Serie: Wir sind ein Volk - Wir sind Berlin, Teil 29

"Sie wollen nach Steglitz fahren? - Keine Ahnung, wo das liegt"

| Lesedauer: 23 Minuten
Sören Kittel

Stundenlang haben die beiden Taxifahrer Manfred Klewer und Uwe Schütz geredet, über steigende Taxipreise, abgebrochene Mercedessterne und unbekannte Stadtteile, über freundliche Russen und das amerikanische Linksabbiegen. Doch als der 63-jährige Ost-Berliner Klewer ganz am Ende erzählen soll, wie er als Sohn eines Pankower Fleischers ausgerechnet Taxifahrer werden wollte, gerät er kurz ins Stocken.

"Das ist ganz einfach...", sagt er. Pause. Und dann: "Aber kann man das überhaupt erzählen?" Uwe Schütz wendet sich überrascht zu ihm und sagt: "Na, Manfred, jetzt wird's spannend." Aber Manfred Klewer will noch immer nicht so recht. Er, dessen Beruf es sonst ist, Menschen zum Reden zu bringen, dem schon Hunderte Fahrgäste ihre Lebensgeschichte erzählten, der auch heraushört, wenn jemand nichts sagen will, dieser Mann überlegt kurz und sagt: "Also: Im Jahr 1961 kam ja die Mauer..."

Die Geschichte, die dann folgt, ist dann gar nicht so schwierig zu erzählen. Sie handelt vom 14-jährigen Manfred, der eine Lehrstelle in Neukölln hatte, als Autoelektriker. Als im August 1961 dann plötzlich die Mauer gebaut wurde, durfte er nicht mehr zu seiner Arbeitsstelle fahren. Also suchte er sich einen anderen Beruf. Mit Autos sollte es zu tun haben. Ein Leben und ein Berufswunsch direkt verbunden mit der Mauer. So ist das bei Manfred Klewer, dem Ost-Berliner, und auch bei Uwe Schütz, dem West-Berliner, dem Beamtensohn, der als Student in den Beruf rutschte - auch eine Situation, die es wohl ohne die Mauer so nicht gegeben hätte. Für ihre Begegnung haben sich die beiden wohl auch deshalb für einen Grenzübergang entschieden, einen, der etwas außerhalb liegt: den ehemaligen Kontrollpunkt Dreilinden im Süden Berlins, einst genannt "Checkpoint Bravo". Nicht weit von einem anderen Grenzübergang sind beide aufgewachsen, der Bösebrücke. Einst verband sie die Bornholmer Straße mit der Osloer Straße, dann trennte sie fast 30 Jahre lang Pankow von Wedding. Zwei Welten. Heute fahren auch Taxifahrer wieder ganz selbstverständlich hinüber. Und nach Dreilinden.

Taxifahrer in Ost und West waren keine Konkurrenz, sondern Kollegen

Startpunkt der Reise mit den beiden Taxifahrern ist die Berliner Taxiinnung in Schöneberg. Der Ost-Berliner Manfred Klewer steigt auf den Fahrersitz eines der vielen eierschalenfarbenen Mercedes-Wagen auf dem Hof des Verbandes. Sein zehn Jahre jüngerer "Westkollege" Uwe Schütz setzt sich auf den Beifahrersitz. Klewer dreht den Zündschlüssel und fährt sanft durch die Schranke des Hofs, beide Hände am Lenkrad, kein betont lässiges Einhand-Fahren. Vorbei an einem Autohaus mit langer, bunter Wimpelkette, auf die stark befahrene Lietzenburger Straße, mitten durch ehemaliges West-Berlin. Das bekommen beide auch nicht mehr aus dem Kopf. Zu lang haben sie jeweils in nur einem Teil der Stadt gelebt und gearbeitet. Was allerdings verschwunden ist, das ist die Bewertung, ja die Abwertung der anderen Hälfte. "Das ist ja das Besondere am Beruf des Taxifahrers", sagt Klewer, "im Gegensatz zum Maler oder Elektriker konnten wir nicht unsere Kollegen beim Preis unterbieten." Im Gegenteil: "Wir haben voneinander lernen müssen."

