Berliner helfen

Jeden Tag ein Geschenk für die Armen

Kassler mit Kartoffeln, Sauerkraut und Salat. Das steht heute auf der Speisekarte in der Suppenküche Maria unterm Kreuz. Jürgen reibt sich die Hände - das ist ein Essen nach seinem Geschmack. Die Suppenküche im Gemeindezentrum am Bergheimer Platz in Wilmersdorf habe meistens sehr gute Mahlzeiten, sagt er.

Hier werde nicht so "Dosen-Zeugs" angeboten wie bei Armenspeisungen anderswo. Deshalb kommt Jürgen immer hierher, in den schmucklosen Vorraum des Gemeindefestsaals.

Aber es gibt noch einen praktischen Grund: Der Schlafplatz des Obdachlosen ist nicht weit von der Gemeinde entfernt. Jürgen ist im Stadtteil Wilmersdorf zu Hause - auch wenn er eigentlich kein Zuhause hat.

Rund um das katholische Gemeindezentrum stehen gutbürgerliche Wohnhäuser, hier leben Menschen mit Einkommen. Man ist nicht reich, aber keinesfalls arm. Könnte man meinen. Auch Jürgen ist es hier mal gut gegangen - er hatte sich mit einem Teppich- und Gardinenhandel selbstständig gemacht. Irgendwann konnte er die Steuern nicht mehr bezahlen. Und als der Fiskus drohte, ihm das Geschäft zu schließen, ließ Jürgen alles hinter sich. Das war vor elf Jahren, seither lebt er auf der Straße. Die meisten Leute, die er kennt, wissen das jedoch nicht.

Jürgen ist ordentlich gekleidet. Und Ordnung ist dem 56-Jährigen wichtig, auch beim Tagesablauf. So um halb sechs steht er meistens auf. Jürgen schläft mit seinem Winterschlafsack immer im Freien, auch bei Minusgraden. Man gewöhne sich daran, sagt er. Sein erstes Ziel ist ein Zeitungskiosk in Wilmersdorf.

Mit dem Besitzer sei er befreundet, der lasse ihn die Zeitung lesen, "die ich selbstverständlich ganz vorsichtig behandle". Um halb neun kommen die ersten Mitarbeiter des Gemeindezentrums Maria unterm Kreuz. Dann steht auch Jürgen vor der Tür. Er wärmt sich auf und hilft auch mal. Schließlich ist er Handwerker und tut gerne was für das warme Mittagessen. Jürgen will nichts geschenkt haben. Auf Arbeitslosengeld verzichtet er freiwillig. Dafür erledigt er Einkäufe für die vielen älteren Menschen im Kiez, verdient sich so ein paar Euro.

Die Senioren wissen ebenfalls nichts von seinem Schicksal. Jürgen führt ein Doppelleben. Er ist nicht der Einzige, der das macht, hier in der Suppenküche der Gemeinde Maria unterm Kreuz. Die wenigsten der Anwesenden wollen auf einem Foto zu sehen sein, auch ein Interview lehnen sie ab.

"Die Menschen hier haben noch Ehrgefühl", sagt die Mitarbeiterin Renate Schmelzer. Oder sie wollen sich vor den Vorbehalten schützen, die ihnen von vielen Wilmersdorfer Anwohnern entgegengebracht werden. Die sehen es nicht gerne, wenn vor der Kirche am Bergheimer Platz Obdachlose herumstehen und trinken. "Für viele sind das Menschen, die selbst schuld sind an dem Leben, das sie führen." Weil sie faul seien etwa. Renate Schmelzer, die die Suppenküche 1993 mitgegründet hat und seither hier arbeitet, kann die Vorurteile nicht verstehen. In den vergangenen 20 Jahren habe sie in der Suppenküche viele Gäste kennen gelernt. "Da sind Rechtsanwälte dabei, die unverschuldet abgerutscht sind", sagt sie. Mit Faulheit habe das nichts zu tun.

Niko hat sein Leben dem Lesen gewidmet. Mehrere tausend Bücher habe er sicher schon durch, vermutet der 66-Jährige mit dem graumelierten Bart und dem bunten Schal um den Hals. Außerdem spreche er sieben Sprachen - Deutsch, Russisch, Spanisch und Englisch sogar fließend. Tagsüber sei er immer in der Bibliothek, schmökere in Zeitungen oder historischer Fachliteratur. "Meine Lebensart fordert viele Opfer", sagt Niko. Zum Beispiel, dass er von sehr wenig Geld leben muss. Niko hat einen kleinen Raum zum Schlafen, unbeheizt, ohne Möbel.

Zum Essen geht er in verschiedene Suppenküchen, heute besucht auch er die Speisung der Gemeinde Maria unterm Kreuz. Etwa einmal pro Woche sei er hier, sagt Niko. Trotz seines bunten Schals will Niko eigentlich nicht auffallen und meidet andere Menschen. Er möchte alleine bleiben, weil in Gruppen "immer geraucht, gesoffen und gestritten wird". Bücher sind besser als Menschen, das ist seine Sicht der Dinge. Die Mahlzeit, die vor ihm auf dem weißen Kunststofftisch steht, sei ein Geschenk, das dürfe man nie vergessen, sagt er, bevor er sich ein Stück Kassler abschneidet.

Bis zu hundert Essen gehen täglich in der Suppenküche über den Tresen. Im Sommer seien es noch mehr, sagt Renate Schmelzer. In Berlin werden im Rahmen der Kältehilfe nur im Winter Hilfsangebote für Obdachlose gefördert. Im Sommer laufe die Gemeindeküche dank Spenden weiter, andere Armenkantinen schließen dann vorübergehend. Auch für die katholische Gemeinde ist die Suppenküche eine enorme Belastung. Aber auf Wunsch der Mitglieder bleibe sie bestehen, sagt die 61-jährige Erzieherin Renate Schmelzer. Die Armut steige auch in Wilmersdorf, das mache sich vor allem dann bemerkbar, wenn Eltern Ausflüge ihrer Kinder nicht mehr bezahlen könnten. Oder am Monatsende ebenfalls in die Suppenküche kämen.

Nur - in Wilmersdorf sei selbst große Armut nicht immer auf den ersten Blick zu sehen. Jürgen und Niko ist nicht anzumerken, dass sie ohne festes Einkommen und festen Wohnsitz leben. Sie tragen zum Teil sogar Markenkleidung. "Wir sammeln ja auch Kleidungsspenden", sagt Renate Schmelzer. "Und oft bringen die Menschen aus der Umgebung auch hochwertige Sachen mit."