Tegel

Renate Künast schießt Giftpfeile gegen Wowereit

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Jens Anker

Bei ihren ersten Auftritt nach Bekanntwerden ihrer Kandidatur gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit im Borsigturm in Tegel attackiert die Grünen-Fraktionsvorsitzende ihren Mitbewerber.

Sie kam forschen Schrittes alle zehn Stockwerke zu Fuß hinauf und hatte noch Luft genug, mit dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer, Eric Schweitzer, scherzend das Podium zu erklimmen. Die designierte Spitzenkandidatin der Berliner Grünen, Renate Künast, hatte sich für ihren ersten Auftritt nach Bekanntwerden ihrer Kandidatur gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit den Borsigturm in Tegel ausgesucht. "Zukunftswerkstatt Green Economy" lautete das Thema einer Diskussionsrunde mit Künast, Schweitzer, Handwerkspräsident Stephan Schwarz und dem stellvertretenden DGB-Chef Christian Hoßbach.

Es war ein Heimspiel für Künast. Routiniert wich sie auch an diesem Abend allen Fragen nach ihrer möglichen Zukunft in Berlin aus, schoss aber gleichzeitig kleine Giftpfeile gegen Wowereit. Wo wäre die Stadt beim Thema E-Mobility, fragt sie, wenn sich nur jemand darum kümmern würde? "Berlin ist da nicht weit genug", sagte sie. Man dürfe nicht eine Handvoll Modellprojekte mit einem zielgerichteten Plan verwechseln. Den skizzierte sie sogleich den Zuhörern. Unter dem Begriff "grüne Technologie" versteht Künast nicht einen neuen Wirtschaftszweig, sondern die Umgestaltung der bestehenden. Es gelte, den Tourismus "auf den Pfad der grünen Technologie zu bringen", sagt sie. Hotels müssten auf Nahrungsmittel aus der jeweiligen Region setzen, um die Klimabilanz zu verbessern.

Wie soll die Gesundheitswirtschaft künftig organisiert werden? Was bedeutet angesichts ausgehender natürlicher Energiequellen künftig Mobilität in der Stadt? In allen diesen Wirtschaftszweigen gelte es, "mit einem intelligenten, kreativen Umgang mit Energie mehr Effizienz zu erreichten", fordert Künast. Keiner der drei Mitdiskutanten widersprach Künast. Der Termin mit IHK- und Handwerkskammerpräsident war nicht zufällig gewählt. Vor allem in der Wirtschaftspolitik hinken die Grünen in der Glaubhaftigkeit der SPD noch weit hinterher. Die Partei hat das erkannt und die Wirtschaft bereits zum Chefthema gemacht, Fraktionschef Volker Ratzmann hat sich seit zwei Jahren der Wirtschaftspolitik angenommen und die Nähe zu den Berliner Unternehmen und Verbänden gesucht. Vergangenes Jahr reiste die Fraktion bereits zusammen mit einer Delegation der IHK nach Istanbul.

Auch in der Wirtschaft hat ein Umdenken eingesetzt. "In zehn Jahren wird die ,Green Economy' mehr Bedeutung haben als die Automobilwirtschaft", sagt IHK-Präsident Eric Schweitzer. "Das ist keine grüne Spinnerei", entfährt es ihm noch, um sich sogleich für den abfälligen Satz zu entschuldigen. Ziel sei es, die Wirtschaftskraft zu stärken und mehr Arbeitsplätze in die Stadt zu holen. Derzeit arbeiten bereits 42 000 Berliner in der "Green Economy". Nach Schweitzers Vorstellungen könnten es in zehn Jahren 100 000 sein.

Auch Handwerkskammerpräsident Schwarz sieht eine gute Ausgangsbasis dafür, dass Berlin eine wichtige Rolle bei den nachhaltigen Technologien spielen kann. Bei der energetischen Gebäudesanierung sei Berlin zusammen mit Stockholm schon jetzt europäische Spitze. Die Kompetenz sollte nach Schwarz' Worten dafür genutzt werden, die Gebäude in Osteuropa zu sanieren. "Die energetische Gebäudesanierung könnte ein exorbitanter Exportfaktor werden", sagte Schwarz. Es herrscht Einigkeit an diesem Abend zwischen der Vorzeigefrau der Grünen und den Wirtschaftsvertretern.

Natürlich warteten die Gäste auf ein Wort zur viel diskutierten Kandidatur Künasts. Am Ende gab es doch noch einen Satz dazu. Was wäre, wenn Renate Künast tatsächlich zur Regierenden Bürgermeisterin gewählt würde, wurde Fraktionschef Ratzmann gefragt. Seine Antwort: "Dann geht es mit der Stadt aufwärts."