Grüne Woche

Grüne Woche spült 150 Millionen Euro in die Stadt

Auch wenn die Lebensmittelpreise steigen und der Dioxinskandal die Internationale Grüne Woche überschattet: Die Messe ist ein äußerst verlässlicher Wirtschaftsmotor in einer traditionell eher trägen Jahreszeit. Auch in diesem Jahr reißt sie die Hauptstadt zehn Tage lang aus dem Winterschlaf: Die Taxis sind gut ausgebucht, die Straßen rund um den Funkturm belebter, die Hotels vermelden gute Auslastung.

Und die meisten Messebesucher werden nicht nur durch die Hallen unterm Funkturm laufen, sondern auch die Zeit für einen Stadtbummel nutzen und ihre Geldbeutel in Restaurants, Cafés und Geschäften leeren.

Zahlen auf hohem Niveau stabil

Mit der weltgrößten Agrar- und Verbrauchermesse kommt ordentlich Geld in die Stadt. "150 Millionen Euro Kaufkraftzufluss wird sie Berlin bescheren", sagt Messe-Sprecher Wolfgang Rogall. Eine Konstante, die sich in den vergangenen Jahren auf dem Niveau eingependelt hat, ebenso wie die Anzahl der verkauften Tickets (400 000) und die Anzahl der Aussteller (über 1600). Rogall ist selbst überrascht, wie verlässlich Anbieter und Nachfrager landwirtschaftlicher Produkte alljährlich aufeinandertreffen. "Auch Finanzkrise, Rinderwahnsinn oder Vogelgrippe konnten an den Zahlen nichts ändern", sagt er. Gegessen wird eben immer.

Doch wie tickt die Branche inmitten des Dioxinskandals? Wie blicken heimische Viehzüchter, Futtermittelhersteller oder Geflügelhersteller in die Zukunft? Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sieht die Schau als Chance, Vertrauen zurückzugewinnen. "Man kann jetzt nicht die ganze Branche verteufeln", sagt er. Und auf der Grünen Woche, fügt Messe-Sprecher Rogall an, seien schließlich die Vertreter aller Verwertungsketten da, um zu reden. Da kann der Öko-Landwirt mit dem Masthähnchenhersteller diskutieren, der Veganer den Wurstfan überzeugen. Und der kritischer werdende Verbraucher wird sicherlich viele Fragen stellen - zur Herkunft von Futtermitteln oder zur Pestizidbelastung von Tomaten. "Diese Diskussionen werden mehr Transparenz bringen", sagt Rogall.

Laut Industrie- und Handelskammer steht das Lebensmittelgewerbe in der Hauptstadtregion immer besser da: Die ländliche Umgebung und der Markt mit sechs Millionen Verbrauchern biete hervorragende Standortbedingungen. Allein in Berlin gibt es 700 Unternehmen, die rund 11 000 Menschen beschäftigen. Zudem ist da die dynamische Bio-Branche, die sich besonders in Brandenburg entwickelt. Immer mehr Öko-Produzenten kommen aus dem Havelland, dem Fläming oder der Uckermark. 70 von ihnen präsentieren sich auf der Messe, manch einer hat gar Rentiere und Elche dabei. Für brandenburgische Bauern ist die Grüne Woche ein idealer Testmarkt. Die neueren Produkte reichen von Straußensteak bis zur Körperlotion aus Stutenmilch. Auch das Tourismusgewerbe lockt gestresste Berliner zum Wochenendausflug ins Umland. Da werden neue Radwege angepriesen oder die sanierten Altstädte und Thermalbäder.

"Zur Grünen Woche verteilt sich der Umsatz vor allem auf Hotels und Gaststätten, Taxigewerbe, Handel und Dienstleister", heißt es aus dem Büro von Wirtschaftssenator von Harald Wolf (Linke). Reisebusse bringen große Gruppen in die Hauptstadt, die gerne eine Häppchentour auf der Grünen Woche machen, sich aber auch Zeit für Berlins Sehenswürdigkeiten nehmen. Außerdem müssten viele der 10 000 Arbeitskräfte, die auf der Grünen Woche im Messebau oder im Service arbeiten, untergebracht und verpflegt werden. In der Folge verbuchen Restaurants mehr Reservierungen, die Unterkünfte sind begehrt. "Die letzten Zimmer haben Kurzentschlossene gebucht, wir sind komplett", heißt es beispielsweise aus dem Ibis-Hotel an der Messe. Ähnliches hört man aus anderen Übernachtungshäusern - von Best Western über Marriott bis Agon.

Die Fashion Week bescherte der Hauptstadt viele Buchungen im hochpreisigen Segment. Zur Grünen Woche, so scheint es, schlägt die Stunde der Mittelklasse-Herbergen. Berlin kann inzwischen 113 000 Betten vorweisen. Dennoch, so Thomas Lengfelder, Hauptgeschäftsführer des Berliner Hotel- und Gaststättenverbands, steige die Nachfrage nach Übernachtungen in Berlin stärker als die Zahl der Hotels. Die Hauptstadt verbuchte im vergangenen Jahr sogar einen neuen Tourismusrekord: 20 Millionen Übernachtungen.

Weltweite Ausstrahlung

Die Grüne Woche sorgt zudem für ein nicht zu unterschätzendes internationales Hauptstadt-Marketing. Rund ein Viertel der 400 000 Gäste sind Fachbesucher, die mit großen Delegationen anreisen. Diese Gäste tragen dazu bei, dass der gute Ruf Berlins in alle Welt getragen wird. Eine Rolle, die auch die vielen Journalisten übernehmen. "Diesmal sind Reporter aus mehr als 70 Ländern akkreditiert", sagt Messe-Sprecher Rogall. Sie berichten aus Berlin für die Welt. Große Aufmerksamkeit gebe es vor allem in Osteuropa. Für dieses Jahr gilt das besonders für Polen, das Partnerland der Grünen Woche ist.