Interview mit Bertold Höcker

"Berlin war immer mein Sehnsuchtsort"

Bertold Höcker ist ein unkonventioneller Kopf, der sich nach eigenen Angaben vor nichts fürchtet. Das bringt seine Berufung mit sich. Höcker ist evangelischer Theologe. In Köln hat er von sich reden gemacht, weil er seine Gemeinde zur erfolgreichsten Kircheneintrittsstelle Deutschlands gemacht, Gottesdienste für Homosexuelle und Trauerfeiern für die von der Gesellschaft Vergessenen etabliert hat.

Jetzt warten neue Aufgaben auf ihn. Heute wird der 50-Jährige seinen Dienst als Superintendent für 27 Gemeinden mit 4000 Mitarbeitern im Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte antreten. Zum ersten Mal war der Posten im Herzen der Hauptstadt öffentlich ausgeschrieben worden. Die Synode wählte Höcker im Sommer mit absoluter Mehrheit.

Berliner Morgenpost: Herr Höcker, Sie haben sich als evangelischer Geistlicher im katholischen Rheinland ja nicht nur Freunde gemacht. Da kann Berlin, das protestantischer ist, nur leichter werden, oder?

Berthold Höcker: Kirche heißt in Köln katholische Kirche. Da musste ich mich als Protestant schon arg umstellen. Ein Schwerpunkt in Köln war die Arbeit mit Schwulen und Lesben. Das war der katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Insofern stelle ich mir Berlin leichter vor, da ist die katholische Kirche gemessen an der Gesamtbevölkerung eine Marginalie. Die katholischen Positionen im Bereich der Sexualmoral dürften in der Berliner Gesellschaft grotesk klingen. Ich sehe also keine Schwierigkeiten, hier beispielsweise zum Christopher Street Day einen Gottesdienst zu machen. Da würde ich dann auch gerne Herrn Wowereit zu einladen.

Berliner Morgenpost: Was hat Sie an Berlin gelockt?

Berthold Höcker: Berlin war immer mein Sehnsuchtsort. Schon als ich das erste Mal vor 30 Jahren als Student hierher kam, strömte mir Energie zu. Diese Stadt ist für mich so voller pulsierendem Leben, ein einziger Energiegeber. Das habe ich in keiner anderen Stadt je so empfunden. Und deshalb bin ich sehr glücklich, dass ich jetzt auch noch in ihrer Mitte meinen Dienst tun darf.

Berliner Morgenpost: Und Sie dürfen ja sogar darauf hoffen, die Bundeskanzlerin und den künftigen Vizekanzler Westerwelle als bekennende Protestanten in ihren Reihen begrüßen zu können.

Berthold Höcker: Ich weiß, dass sie auf jeden Fall in Kirchen des Kirchenkreises Stadtmitte kommen, also in den Berliner Dom, aber auch in St. Marien am Alexanderplatz, was meine Predigtstätte sein wird. Aber ich würde sie sicher nicht dort ansprechen. Auch Politiker haben ein Recht, mal als Privatperson in den Gottesdienst zu gehen. Sie können kommen, mitsingen, beten und das Wort Gottes hören - das ist doch prima!

Berliner Morgenpost: Dennoch wird es nicht einfacher, die Menschen überhaupt in die Kirche zu bekommen. In Berlin ist die Mehrheit der Bevölkerung konfessionslos.

Berthold Höcker: Ich baue nicht darauf, dass da jetzt irgendwer wieder neu kommt. Mein Auftrag ist es, dass ich das Wort Jesu verkünde und die Sakramente reiche. Aber unsere Arbeit ist nicht davon abhängig, ob das eine Person gut findet oder Millionen.

Berliner Morgenpost: Sie sprechen aber voller Selbstbewusstsein immer noch von Volkskirche.

