Trauerfeier

Auf Wiedersehen, Schöneberger Sängerknaben

Der Gründer und Dirigent der Schöneberger Sängerknaben, Gerhard Hellwig, ist am Freitag in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche verabschiedet worden. Spätestens beim Lied "Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen", das er Jahrzehnte mit seinen Jungs als Botschafter Berlins in aller Welt schmetterte, steckte den sonst so sangesfrohen Trauergästen - darunter auch Sängerknaben, die bei der Gründung dabei waren, ein Kloß im Hals.

Mit dem Tod Hellwigs geht auch die Erfolgsgeschichte des Chors, den er 1947 im Alter von 22 Jahren gegründet hatte, zu Ende. Es gibt keinen Nachfolger, die Arbeit wird nicht weitergeführt. "Hätte er es gewollt, hätte er dafür gesorgt", so die enge Mitarbeiterin Angelika Richter.

"Für die zerlumpten, frierenden und oft hungernden Jungen war es etwas ganz Großes, in diesem Chor mitsingen zu können", erinnerte Pfarrer Martin Germer in seiner Predigt an die Anfänge des beruflichen Wirkens Hellwigs. Schon nach zwei Jahren hatte er es geschafft, den Chor bei der Städtischen Oper, der späteren Deutschen Oper Berlin, die damals noch im Theater des Westens untergebracht war, unter Vertrag zu bringen. Sogar die extreme Disziplin, die Gerhard Hellwig verlangte, sei positiv erfahren worden. Er sei streng gewesen, habe aber auch ein großes Herz gehabt, mit dem er für einzelne Kinder auch immer wieder zu einem zweiten oder gar zu einem Ersatzvater wurde.

Bereits im vergangenen Jahr hatte Hellwig die Arbeit des Chors wegen einer Augenoperation ruhen lassen. Dass er sie nie wieder würde aufnehmen können, hatte niemand geahnt. Weihnachten stürzte er in seiner Wohnung im Apartmenthaus an der Budapester Straße und zog sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Am 15. Januar starb er im Alter von 85 Jahren.

Hellwigs Sohn Robert Martin, der mit seiner Mutter Janis Martin aus San Antonio in Texas angereist war, fand tröstende Worte für die Weggefährten seines Vaters. Sein Leben sei erfüllt gewesen, er habe so viel gemacht, wie andere in fünf Leben nicht geschafft hätten. Sein Vater hätte in solch einem Moment bestimmt gesagt: "Also Kinder, nun macht mal nicht so lange Gesichter." Eine seiner großen Begabungen sei gewesen, außerhalb der Norm zu denken und zu handeln.

Das hatte Hellwig bereits 1947 bewiesen. Er war gerade erst aus britischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt. "Ein fast skurril anmutender Schritt. Er wollte in einer völlig ausgebombten Stadt mit hungernden, verzweifelten Menschen, in einer politisch instabilen Situation einen Knabenchor gründen: gemeinsames Singen, die Schönheit der Musik, die Reinheit und Klarheit der menschlichen Stimme als Gegenentwurf zur rauen Lebenswirklichkeit der Berliner Nachkriegszeit", sagte Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) in seinen Abschiedsworten. Der damalige Bürgermeister des Geburtsbezirks von Hellwig, Erich Wendland, habe nur schlicht erwidert: "Na, dann leg mal los." Und als die erste Chorreise mit dem Hilfswerk Berlin nach Stuttgart, Mannheim und Heidelberg gehen sollte, habe der damalige Vize-Bürgermeister Konrad Dickhardt mit Blick auf die manchmal zerschlissene Kleidung der Jungen gesagt: "So könnt ihr nicht fahren." So wurde die Chorkleidung mit den weißen Kniestrümpfen, kurzen schwarzen Hosen und der dunklen Weste mit dem Berliner-Bären-Emblem auf der Brust geboren. Der Buddy-Bär vor dem Rathaus Schöneberg, der gestern ausnahmsweise vor der Kirche stand, erinnert daran. Die Urne des Verstorbenen wird die Familie mit nach Amerika nehmen. Das habe er so gewollt.