Erkrankungswelle

Statt Grippe grassiert die Schweinegrippe

In Berlin ist es ungemütlich kalt und nass. Richtiges Grippewetter eben. Doch die normale saisonale Influenza ist nach Angaben des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, noch gar nicht in Deutschland aufgetaucht. Dafür registriert der oberste Virenjäger der Bundesrepublik aber eine zweite Erkrankungswelle bei der Schweinegrippe. Ende Oktober dokumentierte das RKI 3075 Fälle der neuen Grippe pro Woche. In Berlin sind bislang fast 1000 Menschen an dem neuen Virus erkrankt.

Grund genug, noch mal auf wichtige Hygieneschutzregeln hinzuweisen: Als effiziente Maßnahmen, um sich und andere gegen die Schweinegrippe zu schützen, nannte RKI-Präsident Hacker das Niesen in die Armbeuge. Zudem riet er, sich mehrmals täglich die Hände zu waschen. In öffentlichen Verkehrsmitteln bestehe eine erhöhte Ansteckungsgefahr.

Insgesamt sind für Deutschland fast 30 000 Schweinegrippe-Fälle registriert. In der Realität dürften es weitaus mehr sein, da nicht jeder Kranke zum Arzt geht. Hacker spricht von einer "partiellen Untererfassung". In Europa sind bisher 317 Schweinegrippe-Tote gemeldet, die meisten in Großbritannien. An der normalen saisonale Grippewelle, an der jedes Jahr durchschnittlich 8000 bis 11 000 Menschen sterben, ist indes noch keiner erkrankt.

Hacker hält die Diskussion um die Schweinegrippe nicht für Panikmache. "Man muss die Todesfälle sehen", betonte er. Die enge Verbindung zwischen Pharmaindustrie und Impfkommission sieht er auch nicht per se als kritikwürdig an. "Impfstoffe müssen produziert werden", sagte er. Ohne eine "Interaktion" mit Wissenschaftlern, die das Virus bewerten, sei das nicht möglich. "Die Verbindungen zu Unternehmen werden transparent gemacht", betonte der RKI-Präsident. Beim Anschein von Befangenheit verließen Mitglieder der Kommission bei Besprechungen den Raum. Hacker betonte aber auch, dass die Impfkommission unabhängig vom RKI arbeite.

Bis auf die steigenden Krankheitszahlen hatte er auch gute Nachrichten: Das Schweinegrippe-Virus hat sein Erbgut nach wie vor nicht verändert; es gibt also bisher keine Steigerung seiner krankmachenden Wirkung. In Deutschland seien bei 400 Untersuchungen auch keine Virus-Varianten entdeckt worden, die nicht auf das Medikament Tamiflu ansprachen. Eine Entwarnung ist das nicht. Wie bereits im Sommer betonte Hacker, dass das Virus mutieren kann.

Die Impfbereitschaft scheint jedoch nicht sehr hoch zu sein. In der ersten Woche nach dem Start der Impfkampagne gegen Schweinegrippe haben sich an der Charité von den rund 14 500 Angestellten nur 568 Beschäftigte gegen die neue Grippe schützen zu lassen. Das teilte das Uni-Klinikum vergangenen Freitag mit. Aktuellere Zahlen hatte die Charité gestern nicht.