Nervenrekonstruktion

Wunder dauern länger

Doktor Nektarios Sinis kann kleine Wunder vollbringen - auch wenn die dann ziemlich lange brauchen. Der Oberarzt für plastische Chirurgie im Wilmersdorfer Martin-Luther-Krankenhaus ist spezialisiert auf das hochkomplexe Arm-Nerven-Geflecht, genannt Plexus brachialis. Das sind fingerdicke bis spaghettidünne Nervenbahnen, in denen sich noch feinere Nervenkabel befinden.

Die Wurzeln dieser Reizleitungsorgane entspringen am Halswirbel und laufen über die Arme bis zu den Fingerspitzen. Etwa 15 Meter solcher Nervenstränge hat der Mensch in seinem Körper. Funktionieren die Nerven, die für den Arm und die Hand zuständig sind, nicht, kann man seinen Arm nicht mehr beugen, die Finger nicht mehr strecken, das Handgelenk nicht mehr drehen. Der Arm hängt taub und leblos herab, so wie bei Markus Bahr vor zwei Jahren nach seinem schweren Motorradunfall.

Inzwischen kann der 22-jährige Baden-Württemberger seinen linken Arm wieder beugen und drei Finger bewegen. "Ich kann wieder eine Wasserflasche halten", sagt er stolz. Noch vor zwei Jahren wäre das undenkbar gewesen. Um dies zu vollbringen, hat Doktor Sinis den jungen Motorradfahrer bereits drei Mal operiert. Ein Knochenbruch ist einfacher zu versorgen als eine komplexe Nervenrekonstruktion. Ein zusammengenähter Nerv wächst im Schneckentempo: nur etwa einen bis zwei Zentimeter im Monat. Hat der plastische Chirurg Sinis einen kaputten Nervenstrang in einer Marathon-OP (manchmal bis zu 20 Stunden) repariert, passiert zunächst gar nichts. Es dauert Monate und braucht viele Bewegungsübungen, bis der kleine Finger wieder zuckt oder der Bizeps reagiert.

Nerven warnen den Menschen

Nerven sind die Informationskabel im Menschen. Sie nehmen Informationen auf, leiten diese weiter. Sie sind für die Beweglichkeit und das Gefühl verantwortlich. Und sie schützen den Menschen, indem sie ihn vor extremer Hitze oder Kälte warnen.

Das Motorrad von Markus Bahr war eine echte Höllenmaschine: 96 PS, 230 Kilometer pro Stunde, eine Honda VTR 1000. Das Modell wurde mit der Zusatzbezeichnung "Fire Storm" und "Super Hawk" ausgeliefert. "Als der Motorradhändler die Maschine nach dem Unfall begutachtete, konnte er trotz Expertenwissen nicht mehr sagen, um welches Modell es sich da handelt", sagt Bahr. Die Maschine war Schrott. Wie der Crash passiert ist, daran erinnert sich Markus Bahr nicht. "Ich muss auf den Seitenstreifen gekommen sein", mutmaßt er. Mehr weiß er nicht. Filmriss. Zwei Wochen lag er im Koma auf einer Intensivstation. Platzwunde am Kopf, Nase gebrochen, Arm gebrochen, lauteten die ersten Diagnosen. Das dicke Ende kam, nachdem Bahr wieder aus dem Tiefschlaf aufwachte und seinen linken Arm nicht mehr bewegen konnte. Die Ärzte stellten fest, dass mehrere Nervenstränge, die vom Hals bis zu den Fingerspitzen verlaufen, gerissen oder geschädigt waren. "Hochgeschwindigkeitstrauma" nennt Sinis das. Der Facharzt für plastische Chirurgie schnitt Bahr die linke Schulter und Achselhöhle auf. Der Mittelnerv hatte sich perlenschnurartig verdreht. In einer mühsamen Prozedur entnahm der Mediziner den verletzten Nerv und löste ihn von seinen Vernarbungen. 12,5 Stunden dauerte allein dieser Eingriff. Dabei trägt der Mikrochirurg eine Hochleistungslupe. Sie schafft eine 4,5-fache Vergrößerung.

Weil der Bizepsnerv gerissen war, zapfte Sinis den noch intakten Ellennerv an, entnahm einige der hauchdünnen Nervenkabel und legte diese wie einen Ast zum Bizeps. Um die zerrissenen Nerven zu reparieren, musste Sinis auch Spendernerven aus Bahrs Beinen entnehmen und in den linken Arm transplantieren.

Zwölf Monate nach dem Unfall konnte Bahr den geschädigten Arm wieder beugen. Ein Riesenerfolg für den jungen Konstrukteur, der sich wacker zurückkämpft. Nicht jeder hat soviel Power, weiß Sinis. Einen seiner Patienten plagten Selbstmordgedanken, ein anderer leidet unter Magersucht. Meist behandelt der plastische Chirurg junge Männer, die nach einem schweren Motorradunfall gelähmte Arme und Hände haben. Die Therapie dauert Jahre. Weder Arzt noch Patient werden mit schnellen Erfolgen belohnt.

Bundesweit gibt es nur etwa ein Dutzend Spezialisten, die das komplexe Nervengeflecht wieder zum Leben erwecken können. Sinis ist einer von ihnen. Der 34-jährige Hesse mit den griechischen Wurzeln gilt als Spezialist für die Plexuschirurgie.

Erstaunlich ist, dass viele seiner Patienten nach der Nervenrekonstruktion wieder aufs Motorrad steigen wollen. So weit ist Markus Bahr allerdings noch lange nicht. Zwei der fünf Finger seines linken Arms kann er noch nicht strecken. Ein Frühstücksbrötchen kann er zwar halten, aber das Schmieren fällt ihm noch schwer. Ein schweres Motorrad halten und lenken, das wird er noch lange nicht können.