Diebstahl

Täglich verschwinden in Berlin 20 Autos

Wer in Berlin lebt und einen Porsche Cayenne, BMW X5/X6 oder VW Caravelle Multivan fährt, läuft schnell Gefahr, Opfer eines Autodiebstahls zu werden. Schneller zumindest als irgendwo sonst in Deutschland. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat jetzt ermittelt, dass die genannten Fahrzeuge bei Tätern die beliebtesten Marken sind. Und Berlin die beliebteste Stadt.

Die Versicherungsexperten wollten es ganz genau wissen. Und haben errechnet, dass in Berlin - rein statistisch betrachtet - 2,6 von 1000 Autos gestohlen werden. Hamburg folgt im bundesweiten Vergleich schon etwas abgeschlagen mit 1,4 an zweiter Stelle.

Nirgendwo in Deutschland werden so viele Fahrzeuge gestohlen wie in der Hauptstadt. 4994 waren es bis Ende September, 39,2 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres. Die Hauptstadt bildet ein großes Betätigungsfeld für Autodiebe, das derzeit auch ausgiebig genutzt wird. Im Durchschnitt wechselt hier auf diese Weise alle 75 Minuten ein Fahrzeug den Besitzer.

Nicht nur die Polizei, auch Experten der Versicherungen und des ADAC betonen, Autodiebstahl sei in allen Metropolen ein Problem. Dass Berlin dennoch die Hochburg des Autoraubs ist, wird mit seiner geografischen Lage begründet. Diebesgut könne innerhalb einer Stunde im Ausland sein, sagt Bernd Finger, Leiter der für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität (OK) zuständigen Abteilung im Landeskriminalamt, über die Vorteile, die die Hauptstadt organisierten Kriminellen biete.

Diese kriminellen Organisationen, fast ausschließlich straff organisierte Banden aus Osteuropa, beherrschen auch das Geschäft mit gestohlenen Fahrzeugen. Dabei sind die Tätergruppen nicht nur an hochwertigen Autos interessiert. Ganz im Gegenteil, das Durchschnittsalter der in Berlin gestohlenen Fahrzeuge liege bei acht Jahren, berichtet ein OK-Fahnder.

Ersatzteile im Internet-Angebot

Dass sich die Diebstahlsicherungen älterer Fahrzeuge leichter aufbrechen lassen, ist nur ein Grund. Hauptanlass für die Vorliebe der Autodiebe für ältere Fahrzeuge ist nach Einschätzung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) die stark gestiegene Nachfrage nach Ersatzteilen und Ausstattungen in den klassischen Zielgebieten für gestohlene Fahrzeuge. Betroffene, die ihr Auto unmittelbar nach dem Diebstahl bereits auf dem Weg nach Osteuropa wähnen, irren häufig. In vielen Fällen kommen die Fahrzeuge dort nie an. Vielfach geht die Reise erst einmal in eine sogenannte Zerlegehalle. "Da fahren vorn Autos rein, und hinten kommt nichts mehr raus", weiß GDV-Sprecher Christian Lübke.

An derartigen, zumeist abseits gelegenen Gebäuden herrscht im näheren und weiteren Berliner Umland kein Mangel. In viele stillgelegte Produktions- oder Lagerhallen einstiger Landwirtschaftsbetriebe ist unbemerkt von der Öffentlichkeit neues Leben eingekehrt. Ein hochprofitables. In den Hallen werden von osteuropäischen Fachkräften gestohlene Fahrzeuge vollständig zerlegt. Mitunter gehe das so weit, dass die Karosserien zersägt und am Bestimmungsort wieder zusammengeschweißt würden, schildert Lübke das Vorgehen.

Zwei, drei Arbeiter brauchen zehn bis zwölf Stunden, um ein Fahrzeug in seine Einzelteile zu zerlegen. "Innerhalb von etwa drei Monaten schaffen sie zwischen 40 und 50 Autos. Dann wird der Standort aufgegeben und ein neuer gesucht, um das Entdeckungsrisiko gering zu halten", sagt der Fahnder.

Transportiert werden die Einzelteile in Containern oder auf Lastwagen. Die hochwertigen Teile wie Navigationsgeräte, Scheinwerfer, Sitze oder Lenkräder liegen dabei gut versteckt unter wertlosem Schrott. Das Risiko, an der Grenze entdeckt zu werden, sei relativ gering, vermerken Experten. Früher waren die Einzelteile ebenso wie die kompletten Fahrzeuge ausschließlich für Endabnehmer in Osteuropa, Asien, im Orient oder in Afrika bestimmt. Inzwischen werden die Einzelteile häufig über Internet angeboten und landen nicht selten wieder bei Kunden in Deutschland.

Ungeachtet des hohen Bedarfs an Ersatzteilen boomt nach wie vor das Geschäft mit Luxuskarossen. Bei den Dieben beliebt sind dem GDV zufolge neben den bekannten Nobelmarken vor allem hoch motorisierte Geländewagen. Gestohlen wird dabei auf Bestellung. Die Autodiebe wissen, wo sie die gewünschten Fahrzeuge finden. In Berlin sind das vor allem gutbürgerliche Wohngegenden am Rande der Stadt oder die aufstrebenden Kieze im Berliner Zentrum.

Dort fahren die Mitglieder der Auto-Banden so lange die Straßen ab, bis sie auf das gewünschte Fahrzeug stoßen. Dann dauert es nur noch wenige Minuten, bis das gewünschte Objekt den Besitzer gewechselt hat. Die Zeiten von Schraubenzieher und Drahtschlingen sind dabei längst vorbei. Heute rücken die Diebe den elektronischen Sicherungseinrichtungen mit Hightech wie Laptops zu Leibe. Oft entwenden die Autodiebe die erforderliche Software für ihre Coups zuvor bei den Autoherstellern. Was in Berlin und im Umland gestohlen wird, landet zunächst bei Zwischenhändlern in Polen, Litauen oder Tschechien. Von dort geht die Ware vornehmlich nach Russland oder Asien.

Der Kriminalitätsatlas: www.morgenpost.de/interaktiv