Service-Offensive

BVG verzichtet auf getarnte Kontrolleure

Es klingt zunächst wie ein Aprilscherz, es ist aber keiner: Vom 1. April an werden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) keine Fahrschein-Kontrolleure mehr einsetzen, die - in Alltagskleidung getarnt - in die U-Bahn-Wagen stürmen und barsch zum Vorweisen der Fahrausweise auffordern.

Das kündigte die BVG-Vorstandsvorsitzende Sigrid Nikutta jetzt an. Künftig würden nur noch BVG-Bedienstete in Uniform oder gleichfalls an ihrer Dienstkleidung gut erkennbare Angestellte einer privaten Sicherheitsfirma prüfen, ob alle Fahrgäste in den Bussen oder Bahnen auch ein gültiges Ticket dabei haben. Die Bediensteten sollen dabei zugleich den Reisenden für Auskünfte zur Verfügung stehen sowie mit ihrer Präsenz für mehr gefühlte und tatsächliche Sicherheit in den Fahrzeugen und Bahnhöfen sorgen. Alles Tätigkeiten, die der einst rabiat abgeschaffte "Schaffner" oft mit erledigt hatte.

Für die neue Vor-Ort-Präsenz stellt die BVG 600 eigene, bereits vorhandene Mitarbeiter ab. Der private Sicherheitsdienstleister, den Nikutta wegen des noch laufenden Vergabeverfahrens nicht nennen wollte, ist verpflichtet, im gesamten BVG-Netz ständig mit 120 multifunktional einsetzbaren Mitarbeitern präsent zu sein.

BVG will mehr Fahrgäste gewinnen

"Unser Hauptziel ist nicht, möglichst jeden einzelnen Schwarzfahrer zu ertappen. Vielmehr wollen wir täglich deutlich machen: Die BVG ist ein zuverlässiger Dienstleister und sie erwartet dafür zu Recht eine angemessene Bezahlung", sagte Nikutta, seit dem 1. Oktober 2010 neue Vorstandschefin des landeseigenen Nahverkehrsunternehmens. Sie stellte zugleich klar, dass es nicht um eine Verringerung der Anzahl von Fahrschein-Kontrollen geht, sondern um deren Art und Weise. Die von ihr als "Mentalitätswechsel" bezeichnete Aufgabenerweiterung für die Kontrolleure ist Teil eines neuen Service- und Sicherheitskonzepts, mit dem die BVG dauerhaft mehr Kunden gewinnen und dadurch am Ende auch mehr Fahrgeldeinnahmen erzielen will. "Wir wollen mit unseren Bussen und Bahnen pro Jahr eine Milliarde Fahrgäste befördern", gab BVG-Chefin Nikutta die Marschrichtung für alle Unternehmenssparten vor.

Das wären immerhin rund zehn Prozent mehr Kunden als zurzeit. Im vergangenen Jahr hatte die BVG nach eigenen Angaben 922 Millionen Fahrgäste befördert, das sind im Durchschnitt rund 2,5 Millionen am Tag. Die U-Bahn transportiert dabei mit täglich 1,4 Millionen die meisten Fahrgäste, gefolgt von der Bussparte (eine Million Fahrgäste pro Tag) und dem fast ausschließlich im Ostteil der Stadt tätigen Straßenbahnbetrieb (täglich 500 000 Fahrgäste). Zum Vergleich: Die nicht zur BVG gehörende S-Bahn kommt derzeit auf 1,1 Millionen Fahrgäste.

Neue Kunden sollen unter anderem durch zusätzliche Verkehrsangebote, einen verbesserten Service und technische Innovationen gewonnen werden. So wird, wie bereits vor Längerem angekündigt, die U-Bahn ab Mai auf sechs besonders stark nachgefragten Linien auch am Sonntagnachmittag öfter fahren. Auf der U 1, U 5; U 6; U 7 werden die Züge in der Zeit von 13 bis 19 Uhr auf der gesamten Strecke im Fünf-Minuten-Takt unterwegs sein, auf der U 2 auf dem Streckenabschnitt zwischen Theodor-Heuss-Platz und Pankow sowie auf der U 8 zwischen Osloer Straße und Hermannstraße. Anders als in der Vergangenheit soll dabei das Plus an Zugfahrten nicht durch weniger Angebote an anderer Stelle ausgeglichen werden. "Das ist ein echtes Zusatzangebot. Wir reagieren damit auf das sich verändernde Freizeitverhalten in Berlin", sagte Nikutta.

Zudem will die BVG-Chefin bis 2020 alle U-Bahnhöfe mit Aufzügen ausstatten lassen. Zu dem von ihr angekündigten "Mentalitätswechsel" gehört auch, dass moderne Dienstleistungszentren den jahrzehntelang gewohnten Verkaufsschalter ablösen. Das erste Kundenzentrum dieser Art wurde am Dienstag im U-Bahnhof Rathaus Spandau eröffnet. "Schalter war gestern - beim Fahrscheinverkauf oder der Abo-Verlängerung setzen wir künftig auf Komfort und Mehrwert", sagte der auch für den Vertrieb zuständige BVG-Finanzvorstand Henrik Falk. Die neuen Zentren sollen nicht nur deutlich kundenfreundlichere Öffnungszeiten die gesamte Woche über haben, sondern auch den Kauf von Zeitschriften, Theaterkarten oder eines Kaffees ermöglichen.

Das andere große Nahverkehrsunternehmen, die Berliner S-Bahn, will sich dem neuen Modell für Ticketkontrollen vorerst nicht anschließen. "Das Prinzip der Kontrollen in Zivil hat sich bewährt, wir werden aber die Umsetzung des neuen BVG-Konzepts genau beobachten", sagte ein Bahn-Sprecher. Wie derzeit auch bei der BVG überprüfen sowohl speziell ausgebildete Mitarbeiter des Unternehmens als auch solche von privaten Fremdfirmen jeweils in Zivilkleidung die Gültigkeit der Fahrscheine. Sie betreten zu zweit oder zu dritt überraschend die Wagen und versuchen während der Fahrt zwischen zwei Halte-Stationen alle Fahrgäste im Wagen zu kontrollieren. Die "Erfolgsquote" ist hoch, weil sogenannte Schwarzfahrer während der Fahrt kaum Chancen zur Flucht haben. Deren Chancen, den Kontrollen zu entgehen, steigen, wenn die Kontrolleure schon von weitem an ihrer Dienstkleidung erkennbar sind.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb begrüßte das neue BVG-Konzept. "Eine gute Entscheidung - mehr Personal auf Bahnsteigen und in den Zügen ist eine alter Forderung von uns", sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Dazu gehöre auch der multifunktionale Einsatz der Mitarbeiter. Um dauerhaft mehr Fahrgäste zu gewinnen, müsse allerdings auch in das Verkehrsangebot investiert werden. Dazu gehören etwa die Beschaffung von längeren Straßenbahnen mit mehr Platz und der Ersatz altersschwacher U-Bahn-Wagen.