Flughafen

Ein Riese erhebt sich

Die Fahrt mit dem Auto vom Flughafen Schönefeld zur Baustelle des neuen Großflughafens Berlin Brandenburg International (BBI) dauert acht Minuten. Es ist kurz nach 17 Uhr, bereits stockdunkel und sehr diesig auf Europas größter Baustelle. Von Weitem sind nur das beleuchtete Betonwerk und der farbig angestrahlte Infotower zu erkennen. Der Turm mit seiner charakteristischen Form ist unverkennbar und ein Fixpunkt, der seit zwei Jahren darauf hinweist, dass hier etwas Besonderes entsteht.

Das Werden des wichtigsten Zukunftsprojekts der Region lässt sich von hier aus besonders gut beobachten.

Fast täglich sind Veränderungen festzustellen. Zusehens wächst der neue und nach seiner Eröffnung dann einzige Flughafen Berlins.

Auch an diesem Abend haben sich in luftiger Höhe von 32 Metern Besucher eingefunden. Bei Fingerfood und Prosecco ist der nächtliche Blick auf die gigantische Baustelle, die so groß wie 2000 Fußballfelder ist, auch bei diesigem Wetter sehr beeindruckend.

Inzwischen, es ist kurz vor 18 Uhr, kriecht eine Autokolonne von der Baustelle Richtung Feierabend. Das Licht der Scheinwerfer bricht sich den Weg durch den dunklen Dunst und gibt den Blick auf Betonskelette, Stahlkonstruktionen, Gerüste und vor allem Kräne in allen Größen frei. "Mehr als 50 Stück drehen sich derzeit für den BBI", sagt Flughafensprecher Ralf Kunkel.

Kräne wie Riesen-Insekten

Die Augen haben sich langsam an das ungewohnte Licht gewöhnt. Die Konturen des künftigen Großflughafens tauchen aus dem Dunkel auf. Die An- und Abfahrtrampen zum Terminal ragen auf ihren großen Stützpfeilern bereits dreispurig und 500 Meter lang in den Raum. Rechts und links davon - auf den Vorrüstplätzen mit riesigem Portalkran - werden Stahlbauteile zu 57 Meter langen Hauptträgern für das Terminal, das Herz des BBI, zusammengeschweißt. Um auf der Straße transportiert zu werden, wären sie zu groß. Darum wird auf der Baustelle geschweißt, der Träger dann mit einem Spezialfahrzeug zum Terminal gebracht und mit dem "roten Riesen", einem gigantischen Kran, aufs Dach gehoben.

Deutlich zu erkennen sind auch der Rohbau des Terminals mit dem vorgelagerten, 715 Meter langen Hauptpier sowie die Rohbauten der je 350 Meter langen Pierstangen im Norden und Süden. Eine Kulisse, die bei der nächtlichen Beleuchtung an Filmarbeiten oder die Aufbauten für ein gigantisches Theaterspektakel erinnert. Die Kräne beugen sich wie Riesen-Insekten in einem Science-Fiction-Film über die Baustelle. Mit ihren filigranen Armen, Beinen und Fühlern haben sie das Geschehen fest im Griff.

Doch hier geht es nicht um Fiktion. In nicht einmal mehr zwei Jahren wird an dieser Stelle Berlins Hauptstadtflughafen und der dann einzige internationale Verkehrsflughafen der Region eröffnet. Nach Frankfurt/M. und München soll hier Deutschlands drittgrößter Flughafen entstehen. Gestartet wird mit einer Kapazität von 25 bis 27 Millionen Passagieren. Nach dem Endausbau kann der BBI 45 Millionen Fluggäste abfertigen. Als Eröffnungstermin gilt der 30. Oktober 2011 und der hat, wie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagt, "oberste Priorität".

Der Dreischichten-Betrieb ist zurzeit und so auch in dieser Nacht ausgesetzt. Hochdruck herrscht dennoch auf der Baustelle. Der "ambitionierte Zeitplan" - auch das sagt Wowereit - will eingehalten sein.

Auch wenn der Feierabend für die meisten der Bauarbeiter - in Spitzenzeiten sind es 3000 - begonnen hat, stehen auf dem Parkplatz noch mindestens 200 Autos. Es wird auch nach 18 Uhr auf Europas größter Baustelle gearbeitet.

Klopfen, Bummern und Hämmern dringt durch den nächtlichen Dunst. In den Gerüstbauten fallen vereinzelt Funkenfontänen herab und erlöschen im dunklen Nichts. Im Containerdorf, das mittlerweile aussieht wie ein riesiger Stapel weißer Schuhkartons, brennt überall noch Licht.