Wo aber Ost beginnt und West aufhört, das fällt beiden noch auf. Sie müssen nicht darüber nachdenken. Uwe Schütz: "Die meisten Fahrten waren kurz - schließlich maß West-Berlin nur wenig mehr als 20 Kilometer von einem Ende zum anderen. Wenn ich einmal bis zum Wannsee gefahren bin, hatte ich auf dem Rückweg schon den nächsten Fahrgast. Es gab eigentlich zu wenig Taxis - und natürlich den Berlin-Zuschlag. Acht Prozent mehr auf das Monatsgehalt, nur weil man in einer eingesperrten Stadt lebte. Dann all die Leute, die Geld hatten: Lehrer, Verwaltungsbeamte, Villenbesitzer im Grunewald. Die sind oft Taxi gefahren. Die 3 D-Mark Grundgebühr und 1,80 D-Mark pro Kilometer waren kein Problem für viele damals. "Also finanziell war es für West-Berliner Taxifahrer damals auf jeden Fall besser. Aber versteh' mich nicht falsch, Manfred, ich will den alten Zustand auch nicht mehr haben. Aber was mich heute wirklich stört ist die Sache mit unserem Ruf! Als Taxifahrer galt man damals noch etwas!"

Die 1970er- und 1980er-Jahre waren in der Tat die Zeit, in der es eine gewisse romantische Verklärung des Taxi-Berufs gab. Das lag zum einen daran, dass so viele diesen Beruf machen wollten, weil man schnell gutes Geld machen konnte, wie nebenbei die Stadt wie die eigene Westentasche kennen lernt und immer wieder interessante Menschen. Vielleicht lag es an der damaligen Gesprächskultur, in der jeder leichter zum Reden zu kriegen war: beim Frisör, an der Kneipentheke, beim Bäcker und eben immer wieder im Taxi. So erfuhr Manfred Klewer am Abend des 9. Novembers 1989 vom Mauerfall von einer Kneipenwirtin in Treptow, Uwe Schütz von einem Studenten-Taxifahrer in Wedding. Beide Male war es das in Berlin übliche "Hamm'se-schon-jehört?", das beide heute vermissen. Diese flüchtigen Bekanntschaften auf engem Raum in einer Großstadt.

Im Jahr 1991 wurde diesen Zufallsbegegnungen in Jim Jarmuschs "Night on Earth" ein filmisches Denkmal gesetzt. Ein Film, in dem Taxifahrer in Rom, Los Angeles, New York, Paris und Helsinki porträtiert werden, die ihre Fahrgäste nicht einfach nur von A nach B bringen, sondern immer eine ganz besondere Verbindung zueinander aufbauen. Armin Mueller-Stahl spielt darin einen Ostdeutschen in New York, der mit dem Automatikgetriebe in den USA kämpft - und schließlich den Fahrgast ans Steuer lässt. Der Beruf wird nicht als Dienstleistung gezeigt, sondern als leichter Einstieg in eine Welt der Aussteiger. Alles, was man braucht, sind Fahrerlaubnis und P-Schein, also die Berechtigung zur Personenbeförderung. Dafür winken rebellisch unangepasste Arbeitszeiten, das ständige Unterwegssein und jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, die Möglichkeit einer neue Geschichte.

