Wahlen

Aus dem Lehrerzimmer ins Rathaus

Seine Schüler haben die Wahl positiv aufgenommen: "Dit is ja geil", sagt einer. Mit dem Kleebank könne man reden. Das wissen sie an der Heinrich-Böll-Schule in Spandau-Hakenfelde, die Helmut Kleebank seit Februar 2010 leitet. In acht Monaten möchte sich der 46-Jährige für die SPD zum Spandauer Bezirksbürgermeister wählen lassen.

"In der Schule muss man einen Blick für konkrete Probleme haben, die man gemeinsam mit anderen lösen muss", sagt der Pädagoge, der sich keinem Flügel seiner Partei zuordnen lassen will. Gleichzeitig müsse man die Grenzen kennen, die Institution und Strukturen setzen. "In größerem Rahmen ist das auch die Aufgabe eines Bezirksbürgermeisters."

Seit Jahren wurmt die selbstbewussten Spandauer Sozialdemokraten, dass sie zwar eine Hochburg der SPD in Berlin sind, aber nicht den Bürgermeister stellen. Denn anders als in anderen Bezirken nimmt der Rathauschef in der Havelstadt die Rolle einer Identifikationsfigur ein. Die Älteren sprechen noch heute gut über Werner Salomon, der von 1979 bis 1992 für die SPD die Geschicke von Spandau lenkte. Seit 1995 kommt aber kein Sozialdemokrat mehr am CDU-Bürgermeister Konrad Birkholz vorbei. Aber der populäre Christdemokrat, der aus dem Arbeitnehmerflügel der Union kommt, wird dieses Jahr nicht mehr antreten.

Gegen seinen von der Union erkorenen Nachfolger, den jungen Baustadtrat Carsten Röding (38), rechnet sich SPD-Kreischef Raed Saleh nun eine Chance mit Kleebank aus. Der SPD-Bewerber sei kein typischer Politiker, während Röding seit seinem 27. Lebensjahr Stadtrat sei. Kleebank war nicht von Anfang an erste Wahl der Spandauer SPD-Spitze. Zunächst wurde dem Bundestagsabgeordneten Swen Schulz die Bürgermeisterkandidatur angetragen, doch der winkte ab. Der Versuch des SPD-Sozialstadtrates Martin Matz, den Platz eins der Bezirks-Wahlliste zu erobern, war zunächst auf Wohlwollen getroffen, scheiterte jedoch am Widerstand vieler Genossen. Matz, früher Landesvorsitzender der FDP, der 2004 aus der FDP zur SPD wechselte, fehle der sozialdemokratische Stallgeruch und die Spandauer Herkunft, finden nicht nur die altvorderen Genossen in der eher links tickenden Spandauer SPD.

Helmut Kleebank ist einer von ihnen. Seit 1992 ist der Vater von fünf Kindern Mitglied, er war mal Vorsitzender der Spandauer Jusos. Er ist ein Mann mit klaren Gesichtszügen, Igel-Haarschnitt und modisch eckiger Brille, trägt im winterlichen Alltag Jackett zum Pullover.

Derzeit ist er stellvertretender Vorsitzender der SPD Gatow-Kladow und Mitglied im Spandauer Kreisvorstand. Lange Jahre hatte er aber anderes zu tun, als voll in die Politik einzusteigen, räsoniert der Ur-Spandauer. Nach dem Abitur lernte er erst Krankenpfleger, arbeitete in verschiedenen Krankenhäusern, eher er Mathematik und Physik auf Lehramt studierte. Dann war er zehn Jahre Lehrer am Kant-Gymnasium, daneben koordinierte er für die Senatsschulverwaltung die neuen Rahmenpläne und überwachte als Schulinspektor die Qualität anderer Schulen.

Im Bezirksamt, in das er aller Wahrscheinlichkeit nach als Stadtrat auch einziehen wird, sollte die Spandauer SPD die Wahl im Bezirk verlieren und die CDU wieder die Bürgermeisterkette erringen, will der Schulleiter die Schulen enger mit dem Jobcenter und den Angeboten des Jugendamtes vernetzen. Als Schulleiter kennt er eine Unzahl von Jugendlichen, die wegen irgendwelcher Probleme in die Hilfsbürokratie aus Jugendamt, Hilfen zur Erziehung und Schule geraten sind und weiß daher, wie wichtig eine bessere Abstimmung ist. "Man muss an die Menschen ran und konkrete Probleme lösen", sagt der Katholik, der im Kirchenvorstand seiner Gemeinde Mariä Himmelfahrt in Kladow mitarbeitet: "Und man darf nicht so tun, als läge alles am Geld."

Er kennt die handelnden Personen in den Ämtern und den Schulen. Diese Reputation will Kleebank in die Waagschale werfen: "In der Kooperation zwischen Schulen und Jugendamt besteht in allen Bezirken Nachholbedarf."

Kleebank ist ein Macher. Das hat er in der Kürze seiner Zeit an der Heinrich-Böll-Schule schon gezeigt. Die Gesamtkonferenz hat er dazu gebracht, sich für ein neues Unterrichtsmodell einzusetzen. Künftig sollen in der Spandauer Schule Schüler der siebten bis zehnten Klasse gemeinsam unterrichtet werden, ähnlich wie es jetzt schon an vielen Grundschulen mit den kleinsten Schülern üblich ist. Das Modell hat Kleebank von einer Schule in Hamburg abgeschaut, dann hat er Schüler, Lehrer und Eltern davon überzeugt.

Außerdem hat er Senioren aus der Nachbarschaft als Seniorpartner an die Schule geholt. Sie wurden vorher als Konfliktlotsen ausgebildet und helfen nun, den Schulfrieden zu wahren. Zunehmend sprechen die Schüler die Senioren aber auch an, wenn sie fachliche Probleme haben. Da wird der pensionierte Ingenieur schon mal zum Nachhilfelehrer. Solche Modelle will Kleebank fördern. "Das Bezirksamt könnte die Ausbildung der Senioren finanzieren, das wäre ein echter Mehrwert für Spandau." Eigentlich, sagt er, müsste er Angst haben, dass sein geliebter Heimatbezirk abstürzt, wegen der hohen Arbeitslosigkeit und wachsenden sozialen Problemen. "Aber ich sehe ja, wie die Zusammenarbeit funktioniert, wenn wir sie nur vorantreiben." Dass er in Spandau bekannt ist, kann ihm nur nutzen. Viele Schüler dürfen ja schon ab 16 die Bezirksverordneten mitwählen.