Gesundheitspreis

Wenn Helfer Hilfe brauchen

Über Monate pflegte Heidemarie K. ihre Mutter zu Hause. Die Demenzkranke musste gewaschen, gefüttert und betreut werden. Während der Zeit kam es immer häufiger zu Konflikten, die Heidemarie K. ab einem gewissen Zeitpunkt überforderten.

Als die Mutter sich wieder einmal nicht kämmen lassen wollte, schlug die Tochter der Mutter mit der Bürste auf den Kopf. Erschrocken über sich selbst, rief sie bei "Pflege in Not" an und erzählte ohne Umschweife, was sie getan hatte. "Ich kann sie doch so nicht vor die Tür lassen", entschuldigte sie sich.

Wenn Gabriele Tammen-Parr Gewaltsituationen in der häuslichen Pflege beschreiben soll, erzählt sie von Angehörigen wie Heidemarie K. Die Mediatorin kennt viele solcher Fälle. Manchmal sind es gewaltsame Wutausbrüche, manchmal laufen die Aggression subtiler ab - belastend sind solche Vorkommnisse für alle Beteiligten. Die Rolle von Opfern und Tätern sei nicht immer eindeutig geklärt, erklärt die 57-Jährige. "Wenn sie viele Jahre pflegen, sind sie oft beides."

Das Projekt "Pflege in Not" will in solchen Situationen Familien beratend zur Seite stehen. "Die Praxis zeigt sehr deutlich, dass auch Helfer dringend Hilfe brauchen", sagt Tammen-Parr. Sie will nicht verurteilen, sondern die Menschen und ihr Handeln verstehen und weiterhelfen - nur so kann langfristig Gewalt in der häuslichen Pflege zu verhindert werden.

Gewalt ist ein Tabuthema

Dreiviertel aller Pflegebedürftigen werden ohne fremde Hilfe von Angehörigen zu Hause versorgt, somit ist die Familie der größte Pflegedienst Deutschlands. "Wenn wir den Menschen Mut machen wollen, das auch weiterhin zu übernehmen, müssen wir sie besser unterstützen", sagt Tammen-Parr. Ein Problem, das dringender wird, denn die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, die der Beitragszahler sinkt - ein Problem, das auch die Kassen belastet. 2011 hat Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zum Jahr der Pflege erklärt. Tammen-Parr und ihren zwei Kolleginnen überreichte er am Montag den Berliner Gesundheitspreis, den die AOK und die Ärztekammer bundesweit ausgelobt hatten. 80 Projekte waren beteiligt, die Kreuzberger belegten den ersten Platz. Für sie gibt es nun 20 000 Euro. Geld, das Tammen-Parr für weitere Therapieangebote nutzen will. Sowohl die telefonische als auch die persönliche Beratung sollen bei "Pflege in Not" ausgebaut werden.

Ende der 90er-Jahre stieß die Sozialpädagogin auf das Thema Gewalt in der Pflege. Damals leitete sie eine Gesprächsgruppe mit pflegenden Ehepartnern. "Sie leiden unter der Situation besonders", sagt Tammen-Parr. "Träume platzen, die Beziehung ändert sich radikal", sagt sie. In den Gesprächsrunden berichteten Teilnehmer von enormen physischen und psychischen Belastungen, von der fehlenden Anerkennung. Sie redeten offen über ihre Wut, ihre Aggressionen. Probleme, die sie mit der Familie nicht besprechen konnten, weshalb die Gewalt in der häuslichen Pflege nicht an die Öffentlichkeit gelang.

Als Tammen-Parr 1999 eine Art Anlaufstelle für pflegende Angehörige gründen wollte, stieß sie nicht nur auf Widerstand, sie wurde gar angefeindet. "Niemand wollte dieses Fass öffnen", erinnert sie sich. Damals war das Problem tabu, im häuslichen Umfeld sogar noch mehr - bis heute gibt es dazu keine offiziellen Fallzahlen. Erst in den letzten Jahren ist die Aufmerksamkeit gewachsen. Inzwischen gibt es deutschlandweit 13 Beratungs- und Beschwerdestellen zum Thema Gewalt in der Pflege. Doch das Team aus Kreuzberg ist noch immer das einzige Projekt, das sich auf den häuslichen Bereich spezialisiert hat.