In Westdeutschland hatte der Taxiberuf lange Zeit dieses Image, zumal viele Studenten sich so ihr Studium finanzierten oder die letzte Prüfung noch bis weit über das 47. Semester hinaus dehnten. In Ost-Deutschland kamen Taxifahrer im öffentlichen Leben zu selten vor, als dass man auf die Idee gekommen wäre, ihnen Filme oder Bücher zu widmen. Manfred Klewer erzählt, dass sie, wie viele Dinge im Osten, Mangelware waren: "In Berlin gab es in den 70er-Jahren den Volkseigenen Betrieb VEB Taxi und noch 60 kleine Einzelbetriebe. Ich begann zunächst für zwei Jahre beim VEB zu arbeiten, einige Jahre später erlaubte Erich Honecker dann mehr Privatunternehmen in Berlin - und wollte die Zahl der Taxiunternehmen in Berlin auf 200 steigern. Also gründete ich 1979 mein eigenes Unternehmen. Ich bin so reingerutscht. Die Arbeit hat einfach Spaß gemacht, man wurde gebraucht, weil es eben so wenige gab. Von den Schwarztaxis will ich gar nicht reden. Die fuhren zuhauf damals in Ostberlin. Für die, die es doch schafften, ein richtiges Taxi zu bekommen, war es auch nicht teuer: 50 Pfennig Einstiegsgebühr und 80 Pfennig pro Kilometer. Alle waren höflich, Russische Soldaten verkauften manchmal Zigaretten aus Moskau und manche Fahrgäste, zum Beispiel Besucher aus Dresden, fragten, ob ich auch West-Radio einstellen kann. Ich machte das dann. Die vom VEB durften ja kein Radio haben. Im Notfall gab es da diesen einen Knopf, um es sofort wieder auf einen Ost-Sender umzustellen."

Wenn das Nummernschild mit einem "I" begann, war es ein Ost-Taxi

Das Auto mit den beiden erreicht die Raststätte "Dreilinden", und passend zu ihrem Gesprächsthema sehen die Gebäude aus wie ein versteinerter Gruß aus alter Zeit. Der Name geht auf ein Forsthaus aus dem Jahr 1833 zurück. Die Gebäude links und rechts an der Stadtautobahn stehen allerdings leer. Sie erinnern ein wenig an einen Kinder-Baukasten aus den 70er-Jahren. Sie bieten die perfekte Kulisse für den Beginn eines TV-"Tatort", für den Moment, in dem das Mordopfer sich ausgerechnet eine verlassene Raststätte für die Flucht auswählt. In den Stützwänden des hohen Flachdaches sind große Löcher eingelassen, die zu dem einladen, was Jugendliche "herumhängen" nennen. Sie sind besprüht, mit Buchstaben, die nur manchmal einen Satz ergeben wie: "Sarah war hier". Die imposante Uhr zeigt seit Jahren die gleiche Zeit: fünf nach halb zwölf. Zwischen den beiden Häusern donnert der Mittagsverkehr zwischen Potsdam und Berlin. Schwere Laster transportieren Umzüge, Zement oder Blumen aus Kenia.

Sowohl Uwe Schütz als auch Manfred Klewer verbinden Erinnerungen mit diesem Grenzübergang. Sie wissen beide noch, wo der Wachturm gestanden hat, wo das "Niemandsland" zwischen den Grenzen begann. Ein bisschen Grenze ist es heute noch, denn hinter der Fußgängerüberführung endet das Stadtgebiet Berlins. Für Uwe Schütz bedeutete Dreilinden vor allem Kontrollen: Aussteigen, Ausweis zeigen, die Frage "Besondere Vorkommnisse?", manchmal musste er den Kofferraum öffnen oder die Beamten schauten mit Spiegeln unter den Wagenboden. Für Manfred Klewer markiert die Durchfahrt durch "Checkpoint Bravo" vor allem ein Ende eines großen unnötigen Umwegs. "Meine Schwiegereltern wohnen in Lutherstadt Wittenberg", sagt er. "Und wegen der Grenze musste ich immer einen Umweg über Schönefeld fahren." Das machte fast 30 Kilometer aus und wie jeder Taxifahrer mag eben Klewer keine Umwege. Er fährt gern den direkten Weg.

Fast 20 Jahre später entstehen am diesem ehemaligen Rasthof die Fotos für diese Seite und die beiden Taxifahrer sind geduldig, posieren bei geöffneter Autotür, sitzen wie Jugendliche in den runden Wandlöchern oder lehnen sich lässig an die Motorhaube des Eierschalen-Mercedes. "Vorsicht, der ist nicht so stabil wie dein Wartburg", ruft Klewer im Scherz. Das Auto dieser berühmten Ostmarke war eine der ersten Investitionen in seinen Taxi-Betrieb nach dem Mauerfall. Es gibt Fotos, auf denen Klewers Sohn stolz vor ihrem ersten Wartburg posiert. Uwe Schütz muss schmunzeln, denn es waren vor allem diese Autos, die Ost- von West-Taxis kurz nach der Maueröffnung noch voneinander unterschied. Die Ladas, Skodas, Wolgas. Alle hatten dreibuchstabige Nummernschilder: IUA oder IJF - alles, was mit "I" begann, war Ost-Berlin. Das einheitliche "B" kam erst mit der Wende.

