Serie: Die S-Bahn Krise

Schleichen auf dem S-Bahn-Ring

Der Mann im blauen Overall pustet eine Atemwolke in die kalte Luft. Schon seit 25 Minuten steht Wolfgang Pieczarka auf dem Bahnsteig in Hennigsdorf. Er wartet mal wieder. Darauf, dass seine S-Bahn einfährt und er endlich aus der Kälte heraus und zu seinem Arbeitsplatz kommt. Am Montag ist Tag eins des neuen Winterfahrplans - und er beginnt mit einer Panne für Pieczarka, denn sein Zug 7.43 Uhr sei nicht gekommen. Ein S-Bahn-Sprecher dementiert den Ausfall jedoch: "Alle Fahrten sind nach dem jetzt gültigen Fahrplan erfolgt."

Bis zum 27. Februar werden zunächst alle S-Bahn-Züge mit verringerter Höchstgeschwindigkeit in Berlin und Brandenburg fahren. Statt mit 80 Kilometern pro Stunde sind sie dann nur noch maximal mit Tempo 60 unterwegs. Die S-Bahn will mit dem selbst auferlegten Tempolimit ihr Angebot verlässlicher gestalten. Der Vorteil: Große Verspätungen und einen am Ende völlig aus dem Soll geratenen Zugverkehr - wie beim jüngsten Wintereinbruch im Dezember erlebt - soll es nicht mehr geben. Der Nachteil: Die Fahrzeiten verlängern sich, im Extremfall um bis zu zehn Minuten. Und die Züge verkehren seltener. So fährt beispielsweise die S 25 zwischen Hennigsdorf und Gesundbrunnen statt alle 20 Minuten nur noch jede halbe Stunde.

"In der Theorie!", schimpft Fahrgast Wolfgang Pieczarka, der bei einem Schlüsseldienst in Charlottenburg arbeitet. Er hatte gehofft, dass das S-Bahn-Chaos nun vorbei sei. Stattdessen steht er wieder in der Kälte. Noch am Abend zuvor habe er sich im Internet informiert, um sich die neuen Taktungen zu merken. Doch am Gleis sei nun offenbar wieder alles anders. Auf S-Bahn-Angestellte, die ihm Informationen zum neuen Fahrplan geben könnten, wartet er jetzt vergeblich. Erst am heutigen Dienstag verspricht die S-Bahn, Servicekräfte nach Hennigsdorf zu schicken, wo die Kunden unter den größten Fahrplanveränderungen zu leiden haben.

Schneeregen fällt vom Himmel, als die S-Bahn um 8.13 Uhr schließlich einfährt. Kevin Gietsch hechtet gerade noch die letzten Stufen zum Bahnsteig hinauf, als sich die Türen hinter Wolfgang Pieczarka schließen. "Verdammt!", sagt Kevin Gietsch und schaut der ausfahrenden Bahn hinterher. Er weiß, dass er nun eine halbe Stunde auf den nächsten Zug warten muss. Gerade heute sei es besonders ungünstig, er stecke nämlich in der Prüfungsphase. Kevin Gietsch absolviert eine Ausbildung zum medizinisch-technischen Strahlenassistenten. "In der ersten Runde bin ich bei den schriftlichen Prüfungen durchgefallen, deshalb muss ich jetzt wieder ran." Und er will nicht erneut durch Unpünktlichkeit auffallen, schließlich mache das keinen guten Eindruck.

Mittlerweile fällt Schnee in dichten Flocken auf den gut gefüllten Bahnsteig. Sarah Matysiak schlittert darauf entlang und versucht die Anzeigentafel zu lesen. "Winterfahrplan?", fragt sie entgeistert. Davon habe sie nichts gehört. In die Berufsschule nach Kreuzberg schaffe sie es jetzt eh nicht mehr rechtzeitig. Die Einzelhandelskauffrau überlegt, ob sie in der Schule Bescheid sagen soll - und entscheidet sich schließlich dagegen. Die Lehrer seien es schon gewohnt, dass sie aus Hennigsdorf immer zu spät komme. "Was mich mehr ärgert als das: Ich hätte eigentlich noch viel länger schlafen können, statt hier unnötig herumzuwarten", sagt sie.

Auch Margaret Hansen hat ihre Bahn verpasst und versucht ihren Ärger mit einer Zigarette zu dämpfen. "Erst das Winterchaos, und jetzt funktioniert schon wieder nichts mehr", regt sie sich auf. Die Verwaltungsfachangestellte kommt zwar immerhin nicht zu spät zur Arbeit, weil bei ihr Gleitzeit gilt. "Aber es nervt einfach, dass man die Wartezeit abends nacharbeiten muss", sagt sie.