Wie dringend nötig die Einrichtung ist, erlebt Tammen-Parr jeden Tag. 1800 Menschen melden sich pro Jahr - weitaus mehr, als "Pflege in Not" bewältigen kann. Für das erste Gespräch nimmt sich Tammen- Parr 45 Minuten Zeit, hört erst einmal intensiv zu. Dann verabredet sie sich zu Folgegesprächen. Tammen-Parr hat beobachtet, dass pflegende Angehörige sich selbst vernachlässigen, dass sie nicht loslassen können. "Weniger ist manchmal auch genug", sagt sie dann. Pflegende Angehörige, die nicht loslassen können, leiden nicht selten unter Burnout, Depressionen, haben Selbstmordgedanken.

80 Prozent der Anrufer sind Frauen, was auch die Realität bei der häuslichen Pflege widerspiegelt. "Frauen fühlen sich eher verantwortlich, Männer entscheiden sich eher für ein Pflegeheim." Unter den Anrufern seien viele "Täter". Tammen- Parr spricht mit ihnen über Gewalt, Sexualität, Ekel oder Zärtlichkeit - Tabus gibt es für sie keine. "Die emotionale Unterstützung ist wichtig", sagt sie. In den Gesprächen versucht die Sozialpädagogin herauszufinden, wie sie helfen kann. Kürzlich rief ein Sohn an, der zeitlebens zu Hause wohnte und der plötzlich aggressiv auf die immer kränker werdende Mutter reagierte. "Er hatte Angst, dass sie inkontinent werden könnte", stellte Tammen- Parr fest. Sie riet ihm, stundenweise eine Pflegekraft zu engagieren.

"Viele Probleme lassen sich telefonisch lösen", sagt Tammen-Parr. Sie redet auch mit den Pflegebedürftigen, ihren Freunden oder mit Menschen, die im Pflegeberuf arbeiten. Sehr oft geht es um finanzielle Dinge oder um die Suche nach dem passenden Pflegeheim. Nicht jeder Angehörige müsse daheim betreut werden. "Bevor sich zu Hause Dramen abspielen, ist es besser nach einer anderen Lösung zu suchen", sagt Tammen-Parr. Das galt auch für Heidemarie K., die sie nach dem Telefonat zum persönlichen Therapiegespräch einlud.

Kostenlose Sitzungen angeboten

In solchen Fällen kommt dann Kollegin Dorothee Unger zum Einsatz. Die 56 Jahre alte Psychologin bietet kostenlose Sitzungen an. "Oft ist es so, dass pflegende Angehörige zu lange warten, bis sie sich melden", sagt sie. So war es auch im Fall Heidemarie K., bei der Unger nach einigen Gesprächen feststellte, dass die Mutter-Tochter-Beziehung schon früher sehr problematisch war - auch deshalb sei der Fall idealtypisch. "Die alten Konflikte kehren während der häuslichen Pflege oft zurück", sagt Unger. Geschwisterkonflikte, Ehekonflikte und andere unverarbeitete Probleme, die über die Jahre verdeckt waren, treten plötzlich wieder auf. Meist übernehme ausgerechnet das Kind die Pflege der kranken Mutter oder des kranken Vaters, das sich früher von ihnen vernachlässigt fühlte. "Sie erhoffen sich dann ein Stück Nähe, das sie damals nicht bekommen haben", sagt Dorothee Unger. Das müsse nicht immer schlecht sein, manchmal funktioniere diese Situation in späteren Jahren sehr gut, manchmal führe sie aber auch zu unerträglichen Spannungen. Nach einigen Gesprächen entschied Heidemarie K., die Mutter in Pflege zu geben. Nur so konnte sich das Verhältnis der beiden entspannen.