"Anti-Nazi-Putz"

Mit Courage und Farbe gegen fremdenfeindliche Parolen

Auf ihrem Jutebeutel steht in rundlichen Buchstaben: "Gegen Nazis". Irmela Mensah-Schramm zieht eine Spraydose mit Farbe heraus, 2,99 Euro, aus dem Sonderverkauf. Zwei, drei Mal drückt sie auf den Sprühknopf, ein kurzes Pfffh und die Hakenkreuzschmiererei ist von der Mauer verschwunden.

Für Irmela Mensah-Schramm nichts als Routine. Die 65-Jährige übersprüht in ihrer Freizeit fremdenfeindliche Schmierereien.

Ihre Touren folgen einem Muster. Besonders in den, wie sie es nennt, "nazi-verseuchten Randgebieten Berlins" ist sie regelmäßig anzutreffen. In Schöneweide etwa, wo sie diesmal unterwegs ist, gebe es solche Gegenden, und auch in Rudow. Irmela Mensah-Schramm sagt, wenn sie zwei Wochen nicht mehr an einem dieser Plätze war, sei "alles wieder voller Hakenkreuze und rechter Parolen". Und das kann sie nicht dulden. Dann greift sie zur Sprayflasche und übersprüht die Zeichen. Seit nunmehr 25 Jahren tut sie das. Und weil die "Polit-Putze der Nation", wie sie sich selbst nennt, das rechte Gedankengut nicht nur tilgen, sondern auch darüber aufklären will, hält sie fest, was sie entfernt. Auf diese Weise hat Mensah-Schramm schon 48 Aktenordner mit "Beweismaterial" in ihrer Wohnung in Wannsee gefüllt, eine Dokumentation ihres Schaffens. Am Ende dieses Tages werden es insgesamt 34 452 Aufkleber sein, die die Rentnerin nach eigener Auskunft seit Beginn ihres "Nebenjobs" abgekratzt hat.

"Was machen Sie denn da?", will ein älterer Herr wissen, als sie wieder mal eine Nazi-Parole auf einer Hauswand übersprüht. Es ist Publizist Henryk M. Broder, der mit seinem Fernsehkollegen Hamel Abdel-Samad auf seiner "Deutschland-Safari" für die ARD just an Irmela Mensah-Schramm vorbeigefahren ist, als die Seniorin ihre Sprayflasche gezückt hatte, um mal wieder eine "Nazi-Parole" zu entfernen. Diese Art der Konfrontation gehört für sie zum Alltag. Eigentlich freut sie sich auch, wenn jemand auf das, was sie da tut, reagiert. "Viel zu viele Menschen schauen einfach weg, dulden rechte Parolen in ihrer Umgebung", sagt sie zu Broder. Dass sie selbst oft Schmierereien hinterlässt, nimmt sie dabei in Kauf. "Ich habe", sagt sie, "den Eindruck, Fremdenfeindlichkeit wird zunehmend salonfähig." Also rückt Irmela Mensah-Schramm aus, fünf Tage die Woche. Ihre Waffen im Kampf gegen die Parolen sind neben den Farbdosen, Nagellackentferner und ein Schaber. "Damit gehen Aufkleber am Besten von Scheiben ab." Rund 300 Euro, sagt sie, gebe sie monatlich für Material- und Fahrtkosten aus. "Auch wenn das bedeutet, dass ich an anderen Stellen knapsen muss, das ist es mir wert."

Ihren ersten Aufkleber entfernte die Rentnerin 1985. An den Tag erinnert sie sich noch genau. Sie war auf dem Weg zur Arbeit und wartete an einer Bushaltestelle, als sie ihn entdeckte. Auf dem Aufkleber abgebildet war Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess, der damals im alliierten Kriegsverbrechergefängnis in Spandau einsaß und für den der Sticker Freiheit forderte. "Weil ich unter Zeitdruck war, hab' ich ihn kleben lassen", sagt Mensah-Schramm. Doch der Aufkleber ließ ihr keine Ruhe. Am Abend ging sie erneut zu der Bushaltestelle und kratzte ihn mit ihrem Schlüssel ab. "Das hat sich einfach toll und richtig angefühlt."

Seitdem packt die Rentnerin, die bis zu ihrer Pensionierung als heilpädagogische Erzieherin arbeitete, regelmäßig ihren Jutebeutel mit den Utensilien zum Tilgen der Nazi-Embleme. Zu tun gibt es genug: Die Berliner Polizei verzeichnete 2009 insgesamt 1261 Fälle von politisch motivierter Kriminalität. 873 davon waren Propagandadelikte, unter die auch Schmierereien und Aufkleber fallen.

Auch bei ihrer Tour durch Schöneweide muss Irmela Mensah-Schramm nicht lange suchen. Auf einer Glasscheibe in der Brückenstraße unweit des Wahlkreisbüros von Linken-Chef Gregor Gysi prangt die Forderung: "NS jetzt". Schon sprüht sie wieder. "Halt, was machen 'Se denn da?", ruft ein Mann in blauem Overall und eilt auf Frau Schramm zu. Offenbar handelt es sich um einen Kollegen, nur dass der Mann im Vergleich zu Frau Schramm offiziell im Namen einer Wohnbaugesellschaft unterwegs ist, um Schmierereien zu entfernen. Er kann nicht glauben, was die Rentnerin da in Eigenregie treibt: "Da kriegen 'Se doch Ärger wegen Sachbeschädigung!" Und tatsächlich, die Liste von Strafanzeigen gegen Frau Schramm ist lang. Einmal habe eine Polizistin sie sogar darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Aufkleber und Schriftzüge nicht entfernen dürfe - "mit dem Hinweis, dass ich die Meinungsfreiheit der Rechten akzeptieren muss. Ist das denn zu glauben?"

Die Strafanzeigen halten Mensah-Schramm nicht auf, schließlich sei es ja auch nie zum Prozess gekommen. Überhaupt findet sie es seltsam, wie die Behörden mit ihr umgehen. "Einerseits werde ich kriminalisiert, andererseits ausgezeichnet - das passt doch nicht zusammen", sagt sie. Das Band für Mut und Verständigung, das ihr vom Ausländerbeauftragten Berlins verliehen worden ist, hat sie deshalb wieder zurückgegeben.

Natürlich sind auch die Initiatoren der Parolen und Aufkleber auf sie aufmerksam geworden. Einmal hab sie "ein Rechter mit dem Fahrrad verfolgt und dann herumgeschubst", ein anderes Mal entdeckte sie auf einem ihrer Streifzüge eine schriftliche Warnung, die auf einer Hauswand an sie gerichtet war. Angst mache ihr das schon. Aber einknicken will sie deshalb nicht. Dafür sei die Signalwirkung ihrer Arbeit zu wichtig. "Man muss denen doch klar machen, dass es nicht nur Weggucker gibt!", sagt sie und zieht ihren Jutebeutel näher an den Körper.

Irmela Mensah-Schramm muss jetzt los, der nächste Einsatz wartet in Mitte. Eine letzte Frage noch, bevor sie in die S-Bahn steigt. Weshalb nur übersprüht sie die rechten Parolen ausgerechnet mit brauner Farbe? Irmela Mensah-Schramm lächelt. "Na das ist doch ganz einfach: Scheiße war eben schon immer braun." Sie entschwindet und winkt noch mal, an ihren Fingern klebt Farbe.

"Wir sind für das verantwortlich, was wir widerspruchslos hinnehmen"

Irmela Mensah-Schramm, Rentnerin aus Wannsee