Gigantische Herausforderung

Es ist 18.45 Uhr. Hier sitzen die Planer. Im Zuge des Terminalbaus wurde das Containerdorf aufgestockt, denn die logistische Herausforderung, 3000 Bauarbeiter und 1000 Unternehmen auf den einzelnen BBI-Baustellen zu koordinieren, ist enorm. Insgesamt sind 90 Planer mit dem BBI beschäftigt, die eine Hälfte von ihnen sitzt im Containerdorf, die andere im Verwaltungsgebäude der Flughafengesellschaft an der Bundesstraße 96a.

Ein paar hundert Meter vom Containerdorf entfernt steht Martin Czaja. Der 24-Jährige kommt aus dem polnischen Opole, ist Zimmermann und seit vier Monaten auf der BBI-Baustelle. "Ja, der Flughafen wird gut." Unter dem gelben Helm guckt ein rundes, rosiges Gesicht hervor. Es ist ziemlich kalt. Der Blick geht in den Himmel, von wo ein Kran ein riesiges Gefäß herunterlässt. Czaja greift den Rand der Tonne und führt diese an die Öffnung des Betonmischers. Sein Kollege Udo Carstens öffnet die Betonzufuhr, und grobkörniger schwarzer Beton in breiiger Konsistenz fließt in die Tonne. Signal nach oben und in Windeseile steigt die Tonne wieder in den Himmel. Eine Aktion, die sich alle fünf Minuten wiederholt. Der Beton wird für die Decke des Südpiers gebraucht. An diesem Pier werden in zwei Jahren voraussichtlich Maschinen von Air Berlin andocken. Udo Carstens kommt aus Leipzig. Es ist bereits der zweite Flughafen, an dem der 59-Jährige mitbaut. Schon am Leipziger Flughafen lieferte er den Beton - damals für das Luftfrachtdrehkreuz von DHL.

Etwa einen Kilometer weit von Czaja und Carstens entfernt, direkt am künftigen Vorfeld und vor dem Terminal, brennt noch Licht im Baucontainer. Hier sitzt Oberbauleiter Uwe Hartmann ab 18 Uhr immer über dem Bürokram. Der 48-Jährige kommt aus Mönchengladbach und arbeitet für die Stahltechnologie-Firma Eiffel-Deutschland. Zuständig ist Hartmann für den gesamten Terminalbau mit seiner knapp 10 000 Tonnen schweren Stahlkonstruktion.

Die Dimensionen des Terminals in seinen vollen Ausmaßen sind bereits zu erkennen: 220 Meter lang, 180 Meter breit und 32 Meter hoch. Die ersten Elemente der Glasfassade sind schon montiert. Es braucht nicht viel Fantasie, sich das Abfertigungsgebäude im Betrieb vorzustellen.

Zurzeit wird an der Dachkonstruktion gebaut. Eine Herausforderung, die ganz spezielle Technik erfordert. Zum Einsatz kommt hier der Rampenkran LR 1750, ein gigantischer Kran, der mit seinem 100 Meter langen Ausleger tonnenschwere Stahlträger bis zu Mitte des Terminaldaches hebt. 60 Lastwagenladungen waren nötig, um den Kran vor Ort zusammenzubauen. Der rote Riese ist die Sensation der Baustelle. 750 Tonnen schwer steht er auf Bongossiholz, einem äußerst harten Holz aus den Tropen. "Das ist notwendig, damit sich der Kran aufgrund seines Gewichtes beim Heben nicht in den Boden bohrt", sagt Hartmann. 33 bis 128 Tonnen schwere Bauteile hebt der rote Riese. "Bis so ein Hub über die Bühne geht, braucht es fünf Stunden Vorbereitung. Der Hub an sich dauert allein eine Stunde", sagt Hartmann.

Die Herren des roten Riesen heißen Jan van Huis und Jan Bolkenstein und kommen wie der rote Riese aus Holland. Während der eine den Kran aus dem Führerhaus konzentriert steuert, achtet der andere auf die Baulast.

Täglich kann der Kran zwei Bauteile aufs Dach hieven. Bis zum März ist er am BBI-Terminal im Einsatz, um die insgesamt knapp 10 000 Tonnen Stahl auf das Dach zu heben. Das muss bis dahin klappen, denn im Frühjahr will die Flughafengesellschaft Richtfest feiern. Um den "ambitionierten Zeitplan" einhalten zu können.

Es ist 19.30 Uhr. Mittlerweile ist Ruhe auf der Baustelle eingekehrt.

Nur ein einsamer Bauarbeiter klebt noch Fensterfolie an der Terminal-Fassade. Der rote Riese ist mit Hilfe der beiden Jans schlafen gegangen. Sein 100 Meter langer Ausleger, die Wippspitze, liegt wie ein großes schlafendes Tier am Boden. So kann der Wind keinen Schaden anrichten. Zu hören sind jetzt nur noch die startenden Maschinen von Schönefeld-Alt. Elegant verschwinden sie im Abendhimmel, der mittlerweile sternenklar ist.