Freie Universität Berlin

Die ersten Studenten

Sie hatten alles riskiert: Verhöre, Verhaftung, Gefängnis im Ostteil Berlins. Proteste, Ungewissheit und einen unsicheren Neuanfang im Westteil der Stadt.

Sie waren die "Pressure Group", wie Stanislaw Karol Kubicki die Studenten der ersten Stunde nennt, der Antriebsmotor - und dann dieser Eklat: Es ist der 4. Dezember 1948, ihr großer Tag. Im Steglitzer Titania-Palast haben sich die drei Stadtkommandanten der Westalliierten, Politiker, Professoren und Studenten versammelt, um die Gründung der Freien Universität zu feiern. Die Mitglieder vom neu gegründeten Studierendenausschuss (Asta) sollen in Reihe 20 platziert werden, so will es das Protokoll. Doch die Studenten sind brüskiert. Natürlich sei ihnen klar gewesen, "dass die Professoren auf der Bühne sitzen und die Alliierten sowie wichtige Politiker wie Ernst Reuter in der ersten Reihe", erinnert sich der heute 84-Jährige. Aber dass auch viele weniger Prominente Stuhlreihen vor ihnen belegen sollten, habe man nicht verstehen können. "An dieser Veranstaltung nehmen wir nicht teil", ließen sie den geschäftsführenden Rektor wissen und erreichten damit mehr, als sie wollten: In der Feierstunde durften sie neben den Professoren auf der Bühne sitzen.

Der FU ein Leben lang verbunden

Die Gründungsstudenten - dazu gehören Stanislaw Karol Kubicki mit der Matrikelnummer 1 und Helmut Coper mit der Matrikelnummer 2. Zwei Männer, die auch vom Alter eng beieinander liegen. Coper feierte am 30. Dezember 2010 seinen 85. Geburtstag, Kubicki wird am 5. Juli 85. Viel verbindet die zwei, nicht nur die Zeit der Universitätsgründung. Medizinstudium, Promotion, Habilitation, Instituts- und Abteilungsleiter - ihr ganzes Berufsleben bleiben sie mit der Freien Universität verbunden. Beide widmen sich der Erforschung des Gehirns und des Nervensystems. Coper befasst sich mit dem Alterungsprozess, der Wirksamkeit von Arzneimitteln, die die Leistungsfähigkeit alter Menschen steigern sollen, und mit der Suchtforschung. Kubickis Themen sind der Hirntod, Schlafmittelvergiftungen und neurologische Veränderungen bei Intensivpatienten. Beide erzählen heute noch so lebendig und bewegend, als wäre ihr Medizinstudium, das sie an der Universität Unter den Linden (heute: Humboldt-Universität) begannen und an der Freien Universität in Dahlem fortführten, erst wenige Tage her.

1946 nimmt die Linden-Universität ihren Betrieb wieder auf. "Wir waren selig, dass wir studieren konnten, und hatten hervorragende Professoren", sagt Kubicki. Sein Vater, der expressionistische Maler Stanislaw Kubicki, hatte sich dem polnischen Widerstand angeschlossen und war 1943 von der Gestapo in Polen ermordet worden. "Kinder von Antifaschisten" genossen im Ostsektor einen besonderen Status. Während vor allem Kinder aus bürgerlichen Elternhäusern an der Linden-Universität abgelehnt werden, bekommt der 22 Jahre alte Kubicki sofort einen Studienplatz. Im dritten Semester interessiert er sich für die "Vereinigung antifaschistischer Studenten". Nie mehr Faschismus - das war auch sein Ziel. Es bleibt ein kurzes Intermezzo. Auch dem Werben eines russischen Hauptmanns, der ihn bat, einen Artikel über die Stimmung in der Studentenschaft zu schreiben, konnte er widerstehen. Nach ein paar Tagen Bedenkzeit ließ er ihn wissen, dass er sich dafür "doch nicht für geeignet" hält.

Auch Coper macht die Bekanntschaft mit den Machthabern im Ostsektor. Als am 1. Mai 1946 die roten Fahnen am Haupteingang der Universität gehisst werden, unterschreibt er einen Protestbrief und wird an die Wilhelmstraße zitiert, zur Zentrale der Bildungsverwaltung. Er findet sich in einem vergitterten Keller wieder. Coper hat jedoch Glück: Ein Professor hält ihm im Anschluss eine Standpauke und versucht, ihn "wieder auf den rechten Weg zu bringen". Nach der Zurechtweisung darf Coper wieder nach Hause gehen.

Die Situation an der Linden-Universität spitzt sich zu. Pflichtvorlesungen werden eingeführt, alle müssen Marx, Engels und Stalin pauken. Im Frühjahr 1948 wird den Leitern der Studentenzeitschrift "Colloquium", die für "freie Forschung und Lehre im humboldtschen Sinne" eintritt, die Zulassung entzogen. Kurz zuvor war in dem Blatt eine anonyme Glosse über die "einstimmige Wahl des neuen Rektors" erschienen. Das war der Moment, als der kühne Plan entstand, eine neue Universität im Westsektor zu gründen. 2000 Studenten ziehen zum Hotel "Esplanade" und fordern eine Freie Universität, unterstützt vom US-Militärgouverneur Lucius D. Clay. Er sieht die Uni schon als einen "Leuchtturm der Freiheit" in dem von den USA kontrollierten Sektor Berlins. Berlins Bürgermeister Ernst Reuter, das Abgeordnetenhaus und die Engländer sehen dies ähnlich und unterstützen die Gründung tatkräftig.

