Berlinale

Eine gute Geschichte braucht nur 99 Sekunden

Alexander Kiersch rennt durch das morgendliche Moabit, vorbei an einer Joggerin, die sich noch verwundert nach ihm umdreht, er springt über ein Straßengeländer, schwimmt sogar kurz durch die Spree und läuft vorbei an zwei kleinen Jungen, die mit ihren Fingern eine Pistole formen und ihn erschießen.

Wichtig dabei ist, dass sein Kamerateam jede Szene gut festhält. An den schießenden Kindern muss er dreimal vorbeirennen, bis das Team zufrieden ist.

Alexander Kiersch ist der Hauptdarsteller in einem Film, den er mit seinen Kollegen des Teams "Colafilm", Johanna Freudenthal und Nicolai Tegeler, produziert - für den Wettbewerb "99 Fire Films". Über 1400 Teams in Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten sich dafür angemeldet, in 99 Stunden, vom 1. bis 5. Februar, einen 99 Sekunden langen Film zu drehen. Das Team um den Schauspieler Alexander Kiersch ist nur eines von über 300 aus Berlin. Zum dritten Mal wird die Stadt also schon eine Woche vor Berlinale-Beginn zur Filmhauptstadt. Alle Teams warten am Dienstag, 1. Februar, um 10 Uhr morgens auf die E-Mail, die ihnen das Thema verrät.

Das Team von "Colafilm" sitzt gemeinsam vor dem Laptop im Moabiter Büro der Gesellschaft "tv.united", deren Equipment sie für ihre Produktion benutzen dürfen. Nicolai Tegeler tippt nervös das Passwort seines E-Mail-Faches ein. Zweimal. Dreimal. "Warum klappt es genau heute nicht", ruft er. Alexander Kiersch ist per Telefon zugeschaltet, sagt geduldig das Passwort noch einmal. Irgendwann klappt es, Nicolai öffnet die E-Mail und liest laut das Thema vor: "Alles Gute beginnt mit einem guten Kaffee". Für die Filmer ist das der Beginn von 99 Stunden Arbeit, bei der ihnen alle Freiheiten erlaubt sind, solange irgendwie ein Kaffee im Film vorkommt.

Kaffee statt Rost

Hauptsponsor des Wettbewerbs ist "McCafé", dessen Werbespruch letztlich das Thema ausmacht. "Das ist nicht ungewöhnlich", sagt Christoph Becker von 99 Fire Films, "denn der Hauptsponsor bezahlt schließlich den größten Teil des Wettbewerbs und stiftet den Preis." Die Filme müssen deshalb aber keine Werbefilme sein. In den vergangenen beiden Wettbewerben hatte der Verband der Feuerverzinker den Preis gestiftet, weshalb die Gewinnerfilme im Jahr 2010 so schöne Titel hatten wie "Zinkowski gegen den Rost der Welt" und "Rostkreuz".

In diesem Jahr also Kaffee statt Rost. Während das Moabiter Team beginnt, erste Ideen ("Jemand rennt mit einer Tasse Kaffee durch Moabit...") zu diskutieren und zu verwerfen ("lieber ohne Tasse..."), läuft in Mitte schon der Dreh. Kaspar Lerch, ein 26 Jahre alter Regisseur, der bisher Kurzfilme und Musikvideos gedreht hat, steht im Club "Rodeo" auf der Oranienburger Straße und hält die Kamera auf Wilson Gonzales Ochsenknecht, einen erfahrenen Schauspieler ("Die wilden Kerle") und Freund von Lerch. Der Schauspieler hebt die Hände und ruft in die Kamera, "Wie heißt der Film noch mal? 'Galaktiko'? Was ist das denn für ein Mist? Und wo ist überhaupt mein Kaffee?"

Kaspar Lerchs Idee ist es, ein 99-sekündiges "Making of" von einem Film zu drehen, den es nie geben wird. "Diese Idee hatten wir uns schon vorher überlegt", sagt er. Das Detail mit der Tasse Kaffee könne er da sehr gut einbauen. In nur einer Stunde ist der Drehplan fertig und die Kamera kann laufen. Letztlich geht es darum, dass Wilson Gonzales Ochsenknecht sich selbst spielt und als Jungstar keine Lust auf einen Film namens "Galaktiko" hat. Immer wieder fragt er nach einem Kaffee, aber alle ignorieren ihn. Ochsenknecht fand die Idee gut und hatte einfach Lust auf das kleine Projekt. Als Bezahlung reichen allen sechs Beteiligten Zigaretten und ein paar Käsebrötchen.

Seit Sonnabend nun sind alle Beiträge für den Wettbewerb bei den Organisatoren. Bisher hat das 99-Fire-Film-Team um Christoph Becker rund 700 Filme gesichtet, den rennenden Alexander hat er gesehen und den schimpfenden Wilson Gonzales. Ab Mittwoch dann werden die besten 99 Filme auf der Internetseite zu sehen sein. Dann stimmen zum einen die Internetzuschauer ab - und eine Jury mit Schauspielern wie Ursula Karven und Anna Maria Mühe sowie dem Regisseur Hans Weingartner vergibt den Hauptpreis von 9999 Euro.

Die meisten der Teams würden sich schon freuen, wenn ihr Film auf der Gala am 17. Februar im Admiralspalast gezeigt wird - in einer Stadt, die wegen der Berlinale voller Filmschaffender sein wird. Christoph Becker von "99 Fire Films" ist schon jetzt überrascht, was die Filmemacher alles mit einer Tasse Kaffee angestellt haben, ob Zeichentrick-, Dokumentar- oder Spielfilm. "In einem wird Kaffee als Waffe gegen Zombies eingesetzt und in einem anderen ist Kaffee eine Wunderdroge." Überrascht hat ihn nur eines: "Noch nie habe ich in meinem Leben so viele Wecker gesehen und klingeln gehört, wie beim Sichten dieser Filme."

Gleich zweimal klingelt ein Wecker in dem Film von Simon Rangl, einem 21 Jahre alten Regisseur, der gerade erst nach Berlin gezogen ist. Er hat sein Filmset in einer Kreuzberger Wohnung von Leonard Pörschke aufgeschlagen, der gleich die Hauptrolle spielt - zusammen mit der erfahrenen Schauspielerin Karolin Peiter ("Rubbeldiekatz", "Männerherzen"). In seinem 99-Sekunden-Film setzt sich die 24-Jährige im luftigen T-Shirt auf das Bett des Schauspielers, hält ihm eine Tasse Kaffee hin und flüstert: "Guten Morgen." Er schaut sie an wie einen Geist. Szene im Kasten.

Auch sein Team hat nur einen Drehtag eingeplant. Aber letztlich sei gerade die Kürze des Projekts für Simon Rangl ideal. "Das ist ja das Ding an Berlin", sagt er. "Es gibt hier wahnsinnig viele Leute, die Bock und Zeit haben für so einen Film." Als Gage reicht Pizza - und viel Kaffee. Beeilen muss sich Rangl trotzdem. Sein Darsteller Leonard Pörschke will noch einen Text lernen. Er hat am heutigen Dienstag sein letztes Vorsprechen an der Schauspielschule Ernst Busch. Er wird den Ferdinand aus "Kabale und Liebe" sprechen. Und dann beginnt bald die Berlinale.