Die Buchstaben waren nicht die einzige Umstellung. Der VEB Taxi ging an einen Westberliner Großkäufer und die privaten 160 Ost-Berliner Taxifahrer verhandelten nur Tage nach Mauerfall mit der West-Berliner Innung. Genauer: Herbert Zotzmann trat für die Ost-Berliner ein, jeder Kollege kannte damals den Namen dieses Vollblut-Taxifahrers. Sein Verhandlungspartner im Westen war Heinz Peter, Chef der West-Innung. Manfred Klewer erinnert sich noch heute an die Zeit, in der alle nur über "Herbert und Heinz" sprachen. Und über die neuen Autos, die bald alle bekommen sollten. Zum Teil wurden die Gespräche auch in Klewers Büro geführt. Als Uwe Schütz das hört, ist er überrascht: "Ach, bei dir wurden die schwarzen Messen abgehalten!" Schütz selber arbeitete zu dieser Zeit in einem Unternehmen, an dem sich die Verhältnisse der gesamten Berliner Taxiwirtschaft gut im Kleinen zeigen lassen. Auf der Rückfahrt von der Raststätte Dreilinden erzählt Schütz ihre Geschichte. Sie enthält auch den Ursprung der Freundschaft von "Manfred und Uwe":

"Wir haben mit 36 Kleinunternehmern unter anderem den Transport von Behinderten organisiert. Aber nur in West-Berlin. Nun gab es auch Behinderte im Ostteil, die zum Arzt oder zur Arbeit gebracht werden mussten. Die Stadt Berlin hat dann sehr schnell zusätzliche Gelder zur Verfügung gestellt und wir haben 15 Ost-Unternehmen angesprochen, ob sie mitmachen wollen. Natürlich mussten sie sich dann einen Kombi-Wagen anschaffen, damit auch sperrige Rollstühle hineinpassen."

Manfred Klewer unterbricht: "Für mich war das wirklich ungünstig. Ich hatte mir ja gerade erst den Wartburg geleistet! Und schon musste ich mir wieder einen neuen Wagen kaufen. Aber es war natürlich auch eine Gelegenheit..." Uwe Schütz weiter: "Schnell hat sich dann aber ein gewisser harter Kern gebildet, mehrere Freundschaften sind entstanden und so haben wir beide uns auch kennen gelernt, uns auch mal privat getroffen. Natürlich hat man sich manchmal über die 'Kollegen von drüben' lustig gemacht. Auf beiden Seiten. Aber das hörte schnell wieder auf. Denn wir mussten auch voneinander lernen. Ich zum Beispiel sollte einmal zur Stralauer Allee fahren und hatte keine Ahnung, dass es diese Straße überhaupt gibt. Wir haben dann Schulungsabende veranstaltet. Da saß dann ein Lichtenberger und hat erklärt, wie man von Weißensee nach Treptow kommt. Und ein Moabiter hat dann den kürzesten Weg von Charlottenburg nach Lankwitz beschrieben."

Taxifahrer genossen nach der Wende auf beiden Seiten Narrenfreiheit

Die übrig gebliebenen weißen Flecken in der "Landkarte im Kopf" wurden mit Stadtplänen erkundet. Klewer erinnert sich an eine dreiköpfige Familie, die in der Friedrichstraße im Frühjahr 1990 bei ihm einstieg. Es hieß: "Nach Steglitz, bitte!" Klewer: "Steglitz - das hatte ich schon mal gehört", sagt er und lacht heute, wo ihm Steglitz genauso nah ist wie Lichtenberg. Das war die Zeit zwischen Mauerfall und Währungsunion, in der Taxifahrer nur in ihrem Teil der Stadt Passanten aufnehmen durften. "Wir konnten zwar Menschen hinbringen", sagt Klewer, "aber keine neuen Passagiere aufnehmen." Als das dann aufgehoben wurde, genossen die Fahrer auf beiden Seiten noch immer einige Jahre Narrenfreiheit. "Niemand nahm uns übel, wenn wir etwas nicht wussten, sondern alle fragten nach, wie das Leben so im Westen war", sagt Uwe Schütz.

