Senat rät zur Impfung

Schweinegrippe-Toter war nicht isoliert

Nach Bekanntwerden des ersten möglichen Todesfalles aufgrund einer Schweinegrippen-Infektion in Berlin hat die Senatsgesundheitsverwaltung vor Panikreaktionen gewarnt. Man müsse die Obduktion des 40-jährigen Mannes, der am Montag überraschend an einem Herz-Kreislauf-Versagen gestorben war, abwarten.

Fest steht, dass der Mann mit dem Schweinegrippenvirus AH1N1 infiziert war.

Benjamin Hoff, Gesundheitsstaatssekrektär (Linke) sagte: "An unserer Gefahreneinschätzung hat sich auch durch den aktuellen Fall nichts geändert. Es handelt sich um eine Pandemie, und wir wissen, dass die Zahl der Krankheitheitsfälle in dieser Jahreszeit zunehmen wird. Und wir haben nie Todesfälle ausgeschlossen."

Die Senatsgesundheitsverwaltung geht davon aus, dass nach diesem Vorfall die Impfbereitschaft in Berlin rapide steigen wird. So habe es nach den jüngsten Todesfällen in Nordrhein-Westfalen auch deutlich mehr Impf-Anfragen gegeben.

Die Pressereferentin der Vivantes-Kliniken, Astrid Steuber, zu dem das Klinikum Am Urban gehört, betonte, dass die endgültige Todesursache noch nicht feststeht. Wo der Mann sich infiziert haben könnte, sei ebenfalls noch unklar. Der Patient, der sehr dick gewesen sein soll, war am Freitag mit einer akuten Lungenentzündung aufgenommen worden. Den Test auf die Infektion mit der Schweinegrippe hatte das Klinikum laut Steuber am Sonntag gemacht. Erst zu diesem Zeitpunkt gab es offenbar konkrete Anhaltspunkte auf Schweinegrippe. "Sobald ein solcher Verdacht vorliegt, wird der Test angeordnet", sagte die Sprecherin.

Das Klinikum hat mittlerweile auch reagiert. "Vorsorglich überprüfen wir jetzt alle Kontaktpersonen", sagte die Sprecherin. Insbesondere werden Ärzte und Pflegepersonal auf eine mögliche Infektion hin untersucht. Denn der Mann war nicht isoliert. Im Klinikum sei man aber trotzdem nicht beunruhigt. Denn es gebe nur eine relativ geringe Ansteckungsgefahr, da man davon ausgehe, dass die Schweinegrippe zwischen dem ersten und siebten Tag besonders ansteckend sei, der Patient nach eigenen Angaben zufolge aber schon mehrere Tage vor der Einlieferung ins Klinikum erkrankt sei.

Laut Gesundheitsverwaltung war gestern Abend noch unklar, ob der Mann in seinem sozialen Umfeld - im Beruf, in der Familie oder im Freundeskreis - Menschen infiziert haben könnte. "Das wird alles zurzeit geklärt", sagte eine Sprecherin. Grundsätzlich können Infizierte mit dem Grippemittel Tamiflu behandelt werden, das den Verlauf einer Infektion mildert. Berlins Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) rät grundsätzlich, eine Impfung gegen den Schweinegrippenerreger (siehe unten) durchzuführen. Bisher gab es in der Hauptstadt seit Juni etwa 1000 Erkrankte. Der Verlauf der Schweinegrippe war aber zumeist relativ milde.

Gestern empfahlen Experten, auch Kinder unter drei Jahren zu impfen. Ab sofort sollten alle Kleinkinder ab dem vollendeten sechsten Lebensmonat gegen die neue Grippe geimpft werden, riet der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Köln. Kleinkinder erkranken laut einer Studie am ehesten so schwer an der Schweinegrippe, dass sie in ein Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Trotz der Empfehlungen gibt es bei vielen Menschen offenbar noch Bedenken gegen mögliche Nebenwirkungen des neuen Medikaments. In Düsseldorf erlitt ein Mann nach einer Impfung in einer Arztpraxis einen lebensgefährlichen Immunschock. Er habe den etwa 30 Jahre alten Mann binnen 90 Sekunden behandeln müssen, um ihn zu retten, sagte gestern der Arzt Christian Wittig. Wahrscheinlich handele es sich in Deutschland um den ersten Fall einer lebensbedrohlichen, sogenannten anaphylaktischen Reaktion nach einer Schweingrippe-Impfung.

Angst vor Komplikationen

In Berlin gab es bisher nach Angaben des Senats keine derartigen extremen Impfkomplikationen. Dennoch werfen die Beispiele Fragen nach der Haftung auf. Der Senat hat mit etwa 100 niedergelassenen Ärzten Impfverträge abgeschlossen. Insgesamt wurden etwa 2000 Ärzte angeschrieben.

In den Impfverträgen steht unter Paragraf 5 zum Thema "Haftung", dass das Land Berlin bei Impfschäden eintreten müsste. Die Hersteller haften nur bei Produktschäden. Konkret heißt es: "Wer durch eine von der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz öffentlich empfohlene Schutzimpfung, die im Land durchgeführt worden ist, eine gesundheitliche Schädigung erlitten hat, erhält gemäß § 60 Absatz 1 Satz des Infektionsschutzgesetzes wegen des Impfschadens im Sinne des § 2 Nummer 11 des Infektionsschutzgesetzes vom Land Berlin auf Antrag Versorgung entsprechend den Vorschriften des Bundesversorgungsgesetzes." Allerdings muss auch der impfende Arzt haften, etwa wenn er den Impfstoff fehlerhaft anwendet.

Eine der schlimmsten, aber auch sehr seltenen möglichen Komplikationen nach der Schweinegrippe-Impfung ist nach Expertenan-sicht das Guillain-Barré-Syndrom (GBS). Diese akute Entzündung des peripheren Nervensystems und der Nervenwurzeln hat eine aufsteigende Lähmung zur Folge. Charakteristische Symptome: Taubheitsgefühle und Schmerzen, aufsteigende, überwiegend motorische Ausfälle sowie das Nachlassen der Muskeleigenreflexe. Üblicherweise sind die Muskeln gelähmt. Es kann zu Lähmungen von Atem- und Schluckmuskulatur kommen.

Eher normale Impfreaktionen sind Rötungen an der Einstichstelle, leichte Schmerzen im Arm, Schwellungen und Unwohlsein. Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) sind bislang 19 Fälle von Impfkomplikationen gemeldet worden.

Das Bundesgesundheitsministerium weist darauf hin, dass der geimpfte Patient Haftungsschutz genießt. Allerdings liegt die Beweislast beim Verdacht auf eine Impfkomplikation, so Sascha Rudat, Sprecher der Berliner Ärztekammer, immer beim Betroffenen.