Open-Air-Ausstellung

Wendepunkt Alexanderplatz

Von hier oben hat man alles im Blick. Aus dem dritten Stock sieht man die vielen Menschen, die über den Alexanderplatz laufen oder ihn im Schutz der Häuser am Rande umrunden. Hätte es dieses Elektronikkaufhaus schon vor zwanzig Jahren gegeben, hätten sich hinter den Fensterscheiben höchstwahrscheinlich Fotoreporter und Kamerateams aus aller Welt gedrängt, sofern es Volkspolizei und Stasiagenten zugelassen hätten. Denn von hier aus wäre die Aussicht hervorragend gewesen, auf die Menschenmassen, die sich am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz versammelten, um zu demonstrieren.

Heute steht dort unten der Australier Patrick Moffatt, inmitten der Open-Air-Ausstellung "Friedliche Revolution". Der Mittvierziger ist sichtlich beeindruckt von der Schau, die die Geschichte des Mauerfalls zeigt. "Ich habe gerade erst den Roman 'Stasiland' von Anna Funder gelesen, das Thema fasziniert mich einfach." Er läuft konzentriert an den Aufstellern entlang, geht immer wieder nah an die Bilder. "Das hier ist unglaublich berührend, obwohl wir in Australien den Mauerfall natürlich eher am Rande wahrgenommen haben." Aber auch dort, am anderen Ende der Welt, habe man den Umbruch in Deutschland gespürt. Moffatt erzählt von der deutschen Gemeinde in Melbourne, die sich am Tag des Mauerfalls versammelte, um spontan ein Straßenfest zu feiern.

Ausstellung bis 2010 verlängert

Seit Mai stehen nachgebaute Mauerteile und stilisierte Spruchbänder aus Metall auf dem Alexanderplatz. Sie sind den Transparenten der Demonstranten von damals nachempfunden. Die Schau ist ein durch Bund und Länder gefördertes Projekt der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Kulturprojekte Berlin GmbH. Wegen des großen Zuspruchs wird sie länger als ursprünglich geplant zu sehen sein, bis zum 3. Oktober 2010.

Eine der Stärken der Ausstellung ist, dass sie an einem der Kristallisationspunkte der Bürgerrechtsbewegung wider den Unrechtsstaat DDR liegt: Auf dem Alexanderplatz pochten die Ost-Berliner und Zehntausende aus allen Bezirken der Republik auf ihre Mündigkeit und wirkten mit, das SED-Regime in die Knie zu zwingen. Dass es die letzten Tage dieses deutschen Staates sein würden, wusste damals niemand.

Sie habe gar nicht geahnt, dass es so eine starke Opposition gegeben habe, sagt die Britin Emma Skakle. Dass es die Bürger vermochten, selbst das repressiveDDR-System unter Druck zu setzen, imponiert der 24-Jährigen aus Bristol. Eine halbe Stunde sei sie jetzt hier, habe die Ausstellung nur durch Zufall entdeckt. "Ich weiß sehr wenig über den Mauerfall. In der Schule haben wir das nur kurz im Rahmen des Sprachunterrichts behandelt." Im Fach Geschichte habe das Thema gar nicht auf dem Lehrplan gestanden. Gut also, findet Skakle, dass die Schau auch für Leute geeignet ist, die nur sehr wenig über die dramatischen Geschehnisse des Herbstes 1989 wissen.

"Das macht richtig Gänsehaut"

Aus einem Lautsprecher tönt: "Konfrontation am Palast der Republik. Unten stehen die Demonstranten, oben gibt es das Staatsbankett." Ein in die Mauer eingelassener Bildschirm zeigt auf Knopfdruck Ausschnitte einer Fernseh-Dokumentationen über den 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989: Im Film beschwört Erich Honecker die unerschütterlichen Ideale dieses Staates.

Das nächste Video erzählt von einem anderen Schlüsselereignis, den Leipziger Montagsdemonstrationen. "Das macht richtig Gänsehaut", sagt Janette Meutzner. In Dresden, ihrer Heimatstadt, habe sie davon nichts mitbekommen. Sie war damals 17 und eher unpolitisch. "Ich habe einfach nicht verstanden, was das nun bedeutet - ein geeintes Deutschland." Sie sei dankbar für Ausstellungen wie diese.

