Dokumentation zum Mauerfall

Vorzeige-Grenzer als "Kronzeuge"

Die Geschichte des Mauerfalls muss nicht neu geschrieben werden. Die Zweifel an einer Dokumentation, die das ZDF am Dienstagabend ausgestrahlt hat und die genau dies behauptet, wachsen.

Als fragwürdig erweist sich in erster Linie der Kronzeuge für die Behauptung, am 9. November 1989 habe die Mauer am Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee in Rudow schon um 20.30 Uhr, vor allen anderen Übergängen, "sperrangelweit" offen gestanden. Heinz Schäfer habe als Oberstleutnant der DDR-Grenztruppen den Übergang kommandiert und seinen Männern befohlen, die Waffen wegzulegen und DDR-Bürger durchzulassen, heißt es in dem Beitrag.

Heinz Schäfer ist kein Unbekannter. Im Oktober 1961 war er an der Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie beteiligt und wurde dafür in SED-Blättern gelobt, im August 1962 war er verantwortlich für den verspäteten Abtransport des Maueropfers Peter Fechter; damals war er Hauptmann. Die Geschichte von seiner angeblichen Rolle bei der Maueröffnung scheint erstmals im März 2009 öffentlich geworden zu sein, in einem Artikel der Lokalausgabe Dahme-Spree der "Märkischen Allgemeinen". Darin ist die Rede davon, dass Schäfer am Abend des 9. November die "Selbstschussanlagen" am Grenzübergang abgeschaltet habe. Doch erstens waren in Rudow wie überhaupt am Todesstreifen um West-Berlin niemals Splitterminen des Typs SM-70 installiert - und zweitens wurden die an der innerdeutschen Grenze montierten Minen 1983/84 wieder abgebaut. Auch heißt es, innerhalb einer Stunde hätten sich "Tausende DDR-Bürger" am Grenzübergang gestaut. Ein Dokument aus dem Bestand der Stasi-Zentrale spricht jedoch gegen Schäfers Behauptung. In dem Bericht vom 10. November 1989, Stand 4 Uhr morgens, heißt es: "Die ersten DDR-Bürger erschienen gegen 23 Uhr, und eine Viertelstunde später wurde die Abfertigung aufgenommen. Alle ausreisenden DDR-Bürger - entsprechend den Kfz-Kennzeichen handelte es sich vorwiegend um Personen aus den Bezirken Berlin und Potsdam - erhielten in den Personalausweis einen Passkontrollstempel-Abdruck." Damit wurde nach einer provisorischen Anweisung der Stasi-Verantwortlichen DDR-Bürgern zwar die Ausreise gestattet, sie wurden aber zugleich auch ausgebürgert.

Weitere Recherchen müssen ergeben, ob das ZDF mit der Darstellung möglicherweise einer Fälschung aufgesessen ist und was sich am frühen Abend des 9. November 1989 am Grenzübergang Rudow tatsächlich ereignet hat.