Fortbildungsbudget

"Ohne gute Weiterbildung für Lehrer scheitert die Reform"

An den Berliner Schulen werden gerade umfassende Reformen durchgeführt. Außerdem hat Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) ein Qualitätspaket angekündigt. Bildungsforscherin Felicitas Thiel von der Freien Universität hält die Veränderungen für richtig, aber schlecht gemacht.

Morgenpost-Redakteurin Regina Köhler sprach mit ihr über die notwendige Qualität im Reformprozess.

Berliner Morgenpost: Frau Thiel, Reformen sind nur wirkungsvoll, wenn sie eine entsprechende Qualität haben. Läuft da in Berlin etwas schief?

Felicitas Thiel: Zuerst das Positive. Berlin hat gute Verfahren entwickelt, um festzustellen, wie es um die Bildung bestellt ist. Das sind Vergleichsarbeiten, zentrale Prüfungen, aber auch das Institut für Schulqualität, dass an der FU angesiedelt ist. Wir wissen also recht genau, wo wir stehen. Die Frage ist nun, was getan werden muss, um die Reformen auch zum Erfolg zu führen. Eine wesentliche Rolle spielt diesbezüglich die Aus- und Fortbildung der Lehrer. Wenn man große Reformen wie das jahrgangsübergreifende Lernen an der Grundschule oder die Sekundarschulreform etablieren oder die Sprachförderung verbessern will, müssen die Lehrkräfte bedarfsgerecht fortgebildet werden. Sonst scheitern diese Vorhaben.

Berliner Morgenpost: Bildungssenator Zöllner betont immer wieder, dass es eine Lehrerfortbildung gibt. Reicht die nicht aus?

Felicitas Thiel: Die Qualifizierungsangebote sind bei Weitem nicht ausreichend. Ein Beispiel: Lehrer, die sehr heterogene Schülergruppen unterrichten sollen - das sind die Grundschullehrer, die jahrgangsübergreifenden Unterricht (Jül) halten, aber auch die Sekundarschullehrer, die schwache Schüler fördern und andere bis zum Abitur bringen sollen - müssen entsprechend ausgebildet sein. Gerade in diesem Bereich, das berichten auch die Schulleitungen, gibt es viel zu wenig gute Angebote.

Berliner Morgenpost: Was bemängeln Sie an den Fortbildungsangeboten, die es zurzeit gibt?

Felicitas Thiel: Ich sehe ein großes Problem darin, wie in Berlin die Lehrerfortbildung organisiert ist. Der Berliner Senat verfolgt das Konzept der regionalisierten Fortbildung. Das heißt, es werden sogenannte Multiplikatoren qualifiziert, die den Lehrkräften in den Schulen dann weitergeben sollen, was sie selbst gelernt haben. Bisher weiß niemand, ob das wirklich funktioniert. Die Alternative zu diesem Modell wäre, dass Schulleitungen ein Fortbildungsbudget erhalten und dann gezielt die Angebote, die sie brauchen, einkaufen können. Zum Beispiel von Anbietern wie den Berliner und Brandenburger Universitäten oder anderen Trägern.

Berliner Morgenpost: Was muss sich noch ändern?

Felicitas Thiel: Wir brauchen viel mehr hochwertige Fortbildungsangebote, die abdecken, was Schulen wirklich benötigen. Lehrer brauchen eine gute Ausbildung für den Umgang mit heterogenen Klassen, aber auch im Bereich der Sprachförderung oder im Umgang mit Unterrichtsstörungen. Gute Fort- und Weiterbildungsangebote sind allerdings nicht umsonst zu haben. Wenn sie die aktuelle Debatte um die Sprachförderung anschauen, müssen wir feststellen, dass wir bislang zu wenig Sprachförderkonzepte haben, die auf ihre Wirksamkeit hin überprüft wurden. Hier sehe ich dringenden Nachholbedarf, übrigens auch im Bereich der Forschung.

Berliner Morgenpost: Bleiben die Schulen sich also größtenteils selbst überlassen?

Felicitas Thiel: Die Schulen erhalten zu wenig konkrete Unterstützung bei der Umsetzung der vielen Reformen. Das trifft nicht nur die Frage der Fortbildung, sondern auch die Beratung bei der Verbesserung von Unterrichtskonzepten. Gerade im Bereich der weiterführenden Schulen wird viel zu wenig Fachberatung angeboten. Mit Jül und der Sekundarschulreform werden beispielsweise zwei riesige Reformen in Gang gebracht, bei denen es im Kern darum geht, dass Lehrer mit Heterogenität umgehen können. Das sind große Herausforderungen, mit denen die Schulen allein gelassen werden. Sie sind damit aber komplett überfordert. Solche Großreformen kann man nur machen, wenn vorher oder mindestens parallel dazu entsprechende Fortbildungsangebote gemacht werden.