Etwas schwieriger war es mit den neuen Verkehrsregeln, an die sich alle erst nach und nach gewöhnen konnten. Da war zunächst der Grüne Pfeil, den es vorher in Westdeutschland nicht gab - und der auch heute in der Süddeutschen Zeitung als "DDR-Relikt" bezeichnet wird. Zum Teil wird er gerade in München erstmals wieder abgebaut, weil viele die Regel, die das kleine Pappschild mit sich bringt, nicht verstehen: eine Rote Ampel wird durch den Pfeil zum Stoppschild mit Rechtsabbiege-Möglichkeit. Etwas mehr Glück hatte eine andere Regel: Am 1. Juli 1992 wurde das "amerikanische" Linksabbiegen aus der DDR-Kreuzungskultur in ganz Deutschland eingeführt. Das heißt, dass voreinander abgebogen wird, und nicht wie bei vielen Kreuzungen in Westdeutschland, hintereinander. Die Fahrer im Westen nahmen ein "Im-Weg-Stehen" hin, auch wenn das voreinander abbiegen damals im Westen erlaubt war. Gerade reifere Autofahrer aus dem Westteil der Stadt neigen bis heute dazu, die alte Regel gerade bei größeren Kreuzungen anzuwenden. Die Kunst der Taxifahrer ist, das frühzeitig zu erkennen und sich dann entsprechend zu verhalten.

Irgendwann auf der Rückfahrt hupt dann doch einer hinter Manfred Klewer. Er reagiert gelassen, schaut in den Rückspiegel, nickt, hebt die Hand und fährt ruhig weiter. "Man soll sich eben nicht so sehr ablenken lassen beim Fahren", sagt er, mehr zu sich selbst als zu seinem Beifahrer. Und dann reden die beiden über die Fahrgäste heute. Und Klewer zeigt, der nach 30 Jahren im Taxi noch immer beides kann, konzentriert reden und sicher Auto fahren: "Also im Osten fingen damals die Leute etwas früher an zu arbeiten, so um 6 oder 7 Uhr. Das war dann schon einmal eine andere Kundschaft. Heute beginnen die meisten erst um 9 Uhr, das sind dann oft auch andere Jobs, viele Kreativberufe, das bekommen wir auch mit. Und natürlich: der Berliner ist relativ arm geworden und fährt wenig Taxi."

Jetzt ist es Uwe Schütz, der dazwischen geht: "Aber es war schon mal schlimmer, Manfred. Vor fünf oder sechs Jahren, da gab es eine richtige Flaute. Oder 2001, als der Euro kam und die Leute merkten, jetzt wird ihnen das Gehalt halbiert. Auf lange Sicht hat sich das aber positiv für uns ausgewirkt... Früher wurden 8,80 D-Mark auf 10 D-Mark aufgerundet, heute machen viele das gleiche mit dem Euro, aber geben im Grunde doppelt so viel Trinkgeld."

Doch Manfred Klewer sieht das alles nicht ganz so rosig. "Aber ist dir auch aufgefallen, dass die Leute nicht mehr so gern erzählen, wie früher? Ich meine, das stört mich ja im Grunde nicht. Ich merk schon, wenn sie nur 'Hmm' sagen, dann zwinge ich sie auch nicht, aber dafür gibt es mehr von diesen Typen, die sich nicht benehmen können, weißt du? Das hat nichts mehr mit Ost oder West zu tun. Die steigen einfach ein, legen die Beine aufs Armaturenbrett, drehen an den Radioknöpfen herum ohne zu fragen... führen sich auf wie der King. Im Grunde ist mir heute inzwischen der liebste Kunde sowieso der, der einfach keinen Stress macht." Schütz ergänzt kurz: "Das ist das, was ich vorhin meinte, mit dem Ruf der Branche. Es ist eben wieder eine Dienstleistung geworden."