Verdruss auch auf der Ringbahn

Auf dem S-Bahn-Ring kommen die Züge pünktlich. Immerhin. Um 6.57 Uhr rollt ein Zug in den Bahnhof Schönhauser Allee - mit acht statt sechs Wagen, um dem erhöhten Bedarf gerecht zu werden. Karin Ottenberg schiebt ihr Fahrrad in Stellung und verzieht ihre Miene. Der Winterfahrplan bedeutet für die Lehrerin viel Stress, längere Fahrtzeiten und größere Ungewissheit. "Wenn eine Bahn nicht kommt, warte ich ja gleich 20 Minuten auf den nächsten Zug", sagt sie. Eine Stabilisierung des kriselnden Betriebs erwartet sie nicht. Stattdessen muss sie jetzt deutlich früher aufstehen, um zu ihrer Schule in Tempelhof zu gelangen.

Eine Station weiter, am Umsteigebahnhof Gesundbrunnen im Berliner Norden, sind die Gemüter der Fahrgäste ebenso angespannt wie in Prenzlauer Berg. Innerhalb weniger Minuten füllen sich die Bahnsteige, mit Kopfschütteln werden die blauen Anzeigetafeln gemustert. Zehn statt fünf Minuten müssen die Berliner nun auf die Ringbahn warten. "Not-Notfahrplan oder Winterfahrplan - das ist mir völlig egal, wie die das nennen. Die halten sich eh nicht an die Zeiten", sagt Thomas Bauske. Sein Vertrauen in die S-Bahn habe er längst verloren, sagt der Azubi. Dann zwängt er sich in den bereits überfüllten Wagen - werktags um 7.29 Uhr ein gewohnter Anblick am Gesundbrunnen, egal, welcher Fahrplan gilt.

Zwanzig Minuten später springt Theresa Bolt am Westkreuz in die S-Bahn. Im Berliner Westen ist am Montagmorgen wenig Andrang, den Sitzplatz kann sie sich aussuchen. Zufrieden ist sie dennoch nicht. Sie kommt mit dem Regionalexpress aus Albrechtshof, steigt jetzt in die Ringbahn, um zum Innsbrucker Platz zu kommen. "Ich brauche mit dem neuen Fahrplan die doppelte Fahrzeit. Ich könnte der Berliner S-Bahn täglich eine Stunde in Rechnung stellen", schimpft sie. Auf den Winterfahrplan will sie sich nicht verlassen. "Wenn die nächste Schneeflocke kommt, ist das Chaos wieder groß", prophezeit die Angestellte. Daran ändere auch das gedrosselte Tempo nichts.

Um kurz nach halb zehn erreicht die S 42 das andere Ende der Stadt am Ostkreuz. Schichtende für einen S-Bahn-Zugführer, der sich per Handschlag von seinem Nachfolger verabschiedet. Er hält den Winterfahrplan für sinnvoll, auch seine Kollegen sind erleichtert, dass jetzt "wieder Stabilität" einkehre. Auch wenn es ihm im Finger jucke, wenn er mit 60 über den Ring schleichen müsse. "Das ist schon ein Rumgedümpel. Ich hoffe, dass es bald wieder so richtig losgeht", sagt er. Fahrgast Michael Sielaff hat diese Hoffnung längst aufgegeben. "Eine Frechheit, dieser Winterfahrplan. Sobald es wieder kälter wird, bricht alles zusammen", sagt der Schlosser. Der Hauptverantwortliche für die S-Bahn-Krise steht für ihn längst fest: "Ich würde mich gern mal mit Ex-Bahn-Chef Mehdorn unterhalten. Der hat uns mit seinem Börsengang den ganzen Schlamassel eingebrockt."

Doch nicht für alle ist der Winterfahrplan ein Ärgernis. "Wir verkaufen eindeutig mehr Brötchen und Kaffee", sagt Yvonne Schmidt, in deren Bahnhofsbackstube in Hennigsdorf sich die leidgeplagten S-Bahn-Kunden aufwärmen. Seit bei der Bahn nichts mehr nach Plan laufe, wird hier pünktlich zu den eigentlichen Abfahrtszeiten mehr gebacken. "Wenn die Kunden dann mal wieder stehen gelassen wurden, kommt ein ganzer Schwall zu uns", sagt sie.