Der Blick aus dem Elektronikkaufhaus, lässt die Menschen unten auf dem Platz zu Statisten vor historischer Kulisse werden. Indem sie auf ihren alltäglichen Routen unter den Spruchbändern hindurchgehen, hauchen sie den Botschaften neues Leben ein. Die Botschaften lauten etwa "Privilegien für alle" oder "Keine Gewalt".

Da die Slogans der Bürgerrechtler in Versatzstücken auf den Transparenten prangen, manche ganz leer bleiben, stifteten sie auch Verwirrung, sagt Olaf Weißbach von der Robert-Havemann-Gesellschaft, dem Archiv der DDR-Opposition. "So wird die Aufmerksamkeit vieler erst auf die Schau gelenkt", sagt er. "Die Leute fragen, was ist das?" Dass die Spruchbänder verfremdet wurden, soll vor allem der historischen Dimension Rechnung tragen. "Ein Ereignis, das vor 20 Jahren stattgefunden hat, kann man nicht eins zu eins darstellen", sagt Weißbach.

Die Stellwände auf dem Alexanderplatz gleichen Mauerteilen. Sie sind strahlenförmig angeordnet und laufen auf einen runden Souvenirshop zu. Dort gibt es den Ausstellungskatalog, Schwarz-Weiß-Postkarten sowie Shirts mit der Aufschrift "Revolution Berlin".

Erzählen von der Wendezeit

Am Souvenirshop wartet auch der Besucherdienst darauf, Auskünfte zu erteilen. "Viele Leute erzählen uns, wie sie sich an den Tag des Mauerfalls erinnern", sagt Fatima Lacerda. Die gebürtige Brasilianerin lebt seit Langem in Berlin, zu der Zeit als die DDR verschwand, studierte sie Politikwissenschaften in West-Berlin. Die Resonanz auf die Open-Air-Schau sei unterschiedlich, erzählt sie. Während sich die Mehrzahl der Besucher begeistert zeige, gebe es vereinzelt auch Personen, die ganz anders reagierten. "Die sagen dann, das Ganze sei eine Verleumdung." Und obwohl es niemand explizit sage, falle es nicht schwer aus deren Schilderungen der Geschehnisse abzuleiten, dass sie Staatssicherheit oder Einheitspartei nahe gestanden haben müssen. Andere kritisierten lediglich die Gewichtung der Fakten, wünschten sich etwa eine stärkere Präsenz der Ereignisse in Polen und Ungarn, jener Vorgänge also, die den Anfang des Endes der DDR einläuteten.

"Die Leute finden es gut, dass die Ausstellung mitten auf dem Alexanderplatz präsentiert wird", so Lacerda. Viele fänden es toll, auf den Fotos den Ort wiederzuerkennen, an dem sie sich gerade befinden. Darunter seien auch Berliner, die auf den Bildern gezielt nach sich selbst suchten. "Die freuen sich riesig, wenn sie ihr eigenes Gesicht entdecken."

An einen besonderen Fall erinnert sich Olaf Weißbach. Die Schau zeigt ein oppositionelles Flugblatt, von dem zunächst nicht bekannt war, wer es verfasst hatte. "Die Autoren haben ihre Flugschrift wiedererkannt und sich bei uns gemeldet", erzählt Weißbach. Bei nächster Gelegenheit sollen dann auch deren Namen an der betreffenden Stelle hinzugefügt werden.

Ein alter Herr in grauer Daunenjacke steht gestikulierend vor den Schautafeln: "Ich bin jetzt Ende Siebzig und habe die DDR von Anfang bis Ende miterlebt. Das alles hier entspricht hundert Prozent der Wahrheit", sagt er. Schon zum zweiten Mal besuche er die Ausstellung. Inhaltlich vermisse er nichts. Aber es müssten noch mehr junge Leute den Weg hierher finden, sagt er. Er will mit gutem Beispiel vorangehen. "Ich bringe meine Urenkelin mit, die bald nach Berlin kommt."

Mit diesem Versprechen dreht er sich um und überquert den Alexanderplatz in Richtung U-Bahnhof. Er muss auf seinem Weg auch an den Metallbannern vorbei. Aus dem dritten Stock des Elektronikkaufhausesgut sichtbar, fügen sich die Worte zu dem historischen Slogan: Wir sind das Volk. Und der Mann mit der grauen Daunenjacke verschwindet im Treppenabgang zum U-Bahnhof Alexanderplatz.