Berthold Höcker: Ja natürlich. Wir sind per Definition offen für alle Menschen, die zu uns kommen. Im Gegensatz zu Sekten, die sich abschneiden mit bestimmten Elitemerkmalen. Und es gibt ja nicht nur rückläufige Mitgliederzahlen. Wir haben sehr erfolgreiche Kircheneintrittsstellen installiert, die völlig unkompliziert sind. Da können Sie den Eintritt quasi nach dem Einkaufsbummel machen. In Köln haben wir Zulauf und auch in Berlin gibt es solche Gemeinden. Im Westen Berlins schmelzen die Zahlen, im Osten nehmen sie aber zu. Der Dom beispielsweise erfreut sich wachsender Beteiligung. Es hängt immer sehr vom konkreten Angebot für die Mitglieder vor Ort ab. Das wird auch eine meiner Hauptaufgaben - das, was wir in der Citykirche in Köln geschafft haben, nämlich eine Vielfalt zu bieten, auch auf den Kirchenkreis Berlin zu übertragen.

Berliner Morgenpost: 1989 spielte die evangelische Kirche eine tragende Rolle in der friedlichen Revolution der DDR. Wie kann sie von den jetzt wieder so präsenten Ereignissen in Zukunft profitieren?

Berthold Höcker: Die Kirche kann nicht daraus schöpfen, was mal gewesen ist. Aber die Gotteshäuser waren vor zwanzig Jahren natürlich ein Schutzraum - und der soll nach unserem Verständnis erhalten bleiben - für jeden. Die andere Rolle der Kirchen ist natürlich auch eine mahnende. Der Grundsatz von der unantastbaren Würde des Menschen lässt sich nur religiös begründen. Solange die Kirchen stehen, sieht man, dass dieses Menschenbild vertreten wird. Insofern ist es wichtig, dass die Kirche auch an den Sichtachsen einer Stadt und in deren Städtebild präsent ist und dass ihre Glocken läuten. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der die Glocken verstummt sind.

Berliner Morgenpost: In Berlin-Mitte haben Sie dieses Problem nicht?

Berthold Höcker: Nein. Der Dom ist sonntags voll, die Marienkirche und die Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt sind gut besucht, die Friedrichswerdersche Kirche soll aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wieder an uns zurückgehen. Außerdem gibt es Pläne, die Petri-Kirche wieder zu errichten. Sie könnte wieder ein Stück der restituierten Bürgerstadt im Zentrum sein, die Ulbricht einst platt gemacht hat.

Berliner Morgenpost: Was haben Sie sich noch vorgenommen?

Berthold Höcker: Ich werde mich weiter für evangelische Schulen im Kirchenkreis einsetzen. Wir haben dort einen enormen Zulauf, weil die Menschen gemerkt haben, dass sie, wo unser Menschenbild und unser Bildungsbegriff zugrunde gelegt werden, eine hervorragende Schule fürs Leben bekommen. Außerdem möchte ich gerne mit der Wirtschaft in Dialog treten. Es ist mir ein besonderes Anliegen, die Unternehmer davon zu überzeugen, dass das christliche Menschenbild ein ökonomischer Erfolgsfaktor ist. Ich habe mit dem Unternehmensberater Hasso Mansfeld diesen Beweis schon angetreten. Wir haben Firmen beraten, und dort, wo man sich an unsere Vorgaben gehalten hat, ist man gut durch die Krisenzeiten gekommen.

Berliner Morgenpost: Wie wichtig ist die Seelsorge und Betreuung?

Berthold Höcker: Eminent wichtig. Wir haben bei den Kirchenaustritten ganz oft gehört, dass es wegen der Kirchensteuer sei. Aber diesem Argument liegt eine viel tieferes Gefühl zugrunde: Entfremdung. Da müssen wir ansetzen. In Köln gab es zahlreiche Kurse und Beratungsangebote zur Persönlichkeitsentwicklung. Ich glaube, die Mehrzahl der Menschen hat nicht genügend Selbstwertgefühl, der Mangel an Selbstliebe ist groß. Glück speist sich nicht aus Konsum. Das sind nur Bilder von Glück, die nicht wirklich glücklich machen.