"Es herrschte eine unglaubliche Aufbruchsstimmung", sagt Helmut Coper. Er wird der erste Asta-Vorsitzende und muss für alle auftretenden Probleme Lösungswege finden. Junge Leute schleppen Stühle und Tische, richten Hörsäle ein. Viele, die an der Linden-Universität abgelehnt worden sind, fahren nun aus dem Ostteil täglich nach Dahlem, froh über die unerwartete Chance, doch studieren zu können. Die Mediziner werden anfangs vor allem im Krankenhaus Westend ausgebildet. "Einmal in der Woche", so erinnert sich Coper, "fuhr eine Straßenbahn von Westend zum Krankenhaus Neukölln, wo es eine Abteilung für Dermatologie gab. Dort fanden die Vorlesungen über Hautkrankheiten statt." 600 bis 700 Studenten in Hauptvorlesungen seien keine Seltenheit gewesen, fügt Stanislaw Karol Kubicki hinzu.

Kubicki wohnt in der Hufeisensiedlung in Britz. Er hat es sich zum Erzählen in einem Sessel bequem gemacht, umgeben von Büchern und Bildern - eine Bibliothek mit Galerie. Kubicki war vier Monate alt, als seine Eltern Margarete und Stanislaw Kubicki in das Häuschen des heutigen Welterbe-Ensembles zogen. Dort ist er aufgewachsen, und dort hat er auch seine vier Kinder großgezogen. 1968 habilitierte er. Von 1974 bis 1992 leitete er die Abteilung für Klinische Neurophysiologie an der FU. Mehr als 50 Aufsätze hat er publiziert, immer auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage: Was passiert im Gehirn, wenn ein Mensch bewusstlos ist? Doch nicht allein die klinische Forschung bestimmt sein Leben. Er hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, das künstlerische Erbe seiner Eltern - auch seine Mutter war Malerin - zu dokumentieren. Etliche Werke von ihnen hängen in Museen in Berlin und ganz Deutschland. Die vielleicht größte Werkschau ist in seinem Haus bei einem Rundgang zu bewundern. Kaum eine Stelle an der Wand ist noch frei. Die Vorhänge vom benachbarten Wohnzimmer sind zugezogen. "Das bleiben sie auch", versichert seine Frau. Die Aquarelle würden sonst die Farbe verlieren.

Kubickis Weggefährte Coper wohnt auch im Süden Berlins, in einer Villensiedlung in Zehlendorf. Er empfängt im grauen Pullover und schwarzer Wollhose in einem Erker mit taubenblauen Samtmöbeln. Je mehr er sich erinnert, desto detaillierter wird seine Erzählung. Ob Professor Stiefel, der an der Linden-Universität einen schwarzen Talar trägt, um darauf mit Kreide die menschlichen Knochen zu malen. Oder Professor Leisegang, der aus Jena mithilfe von Studenten flieht - sie fallen Coper alle wieder ein. Der Mann, der dem Alterungsprozess des Gehirns auf der Spur war, ist ein Beispiel für den perfekten Erhalt der Gedächtnisleistung. Nach seiner Promotion und Habilitation im Fach Pharmakologie wird Coper 1967 Direktor des neu geschaffenen Instituts für Neuropsychopharmakologie an der FU.

"Bei 120 Jahren ist Schluss"

1979 wird Coper im "Spiegel" gefragt, was den natürlichen Alterungsprozess aufhalten könne. "Nichts", sagt er damals, und "nichts", sagt er auch heute. Mittel zur Regeneration und Revitalisierung oder zum Ausgleich altersbedingter Mangelerscheinungen seien "reines Wortgeklingel". Er selbst nimmt keinerlei Vitamine. "Die krankhaften Veränderungen im Alter gehen niemals gegen null", sagt Coper. Die Leute werden zwar älter dank des medizinischen Fortschritts und vieler neuer Medikamente. Aber bei 120 Jahren sei Schluss, das bleibe seine Erkenntnis nach jahrzehntelanger Forschung. Im Jahre 2050 könnte dieses Alter vielleicht von vielen erreicht werden. Warum der eine es schaffe, gesund alt zu werden, und der andere nicht, sei nicht geklärt, sagt Coper. Stanislaw Karol Kubicki hat für sein hohes Alter nur eine Begründung: den genetisch bedingten Code der Mutter. Alle Frauen seiner Familie seien zwischen 93 und 97 Jahre alt geworden.

Die beiden Professoren werden ein Leben lang die Nummer 1 und 2 einer neuen Studentengeneration bleiben. Stanislaw Karol Kubicki nennt dieses Erbe hin und wieder "eine Plage". Immer wieder sei er als Student mit der Matrikelnummer 1 herumgereicht worden. Dass er sie erhielt, ist Zufall. Weil es an der FU noch keine Angestellten gibt, müssen die Studenten anfangs auch Verwaltungsaufgaben übernehmen. So wird Kubicki Leiter des Immatrikulationsbüros. Am ersten Tag sollen sich die Medizinstudenten mit den Anfangsbuchstaben A bis K einschreiben. "Helmut Coper", so erinnert sich Kubicki, "wollte die Nummer 1." Vielleicht ist in diesem Moment sein Ehrgeiz angestachelt, vielleicht ahnt er auf einmal die Besonderheit dieser Zahl. Er schlägt vor, eine Münze zu werfen, Wappen oder Zahl. Kubicki gewinnt und wird die Nummer 1.