Heute müssen Berlins Taxifahrer fließend Englisch sprechen können

Manfred Klewer blinkt und steuert den Wagen in die Lietzenburger Straße ein. Für den Radfahrer, der gefährlich nahe am Auto vorbeifährt, hat er nur ein Kopfschütteln übrig. Die bunten Wimpel des Autohauses neben der Taxiinnung sind schon zu sehen. Beim Blick aus dem Fenster fällt die kleine Tarifleiste an der Scheibe auf. Sie führt die Neuerungen der letzten Jahre vor Augen: Zunächst das vor zwei Jahren eingeführte Rauchverbot. Dann die Information über die Kurzstrecke, die aktuell 4 Euro kostet. In den 90er-Jahren hieß es: "Für fünf Mark bringen wir Sie um die Ecke." Und dann gibt es eine Neuerung, die noch nicht am Fenster erwähnt wird. Demnach sollen sich Fahrer für 25 Euro einen "Transponder" kaufen, mit dem sie am Eingang zum Flughafen Tegel registriert werden. Dafür werden 50 Cent Aufschlag für die Kunden am Flughafen fällig. Lautstark waren die Proteste der Taxifahrer. Als "Hure des Flughafens" bezeichneten sich einige auf Plakaten. "Nicht gerade mit Ruhm bekleckert" habe sich die Branche, sagt Uwe Schütz. Aber das Thema sei eben komplex. Warum solle man denn 50-Jährige zwingen, Englisch zu sprechen, nur weil sie am Flughafen Fahrgäste abholen? Dass man bei neuen Taxi-Zulassungen darauf achtet, das könnten beide verstehen.

Als beide vor der Innung aussteigen, einer links, einer rechts, fällt auf, wie ähnlich sie einander sind. Nicht äußerlich, eher vom Lebenslauf und ihren Einstellungen: Beide sind verheiratet, haben drei Kinder, sind begeisterte Mercedes-Fahrer - und schauen nicht mit Wehmut zurück. Kein einziges Mal sehnten sie sich nach der "immer grünen Welle" früher oder der Zeit, als keine Rollerfahrer auf den Busspuren fuhren. Nur das mit dem Image stört sie wirklich.

Dabei gibt es sie heute noch, die Menschen, die an das romantische Image des Berliner Taxifahrers glauben. Der Autor Uli Hannemann hat ein Buch über seine Zeit als Taxifahrer geschrieben: "Neulich im Taxi". Es gibt mehrere Internetseiten, auf denen Fahrer ihre Geschichten aus dem Taxi-Alltag erzählen - und es gibt die "Berliner Nacht-Taxe". In dieser RBB-Sendung fährt Comedian Michael Kessler durch Berlin und bringt Passanten kostenlos nach Hause - wenn sie ihm etwas von sich erzählen. Ist das die Rückkehr zum Taxi-Beruf als "Berufung"? Auf jeden Fall ist der Job so attraktiv, dass eines von Manfred Klewers Kindern ihn ergriffen hat. Wenn sein 43-jähriger Sohn Thomas dann einmal gefragt wird, wie er eigentlich zu dem Beruf gekommen sei, dann müsste seine Antwort streng genommen beginnen mit: "Also am 13. August 1961 wurde die Mauer gebaut..."

Manfred Klewer hörte am Abend des 9. Novembers 1989 das erste Mal etwas über den Mauerfall von einer Kneipenwirtin in Treptow, Uwe Schütz von einem Studenten-Taxifahrer in Wedding. Beide Male war es das damals in Berlin übliche "Hamm'se-schon-jehört?" - und genau das vermissen beide heute, diese flüchtigen Bekanntschaften in einer Großstadt

Morgen lesen Sie: Panik-Rocker Udo Lindenberg und Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker über die Zeit vor und nach der Wende

Die große Serie zum Mauerfall im Internet: www.morgenpost.de/mauerfall Die große 3-D-Grafik zum Mauerfall: www.morgenpost.de/die-mauer