Berliner Morgenpost: Eltern wollen vor allem wissen, welche Schule die beste für ihr Kind ist. Wie könnte das am besten geschehen?

Felicitas Thiel: Eine umfassende Information der Eltern ist grundsätzlich richtig. Die Schulporträts könnten da noch viel ausführlicher sein. Bloße Rankings sind für eine Entscheidung hingegen wenig hilfreich. Schulinspektion sollte deshalb nicht zu einem einfachen Ranking der Schulen genutzt werden. Rankings führen nur dazu, dass der Abstand zwischen sehr nachgefragten und wenig nachgefragten Schulen noch weiter vergrößert wird. Gute Angebote für alle Schüler werden auf diese Weise nicht erreicht. Gerade darum aber sollte es doch gehen. Deshalb ist es viel wichtiger, dass die Schulen in ihrer Entwicklung begleitet und unterstützt werden. Dazu gehört eine gute Fortbildung der Lehrer und auch konkrete Fachberatung. Mein Vorschlag: Inspektionen sollten nicht flächendeckend, sondern anlassbezogen durchgeführt werden. Wenn eine Schule jahrelang viel schlechter bei Vergleichsarbeiten abschneidet als Schulen in einem ähnlichen Umfeld, dann ist es nötig, dass man genau hinschaut, woran das liegt, und dann aber auch die nötige Unterstützung für Verbesserungen bereithält.

Berliner Morgenpost: Kommen wir noch einmal auf die Vergleichsarbeiten zu sprechen. Viele Lehrer halten weniger davon. Das war jetzt wieder bei dem Deutsch-Vergleichstest "Vera" offensichtlich, den die Drittklässler schreiben mussten. Was sagen Sie dazu?

Felicitas Thiel: Vergleichsarbeiten müssen einen fairen Vergleich zulassen. Ob Kinder mehrheitlich aus Familien kommen, in denen die Eltern bei den Hausaufgaben helfen oder Nachhilfe kaufen können, oder ob sie mehrheitlich aus Familien kommen, die dazu nicht in der Lage sind, macht einen großen Unterschied. Diese Unterschiede müssen bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden.

Berliner Morgenpost: Bildungssenator Jürgen Zöllner hat jetzt ein Qualitätspaket für die Schulen angekündigt. Was halten Sie davon?

Felicitas Thiel: Das ist wichtig, wobei Herr Zöllner natürlich nicht bei null anfängt. Sein Vorgänger, Senator Klaus Böger (SPD), hat da bereits große Anstrengungen unternommen. Er hat beispielsweise das Schulgesetz auf den Weg gebracht und die Schulinspektion eingeführt. Was Zöllner jetzt tut, ist also vor allem eine Fortschreibung der Qualitätssicherung.

Berliner Morgenpost: Zu Zöllners Vorstellungen gehört, dass die Schulen die Ergebnisse der Schulinspektion veröffentlichen. Ist das richtig?

Felicitas Thiel: Gut ist, dass "Problemschulen" anhand aller verfügbaren Daten (Schulinspektion, Vergleichsarbeiten, Mittler Schulabschluss) identifiziert werden sollen und dass die Schulaufsicht mit diesen Schulen konkrete Zielvereinbarungen schließen soll. Aus meiner Sicht ist es nicht zwingend, dass die Berichte auch veröffentlicht werden. Worauf ich allerdings sehr gespannt bin, ist, welche Unterstützung diesen Schulen zur Verbesserung ihrer Arbeit angeboten wird. Gerade für diese Schulen wären ja ein bedarfsgerechtes Fortbildungsangebot und eine gute Beratung besonders wichtig.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie davon, dass Schüler von Problemschulen im Internetportal des Instituts für Schulqualität Fragen zur Qualität des Unterrichts beantworten sollen?

Felicitas Thiel: Das Portal ist ein sehr gutes Angebot des Instituts, das von Schulen einfach zu nutzen ist. Allerdings sollte das Urteil über die Qualität des Unterrichts nicht allein von der Einschätzung durch die Schüler abhängig gemacht werden. Der Schulleiter muss sich gerade in Problemfällen selbst ein Bild machen. Entscheidend ist für mich aber: Was geschieht mit den Ergebnissen? Was kann ein Schulleiter tun, wenn er feststellt, dass der Unterricht eines Kollegen den Standards nicht genügt.