Interview

"Das Hauen und Stechen der Unis ist zu Ende"

Seit der neue, hellgrüne Teppich liegt, mag Jan-Hendrik Olbertz sein Amtszimmer an der Humboldt-Universität zu Berlin richtig gern. Es mache den Raum freundlich und klar, meint der 56 Jahre alte Uni-Präsident.

So soll die Humboldt-Universität unter seiner Führung in den nächsten fünf Jahren auch sein. Birgit Haas sprach mit dem ehemaligen Kultusminister von Sachsen-Anhalt darüber, wie er der Hochschule die Schwerfälligkeit nehmen will, den kommenden Studentenansturm meistern möchte und dabei die Humboldt-Universität auch noch erfolgreich durch die Exzellenzinitiative führen will.

Berliner Morgenpost: Herr Olbertz, der Start Ihrer Amtszeit kam fast gleichzeitig mit der Aussetzung der Wehrpflicht. Schon in den ersten Monaten müssen Sie nun überlegen, wie Sie mit dem zu erwartenden Studentenansturm im Sommer umgehen.

Jan-Hendrik Olbertz: Ja, da betrete ich gleich ein Minenfeld. Über die Konsequenzen der Aussetzung der Wehrpflicht hat davor keiner ausreichend nachgedacht, die Erwartungen des Staates an die Kapazität der Universitäten sind höher als unsere Möglichkeiten. Das derzeitige Budget reicht keinesfalls aus, um guten Gewissens Studienplätze ausbauen zu können. Der Bund hat zwar Unterstützung zugesagt, doch im Landeshaushalt ist bisher nirgendwo zusätzliches Geld geplant, der Finanzsenator kann das nicht herbeizaubern. Der müsste es irgendwo anders wegnehmen.

Berliner Morgenpost: Dann kommen noch die doppelten Abiturjahrgänge hinzu.

Jan-Hendrik Olbertz: Ja, die schon vorher angespannte Lage verschärft sich durch diese eigentlich vernünftige Initiative der Bundesregierung. Auch ohne die Aussetzung der Wehrpflicht müssen wir ja Studienplätze aufbauen, an der Humboldt-Universität sind 1220 in Planung, in Berlin insgesamt rund 6000. Das ist nicht in vollem Umfang durch Geld gedeckt.

Berliner Morgenpost: Aber wie wollen Sie mit den vielen Studienanfängern umgehen? Alleine für Berlin wird in diesem Jahr ein Plus von 2500 Bewerbern erwartet. Schon jetzt können Sie nur ein Viertel der Bewerber aufnehmen.

Jan-Hendrik Olbertz: Die Schere zwischen der Zahl der Bewerber und der Zugelassenen wächst rasant. Ich kann natürlich an der Universität nach Reserven schauen, und das tun wir auch. Wir überbuchen eine Vielzahl von Studiengängen. Im Zusammenhang mit der Wehrpflicht bräuchten wir eigentlich nur einmal mehr Geld - für eine Regelstudienzeit. Dann würden wir das organisatorisch und logistisch schon schaffen. Ansonsten müssten wir in beträchtlichem Umfang junge Leute abweisen, was mir sehr unsympathisch wäre. Aber nur so ließe sich im Moment die Nachfrage bewältigen.

Berliner Morgenpost: In welchen Fächern würden diese neuen Studienplätze denn entstehen?

Jan-Hendrik Olbertz: Vor allem in den Geisteswissenschaften, in Fächern wie Jura, Wirtschaftswissenschaften oder Geschichte. In den Naturwissenschaften leider etwas weniger, da müssten wir Labore ausbauen, und das ist sehr teuer.

Berliner Morgenpost: Dabei hat die Wirtschaft einen hohen Bedarf an Naturwissenschaftlern.

Jan-Hendrik Olbertz: Stimmt, der inhaltliche Bedarf, der an uns herangetragen wird, ist genau umgekehrt. Die ganzen MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, d. Red.), wie es ja so schön heißt, dürfen nicht herunterfallen, das müssen wir ausbalancieren. Wir haben einen Fachkräftemangel in den Naturwissenschaften. Auch für die Lehrämter. In der Lehrerausbildung haben wir allerdings noch ein ganz anderes Problem.

Berliner Morgenpost: Welches?

Jan-Hendrik Olbertz: Derzeit ist rechnerisch vorgesehen, dass wir die Hälfte der Bachelor-Studierenden in ein Masterstudium übernehmen. Dieser Anteil wird auch finanziert. In Wirklichkeit sind es aber 75 bis 80 Prozent. Hauptproblem ist das Lehramtsstudium. Dort müssen die jungen Leute den Master machen, wenn sie Lehrer werden wollen. Also wechseln sie zu 100 Prozent ins Masterstudium. Wir versuchen das aus eigenen Ressourcen zu finanzieren. Mit Geld, das eigentlich für die Forschung bestimmt ist. Auch darüber müssen wir weiter mit der Senatsverwaltung diskutieren.

Berliner Morgenpost: Unlängst haben die Studenten gegen die schlechten Studienbedingungen protestiert. Wie soll die Lehre besser werden, wenn immer mehr Geld in die Spitzenforschung fließt?

Jan-Hendrik Olbertz: Wir müssen uns zunächst auf die Spitzenforschung konzentrieren. Auf diesem Gebiet befinden wir uns im internationalen Wettbewerb. Behaupten wir uns dort nicht, verlieren wir Attraktivität. Wenn man jung ist, glaubt man das vielleicht nicht. Verspielt die Humboldt-Universität da ihren guten Ruf, ist es auch keine ausgezeichnete Referenz mehr, hier studiert zu haben. Ich kann verstehen, wenn sich die Studierenden ärgern, dass so viel Geld in die Forschungsförderung fließt. Für mich beinhaltet der Begriff "Forschungsuniversität" auch Nachwuchsförderung. Wir müssen uns zunächst mit exzellenter Forschung aufstellen. Und dafür sorgen, dass sie auch exzellenter Lehre zugutekommt.

