Gesundheit

"Uns war nicht klar, dass es Schweinegrippe ist"

Es ist ein tragischer Fall, der vor allem Berliner und Brandenburger Eltern erschüttert. Ein neunjähriges Mädchen aus der Uckermark starb an Schweinegrippe - selbst Ärzte der Charité konnten sein Leben nicht mehr retten. Ein Kind, das keine Vorerkrankungen hatte, wurde nach wenigen Tagen zum ersten Todesfall der Grippe in 2011 in Brandenburg.

Es waren die Symptome einer saisonalen Grippe: Eine Woche ist es her, da riefen die Eltern den Notarzt. Die Tochter war plötzlich nicht mehr ansprechbar. Man brachte sie ins Asklepios-Klinikum in Schwedt. "Das Mädchen hatte 41 Grad Fieber und konnte kaum noch selbstständig atmen", sagt Rüdiger Heicappell, der Ärztliche Klinik-Direktor. Den Ärzten war offenbar nicht klar, dass es sich um Schweinegrippe handelt. Erst die Charité stellte die endgültige Diagnose.

Das Kind wurde an eine Beatmungsmaschine angeschlossen, fiebersenkende und kreislaufunterstützende Mittel wurden eingesetzt. Trotzdem verschlechterte sich sein Zustand. Wegen des ungewöhnlich schweren Verlaufs entschieden die Ärzte noch in der Nacht, die Neunjährige in die Charité zu bringen. Wegen dichten Nebels konnte kein Hubschrauber fliegen, das Kind musste im Krankenwagen nach Berlin gebracht werden. Nach einem Labortest diagnostizierten die Ärzte eine Infektion mit dem Schweinegrippen-Virus H1N1. "Bei dem Mädchen ist es zu einem ungewöhnlich schweren Verlauf der Krankheit gekommen", sagt Stefanie Winde, Sprecherin der Charité. Einen Verlauf in dieser Form hätten die Ärzte der Charité bisher noch nicht gesehen. Das Kind sei an den Folgen eines Ödems im Gehirn gestorben. Winde bezeichnete den Fall als schicksalhaftes Unglück. Daraus sei aber keinesfalls zu schließen, dass es jetzt zu einer Häufung ähnlicher Fälle kommt.

Mehr Grippeimpfungen

Dennoch ruft der Fall Erinnerungen an das Pandemiejahr 2009 wach. Damals wurden in Berlin 8344 Erkrankungen an Schweinegrippe gemeldet, sieben Menschen starben. In 2010 gab es weitaus weniger Betroffene: Nur 188 Berliner erkrankten an Schweinegrippe. Allerdings starben davon sechs Menschen. An der normalen Grippe sterben jedoch im Schnitt immer noch mehr Menschen.

Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) ist der aktuelle Todesfall keinesfalls überraschend. In einigen, wenn auch seltenen Fällen komme es während der Schweinegrippe zu Komplikationen, etwa wenn eine über einen Virus ausgelöste Lungenentzündung eintritt. Dann, so RKI-Präsident Reinhard Burger, könne es durchaus lebensgefährlich werden. Anders als in 2009 treffe das Virus aber nicht mehr auf eine immunologisch naive Bevölkerung. "Ein Teil der Menschen weist inzwischen schützende Antikörper gegen das Virus auf", sagt Burger. Entweder nach einer durchgemachten Infektion oder nach einer Impfung. "Impfstoff stand diesmal rechtzeitig vor der Grippewelle zur Verfügung, deshalb haben wir jetzt auch keinen pandemischen Charakter." Eine weitere positive Nachricht sei, dass bislang keine Abwehrreaktionen gegen die eingesetzten Anti-Schweinegrippe-Impfstoffe festgestelltworden seien.

Risikogruppe Kind

Zu den Risikogruppen gehören, und das ist für die normale Grippe nicht typisch, besonders Kinder. In Kooperation mit den Gesundheitsämtern wurden an Schulen seit einigen Wochen Informationsblätter verteilt. Die Schreiben warnen vor der hohen Ansteckungsgefahr und klären über typische Krankheitsanzeichen wie Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen auf. Einige Fälle von Schweinegrippe wurden bereits bestätigt, wie an der Berliner Cosmopolitan School in Mitte. Der betroffene Junge darf erst wieder zurückkehren, wenn er ein Attest vorlegen kann, das die Heilung bestätigt.

Auch Kitas haben vorgesorgt. Etwa der Kita Eigenbetrieb Süd-West, der 4500 Kinder in verschiedenen Stadtteilen betreut. "Wir haben aber die klare Anweisung gegeben, dass Fälle von Schweinegrippe nicht nur bei uns, sondern auch beim Gesundheitsamt zu melden sind", sagt die pädagogische Geschäftsführerin Martina Castello. "Wir haben aus dem Pandemiejahr gelernt", sagt sie. "Damals hatten wir rund 100 Fälle", sagt Castello. Momentan sei ihr kein einziger Fall bekannt.

Inzwischen hat das brandenburgische Bildungsministerium den Lehrern an der Erich-Kästner-Grundschule in Schwedt psychologische Unterstützung zugesagt. Nach den Winterferien, am 7. Februar, soll mit Eltern und Kindern über den Tod der Mitschülerin gesprochen werden. Ihre gleichaltrige und wie es heißt, wohl auch beste Freundin war ebenfalls an Schweinegrippe erkrankt und im Asklepios-Klinikum behandelt worden. Bei ihr ist der Krankheitsverlauf glimpflich verlaufen, sie wurde schon wieder aus der Klinik entlassen.

"Ein Teil der Menschen weist inzwischen schützende Antikörper auf"

Reinhard Burger, RKI-Präsident