Meine Woche

Der Wahlkampf wird ungewöhnlich hart

Oh, wie gemein. Da hat der Klaus doch ganz böse Sachen über die Renate gesagt - und das ist ganz doll fies, du. Warum macht der das bloß? Da müssen wir mal drüber reden.

Was sich liest wie ein Protokoll aus einem Kreuzberger Ex-PartnerInnen-Gesprächskreis, spielt sich gerade bei den Berliner Grünen ab. Wenige Tage vor der offiziellen Bekanntgabe ihrer Kandidatur hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit seiner künftigen Kontrahentin Renate Künast dahin geschlagen, wo es wirklich wehtut: An die Nieren. Und die Grünen geben sich ganz überrascht: Warum ist der Klaus nur so böse?

Wowereit attackierte Künasts offenkundige Entscheidung, bis zum möglichen Wahlsieg in Berlin nicht vom Mandat im Bundestag zu lassen und ihr Amt als Grünen-Fraktionsvorsitzende zu behalten. Was hieße: Wenn Künast in Berlin nicht siegt, ist sie wieder weg. Künasts Teilzeitpläne sind derzeit ihre wohl größte Schwachstelle - und nicht nur Wowereit wird sie weidlich nutzen. Alle konkurrierenden Parteien werden Künasts Unentschlossenheit in ihre Kampagnen einbauen. Das sollte den Grünen nicht erst seit dieser Woche klar sein.

Wie solche Kritik zündet, haben sie in den vergangenen zwei Jahren beobachten können. Klaus Wowereits damals offenkundig zur Schau gestelltes Desinteresse an den Berliner Themen und sein Drang in die Bundespolitik haben den einst unangefochtenen Berliner Liebling massiv Zustimmung gekostet. Bis heute haben sich seine Umfragewerte nicht davon erholt. Der Berliner - auch der zugezogene - mag nicht zweite Wahl sein.

Und es gibt Angriffspunkte: Die Grünen mögen derzeit als die coolste Partei der Saison gelten und einen Bogen schlagen von den alten Straßenkämpfern in Kreuzberg zu den Bionade-Grünen in Prenzlauer Berg und den bürgerlichen Öko-Liberalen in Zehlendorf. Doch genauso ungewöhnlich dieses grüne Band der Sympathie ist, genauso vergänglich ist es auch. Denn was verbindet diese Milieus außer einer saisonalen Stimmung? Nichts.

Nehmen wir als Beispiel die Berliner Bildungskatastrophe. Die Grünen haben die jüngste Schulreform von SPD und Linkspartei mitgetragen und stehen für die Abschaffung des Gymnasiums. Ist das mit den besorgten Bildungsbürgern aus Zehlendorf zu machen? Oder nehmen wir die Stadtentwicklung: Die Entwicklung in Prenzlauer Berg gilt unter Kreuzbergs Grünen als der GAU schlechthin, gegen Zuzüge und Wohnungsbauinvestitionen wird nicht nur verbal gekämpft. Da kommt also zurzeit zusammen, was nicht zusammengehört. Und für jeden gegnerischen Wahlkämpfer ist es geradezu eine Pflicht, die Milieus gegeneinander auszuspielen.

Die Grünen in Berlin werden sich also entweder schnell abhärten müssen - oder aber im September kommenden Jahres in kollektives Weinen ausbrechen. Denn wenn auch sonst nichts klar ist, eines steht fest: Vor Renate Künast liegen zehn verdammt lange Monate des Wahlkampfs. Und die werden unangenehm und ungewöhnlich hart, zumal der gewiefte Wahlkämpfer Klaus Wowereit um sein politisches Überleben kämpft.

René Gribnitz leitet gemeinsam mit Christine Richter die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Christine Richter über ihre Woche in Berlin.