Berliner Morgenpost: Das ist noch ein ganz wichtiger Schwerpunkt im Moment: Die dritte Runde der Exzellenzinitiative - ein Hochschulwettbewerb von Bund und Ländern - hat begonnen. Wie sind die Chancen der Humboldt-Universität?

Jan-Hendrik Olbertz: Die sind sehr gut. Wir werden aber erst im März wissen, ob wir überhaupt teilnehmen dürfen. Bis dahin tun wir so, als würden wir teilnehmen und arbeiten bereits intensiv an dem Antrag. Wir setzen alles daran, in der Exzellenzinitiative erfolgreich zu sein. Es geht um eine Menge Geld, um Reputation und Gestaltungsoptionen. Aber es ist mir wichtig, zu sagen, dass es keine Schicksalsfrage für die Humboldt-Universität ist.

Berliner Morgenpost: Wollen Sie so schon mal trösten, falls die HU nicht gewinnt?

Jan-Hendrik Olbertz: Wenn wir verlieren, dann brauchen wir eher Trotz als Trost. Dann müssen wir nämlich überlegen, was wir von unseren Plänen auch ohne Förderung umsetzen können.

Berliner Morgenpost: Was sind das für Pläne?

Jan-Hendrik Olbertz: Ein Beispiel. Die entscheidenden Entdeckungen der letzten Zeit kamen nicht mehr aus dem Zentrum einer Disziplin, sondern aus den Schnittstellen mehrerer Disziplinen. Also brauchen wir Strukturen, in denen interdisziplinäre Verbünde entstehen können, die sich mit jeder Lösung einer wissenschaftlichen Fragestellung immer wieder neu formieren. So werden derzeit die Lebenswissenschaften ausgebaut, die eine Versammlung ganz unterschiedlicher Wissenschaften rund um die Biologie sind, unter anderem bei der Hirnforschung. Denn wir sind ja nicht nur biologische, sondern auch soziale Lebewesen. Das Gleiche wird mit den Naturwissenschaften in Adlershof passieren.

Berliner Morgenpost: Das entspricht den Vorstellungen Ihres Vorgängers Christoph Markschies. Haben Sie eigene Ideen?

Jan-Hendrik Olbertz: Solche Schlussfolgerungen werden derzeit an vielen Orten gezogen!

Jan-Hendrik Olbertz: Ein weiterer Punkt ist unser künftiger Fakultätszuschnitt. Mir schwebt vor, dass die Fakultäten und ihre Dekane künftig wesentlich größere Gestaltungsspielräume haben und vielleicht sogar ein eigenes Budget verwalten. Die momentane Situation stellt mich nicht zufrieden, ebenso wenig wie die Kollegen. Trotzdem gibt es bei solchen Impulsen eine starke Skepsis und Angst.

Berliner Morgenpost: Aber die Angst ist vielleicht berechtigt ...

Jan-Hendrik Olbertz: Ja, der Humboldt-Universität steckt die Erfahrung in den Knochen, dass Reformen immer mit Einsparungen einhergehen. Wir haben jetzt durch die Hochschulverträge, die ich ausdrücklich lobe, erstmals die Möglichkeit, uns unter verlässlichen Rahmenbedingungen selbstständig zu entwickeln. Das ist ein Privileg, denn anschließend bittet uns, jedenfalls zurzeit, niemand zur Kasse.

Berliner Morgenpost: Obwohl Sie zu wenig Geld haben, loben Sie die Hochschulverträge?

Jan-Hendrik Olbertz: Das Budget ist begrenzt, aber verlässlich. Und wir haben beträchtliche Autonomie gewonnen.

Jan-Hendrik Olbertz: Aber es ist natürlich eine Frage politischer Prioritäten, wie viel Geld man für Bildung und Wissenschaft ausgibt. Vielen ist unklar, dass es hier um Investitionen geht.

Berliner Morgenpost: Da könnten ja auch Unternehmen investieren, schließlich kommt deren Nachwuchs von den Universitäten.

Jan-Hendrik Olbertz: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir staatliche Universitäten in öffentlicher Verantwortung brauchen und dass das auch so bleiben soll. Wir sind keine Fertigungsstätten von Unternehmensnachwuchs. Aber unsere Angebote müssen auch bedarfsgerecht sein, nur dann können wir auch Erwartungen an die Wirtschaft richten. Vor allem, wenn im Februar das Deutschland-Stipendium anläuft. Das sieht vor, dass die Bundesregierung jeden Euro verdoppelt, den die Wirtschaft in die Förderung talentierter Studenten investiert. Es gibt bereits deutliche Signale aus der Berliner Wirtschaft, sich daran zu beteiligen. Darüber bin ich sehr froh.

Berliner Morgenpost: Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Technischen und der Freien Universität?

Jan-Hendrik Olbertz: Gut! Natürlich stehen wir im Wettbewerb, wir sind sozusagen befreundete Konkurrenten. Wir bauen unsere Stärken aus und kooperieren - auch in der Exzellenzinitiative. Ich bin froh, dass das Hauen und Stechen, das es eine Zeit lang gegeben haben muss, zu Ende ist. Unlängst haben wir im Rahmen der Debatten zur Erneuerung des Berliner Hochschulgesetzes eine gemeinsame Stellungnahme abgegeben. Auch in Zukunft möchte ich, dass wir in Grundfragen eine gemeinsame Sprache sprechen.