Standpunkt Berlin

Das Humboldt-Forum als ein Ort des Aufbruchs

Am liebsten ließ er sich mit dem Chimborazo darstellen: Alexander von Humboldt genoss es, mit seinem Schicksalsberg porträtiert zu werden. Nicht nur, weil er bei seinem Besteigungsversuch einen Höhenweltrekord aufgestellt hatte. Sondern vor allem, weil er den Gipfel des Andenriesen, der damals als der höchste Berg der Welt galt, erblickte, aber nie erreichte.

Humboldt war kein Mann des Ankommens, sondern des Aufbruchs.

Was ihn auszeichnete? Mut zum Risiko. Und mehr noch: Stolz auf das Angehen des Schwierigen, vielleicht Unlösbaren. Ein Stolz, der sich nicht auf dem Erreichten ausruht, sondern stets weiter will. Der Jüngere der beiden Humboldt-Brüder war kein Hasardeur, auch wenn er stets an die Grenzen ging. Er war neugierig auf unterschiedliche Formen und Herkünfte des Wissens. Dieses Wissen führte er zusammen, kombinierte es neu, um daraus neues Wissen für die Zukunft zu schaffen. So wurde er zum ersten Globalisierungstheoretiker, formte Disziplinen wie Geographie oder Altamerikanistik. Vor allem aber: Er schuf ein neues Weltbewusstsein, das die Welt - und nicht nur die Neue Welt - auf neue Weise vor Augen führte.

Spektakulär und faszinierend war die Art, wie Humboldt die Welt inszenierte. Sein "Naturgemälde der Tropen" präsentierte eine neue Szenographie unseres Planeten, natürlich auf Höhe des Chimborazo. Es ist eines der berühmtesten Modelle der Wissenschaftsgeschichte. Ein Gemälde, das keiner vergisst, der es je sah. Von der Botanik über Geologie und Klimatologie bis hin zur Zoologie ist hier eingetragen, was seine Feldforschungen ergaben. Entscheidend aber war die Ästhetik als wichtigste Vision des Wissens. Weltbewusstsein braucht Ästhetik, braucht Sichtbarmachung: muss über die Sinne in die Köpfe.

Wie kann man heute die Welt inszenieren? Das Humboldt-Forum auf dem wichtigsten Platz des Landes muss hierfür neue Antworten finden und erfinden. Antworten, die Mut zum Risiko sowie den Humboldtschen Stolz besitzen, gerade das Schwierige anzugehen. Und es muss im Zeichen der Humboldt-Brüder stehen, vor allem Alexanders, dessen interkulturelles Denken in den Zeiten des Kolonialismus und Rassismus nur allzu gern in Deutschland ausgeblendet wurde. Im Ausland zählt er noch immer zu den bekanntesten Deutschen. Warum? Weil sein Denken nicht bloß auf einen Dialog der Kulturen, der leicht zu einem "Wir und die Anderen" gerät, sondern auf einen Polylog gerichtet war: vielstimmig, auf Augenhöhe. Sein Entwurf eines Museums, in dem die verschiedensten Künste und Kulturen der Neuen wie der Alten Welt sich miteinander vernetzen, war bahnbrechend und sucht nach Formen der Übersetzung ins Heutige, ins Künftige. Seine Ansichten der Natur wie seine Ansichten der Kultur stecken voller Überraschungen, sind riskant gemacht und riskant gedacht: keine Einbahnstraßen für Leser, sondern ein radikal offenes Sich-Bewegen und Sich-Bewegen-Lassen in den Mangroven der Kulturen. Derweil beginnen sich die Ethnologen öffentlich zu streiten, als sei das Humboldt-Forum ihr Eigentum. Nein - da es um Humboldt geht, geht es um mehr.

Da Humboldt drin sein muss, wenn Humboldt draufsteht, ist das Humboldt-Forum nur als Bewegungs-Ort denkbar, ein Erprobungsraum des Zusammendenkens für ein Zusammenleben in Frieden und Differenz. Das Humboldt-Forum als ein Mobile des Wissens, im Zeichen der Mahnung von Jürgen Habermas, dass Europa eine zweite Chance nur erhält, wenn es von anderen Kulturen lernt. Ein Humboldtscher Gedanke, der mehr als ein Jahrhundert lang weggewischt wurde, jetzt aber seine zweite Chance erhält. Dies braucht den Mut zum Risiko und den Stolz, nicht auf das Erreichte, sondern das gerade noch Erreichbare, nicht auf die bestiegenen, sondern die unbestiegenen Gipfel zu setzen.

Professor Ottmar Ette ist Literaturwissenschaftler in Potsdam, Mitglied der Academia Europaea und arbeitet mit in der Stiftung Zukunft Berlin.