Bildungspolitik

Sonderpädagogen für alle Schulen

In Berlin sollen die Eltern mit förderbedürftigen Kindern auch weiterhin entscheiden können, ob ihre Kinder an einer Regelschule oder an einem Förderzentrum lernen. So will es jedenfalls Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD).

Gestern stellte er sein Konzept zur optimalen Förderung aller Kinder erstmals der Öffentlichkeit vor. Nun müssen die Abgeordneten darüber entscheiden.

Das große Ziel ist das gemeinsame Lernen aller Kinder, ganz gleich, ob sie behindert sind oder nicht. So sieht es die UN-Behindertenkonvention vor, die Deutschland 2009 ratifiziert hat. Fachleute bezeichnen dieses gemeinsame Lernen als Inklusion.

Konzept soll kostenneutral sein

Zöllner will sich diesem Ziel schrittweise nähern und mit der Umsetzung seines Inklusionskonzepts 2012/13 beginnen. Zunächst sollen vor allem die lern- und sprachbehinderten Kinder und solche mit emotional-sozialen Schwierigkeiten - das sind in Berlin 74 Prozent der förderbedürftigen Kinder - an normalen Grund- und Oberschulen unterrichtet werden. Die Förderzentren sollen indes vor allem den körper- und geistig behinderten Kindern vorbehalten sein. Wobei auch diese Kinder an Regelschulen lernen können, wenn die Eltern es wünschen. Pro Bezirk sollen dafür mindestens je eine Grund- und eine weiterführende Schule als Schwerpunktschule eingerichtet werden.

Laut Zöllner ist dieses Konzept kostenneutral. Da vorgesehen ist, einen großen Teil der gegenwärtig 89 Förderschulen zu schließen, werden viele der 2000 dort beschäftigten Sonderpädagogen frei. Diese sollen an den Regelschulen angestellt werden. Wie viele dieser Pädagogen eine Schule zugeteilt bekommt, soll dann pauschal berechnet werden. Dabei geht die Bildungsverwaltung davon aus, dass an den Regelschulen durchschnittlich 4,5 Prozent der Schüler eines Jahrgangs förderbedürftig sind. Einer vierzügigen Grundschule stünden demnach 75,3 zusätzliche Förderstunden und somit 2,7 Sonderpädagogen zur Verfügung, rechnet Zöllner.

Diese Rechnung ist allerdings fragwürdig, da gegenwärtig deutlich mehr Schüler förderbedürftig sind. Die Statistik zeigt, dass 7,6 Prozent aller Berliner Schüler einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben. In einigen Bezirken wie etwa Marzahn-Hellersdorf mit 13,16 Prozent oder Lichtenberg mit 11,49 Prozent ist der Bedarf sogar wesentlich größer. Nach Informationen dieser Zeitung plant Zöllner deshalb, bei der Zumessung der Sonderpädagogen die soziale Struktur eines Bezirks zu berücksichtigen. Etliche Schulen könnten dann mehr, andere weniger Fachpersonal bekommen.

In der Bildungsverwaltung ist man zudem sicher, dass sich die Zahlen ändern werden. Bisher hätten die Bezirke den Förderbedarf der Kinder festgestellt und dies sehr unterschiedlich gehandhabt, heißt es. Geplant sei deshalb eine zentrale Feststellung des Förderbedarfs, so Zöllner. Außerdem müsse der Förderstatus eines Kindes künftig ohnehin nur dann noch festgestellt werden, wenn die Eltern einen Platz an einer Förderschule wünschen.

Zöllners Konzept basiert auf einem Schulversuch zur Inklusion, der an einigen Schulen bereits seit 2009 läuft. In Marzahn-Hellersdorf beteiligen sich sechs Schulen an diesem Versuch. Eine ist die Ulmen-Grundschule in Kaulsdorf. Schulleiterin Doris Hörtz spricht von positiven Erfahrungen. Die Schule habe zwei Sonderpädagogen einstellen können. Davon würden alle Kinder profitieren. Die Eltern förderbedürftiger Kinder seien froh, dass ihre Kinder an der Schule bleiben können.

Ärger an Modellschulen

In Steglitz-Zehlendorf haben ebenfalls sechs Schulen den Antrag gestellt, am Schulversuch Inklusion teilzunehmen. Darunter auch die Rothenburg-Grundschule, die seit Jahren erfolgreich Integration von behinderten Kindern betreibt. Doch nachdem die Genehmigung mit den Auflagen im Dezember eingegangen ist, ist der Unmut an vielen der Schulen groß. Denn eine Zusatzausstattung, das wird in dem Schreiben klar, wird es für das anspruchsvolle Modell nicht geben. "Unsere Schule hatte in ihrem Antrag auch klar formuliert, welche zusätzlichen Mittel nötig wären", sagt Götz Baumeister, Gesamtelternvertreter der Rothenburg-Schule. Schließlich sollen die Lehrer jetzt selbst die Förderdiagnostik übernehmen, in schriftlicher Form. Für jedes Kind soll es individuelle Bildungspläne geben, für die Kinder, die die Anforderungen des Rahmenplans nicht erfüllen, sollen halbjährlich Förderpläne erstellt werden. Auch am Nachmittag sollen die förderbedürftigen Kinder im Ganztagsbetrieb fachgerecht betreut werden.

Die Rothenburg-Grundschule, an der bisher 15 Prozent der Kinder einen Integrationsstatus haben, hat dafür einen Bedarf von 147 Lehrerstunden für besondere Förderung errechnet. Hinzu kämen 30 Stunden für die Förderung in der Schulanfangsphase, die es bisher nicht gibt. Zudem müsse es eine verlässliche Klassengröße von 23 Kindern geben und mindestens vier Facherzieher für Integration.

"Statt einer Antwort darauf, haben wir ein Standardschreiben erhalten, das weder auf die errechnete Personalausstattung noch auf die Besonderheiten der Schule eingeht. So sollen laut Senatsvorgabe zwei neue dritte Klassen am Inklusionsversuch teilnehmen. An der Rothenburg-Schule gibt es jedoch nur Klassen mit einer Jahrgangsmischung von der ersten bis zur dritten Klasse. Es widerspreche jedem Grundsatz der Inklusion, einzelne Schüler in einer Gruppe anders zu fördern, sagt Baumeister. "Wir fühlen uns nicht ernst genommen, deshalb hat die Schulkonferenz beschlossen, zunächst mit dem Modellversuch abzuwarten, bis sich die Senatsverwaltung tatsächlich mit dem Konzept beschäftigt hat", so der Gesamtelternvertreter. Enttäuscht sind auch die Eltern der Alt-Lankwitzer Grundschule, die sich ebenfalls um den Modellversuch bemüht hat. "Der Schulversuch in der bewilligten Form ist aus unserer Sicht eine Farce", schreibt der Elternvertreter Carsten Rogge-Strang in einem Brief an Senator Zöllner. Die Zahl der Förderstunden an der Schule sei trotz Teilnahme am Schulversuch sogar gekürzt worden. Was unter Inklusion verkauft werde, sei somit für die Alt-Lankwitzer Schule ein Rückschritt gegenüber dem bisherigen Niveau.

Mieke Senftleben, Bildungsexpertin der FDP, begrüßte die schrittweise Umsetzung des Konzepts, glaubt aber nicht, dass es kostenneutral zu machen sei.