie erklärt, dass ihr Unternehmen allein am Standort Berlin 18 freie Stellen zu besetzen hat. "Was uns dringend fehlt, sind Ingenieure." Das trifft auf einen großen Teil der Unternehmen im technischen Bereich zu. Neben einem Mangel an Ingenieuren beklagen viele Betriebe auch, dass es immer noch zu wenige Informatiker gibt.

Aus diesem Grund liegt der Schwerpunkt der Nacht der Unternehmen auch in diesem Jahr wieder auf den Zukunftsbranchen wie Energie, Logistik, Optik und IT & Telekommunikation.

Viele Betriebe haben inzwischen sogar spezielle Nachwuchsprogramme entwickelt, um für die Absolventen interessant zu sein. Claudia Salchow nennt die Möglichkeiten, die bei der Siemens AG bestehen. "Die Studenten können bei uns als Werkstudenten 18 Stunden pro Woche arbeiten und nebenbei ihre Bachelor- oder Masterarbeit schreiben. Deren Thema bezieht sich dann natürlich immer auf unser Werk und die Gasturbinenproduktion", sagt die Personalreferentin. Außerdem steht der Einstieg als Praktikant oder Trainee wie in fast jedem Unternehmen auch bei Siemens den Studenten offen.

Kleine Betriebe bekannt machen

Bettina Satory vom Career Service hält es für ein weiteres Problem, dass die Studenten vor allem die kleineren Unternehmen gar nicht kennen. Gerade dort aber bestehen gute Einstiegs- und Wachstumschancen. Das zeigt sich beispielsweise an der Number Four AG. Im letzten Jahr war die IT-Firma als Start Up mit nur fünf Mitarbeitern bei der Nacht der Unternehmen vertreten. Inzwischen hat sich das Unternehmen zu einem Betrieb mit rund 30 Angestellten entwickelt. "In einem kleineren Betrieb bekommt man viel schneller Verantwortung übertragen. Das kann auch ein Vorteil sein", sagt Satory.

Um den Bekanntheitsgrad kleiner Unternehmen zu erhöhen, haben diese im Lichthof der TU Berlin auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit, sich ausschließlich an einem Messestand vorzustellen und mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen.

Lena Mechik, die vor 14 Jahren mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland kam, interessiert sich allerdings vor allem für die Siemens AG. "Das ist ein traditionsreiches Unternehmen", sagt die 25-Jährige. Außerdem sei der Betrieb der einzige in Deutschland, der Gasturbinen herstellt. Von einem Arbeitsplatz bei Siemens verspricht sich die junge Frau eine abwechslungsreiche Tätigkeit. Dass sie dort eine der wenigen Frauen wäre, stört sie nicht. Schon während des Studiums hatte sie es vor allem mit männlichen Kommilitonen zu tun. "Diskriminiert fühlte ich mich nie", sagt sie.

Der Besuch des Gasturbinenwerks während der Nacht der Unternehmen hat Lena Mechik in ihren Berufswünschen bestärkt. Die 25-Jährige glaubt, ihrem Ziel ein Stück näher gekommen zu sein: Sie will sich demnächst bei der Siemens AG bewerben.

Ich hoffe, ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Firma zu mir passt

Lena Mechik, Studentin an der TU Berlin