Kommentar

Schöne Grüne Woche

Dioxin im Ei, Schweine auf Antibiotika, die nie das Sonnenlicht sehen, gentechnisch verändertes Getreide - verdirbt es den Deutschen denn nie den Appetit? Schaut man sich die Besucherzahlen der 76. Grünen Woche an, muss man sagen: nein.

Der Besucherstrom ist ungebrochen. Die Messe rechnet mit insgesamt mehr als 410 000 Besuchern. Wer erwartet hatte, der Dioxin-Skandal würde der Grünen Woche einen Dämpfer versetzen, lag falsch.

Warum auch sollten die Leute wegbleiben? Die Grüne Woche führt eine Welt der Lebensmittel vor, wie wir sie gern hätten. Alles sieht appetitlich und gesund aus. In der Tierhalle stehen Kühe mit Vornamen. Schauspieler in Tomaten- und Gurkenkostümen lächeln uns an, Weinköniginnen prosten uns zu. Und wenn wir eine Frage zum Essen haben, stehen kompetente Menschen bereit und beantworten sie uns fachkundig. So weit der Grüne-Woche-Traum.

Im täglichen Discounter stehen wir dagegen einsam vor Lebensmitteln, deren Zutatenlisten sich lesen wie Beipackzettel von Arznei: Emulgator, Sojalecithine, Xanthan, Mono- und Diglyceride, Gluten, Diphosphate, Natriumorthophosphat. Dazu eine lange E-Liste: E 104, E 110, E 131, E 172. Kapieren wir ein einziges Wort? Nein. Ist das alles wirklich harmlos? Wer weiß.

Der jüngste Tierfutterskandal zeigt: Wir Verbraucher sind erschreckend hilflos. Selbst wenn wir die komplizierten Wege unserer Nahrung durchschauten - eine Firma für Tierfutter können wir durch Boykott gar nicht treffen.

Erinnert sich noch jemand an den Skandal um gammeliges Dönerfleisch? Nie hat man erfahren, wo genau das Ekelfleisch herkam. Und selbst wenn uns Namen von Schlachthöfen genannt wurden - sie liegen irgendwo und heißen irgendwie. Wir haben es als Kunden nicht in der Hand, Ekelhöfen und Gammelbetrieben wirtschaftlich zuzusetzen. Das können höchstens die Discounter und Einzelhändler schaffen, indem sie dort nicht mehr einkaufen. Wir Kunden sind abhängig von der Moral derer, die uns unser tägliches Essen verkaufen - von Restaurantbesitzern und Imbissbetreibern, von den Bauern und den Einkäufern für die Supermarkttheken.

Sind die skrupellos und denken nur an ihren Gewinn statt auch an unsere Gesundheit, landet Müll auf unseren Tellern.

Können wir ihrer Moral vertrauen? Aus Erfahrung: Nein, natürlich nicht. Also brauchen wir Kontrollen. Während jede Interessengruppe eine lautstarke Lobby hat, ob Bauernverband oder Lebensmittelindustrie, haben wir Verbraucher keine. Unser einziger Hebel ist unser Kaufverhalten. Aber dieser Hebel ist schwach und er funktioniert nur kurz. Jetzt haben alle Angst vor Dioxin und kaufen Bio-Eier. Bis zu 39 Cent kostet so ein Ei vom glücklichen Huhn. 39 Cent! Die Bio-Ei-Welle wird sich schon bald wieder legen, der Blick auf den Preis die Dioxin-Angst verdrängen.

Weil das so ist, weil der Einzelne am Fleischtresen so machtlos ist, sind Gesundheitsbehörden so wichtig. Lebensmittelprüfer, Landwirtschaftsministerien der Länder, Bundesverbraucherschutzministerium - sie alle müssen ran, in unserem Sinne. Wir, die Bürger, müssen besser vor schlechtem Essen geschützt werden. Eine andere Antwort auf Dioxin und Konsorten gibt es nicht.