Flugrouten

"Wir sind Lug und Trug aufgesessen"

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die Deutsche Flugsicherung (DFS) aufgefordert, alle geplanten Flugrouten für den Großflughafen BBI zu veröffentlichen und zu verändern. "Ich erwarte eine klare Ansage der Flugsicherung, welches Flugzeug unter welchen Bedingungen wie hoch fliegt", sagte Wowereit gestern.

Nachdem die DFS eingeräumt hat, dass die Flugzeuge möglicherweise tiefer als bislang bekannt über den Südwesten Berlins und Potsdam fliegen werden, zeigten sich die Bürgerinitiativen empört über das Vorgehen der Behörde. Die Flugsicherung betreibe "eine Salamitaktik", sagte die Vorsitzende der Bürgerinitiative "Keine Flugrouten über Berlin", Marela Bone-Winkel. "Die erschreckendsten Werte wurden unterschlagen."

Wowereit kündigte an, das Tempo der Verhandlungen mit der DFS zu erhöhen. "Wir werden Druck machen, zu Lösungen zu kommen, die besser sind als alle gegenwärtigen." Neben den Sicherheitsaspekten müsste bei der Abwägung vor allem eine Rolle spielen, so wenig Belastung für die Bürger wie möglich zu erreichen. "Die Flugrouten werden sich ändern", sagte der Regierende Bürgermeister, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft ist.

Die Bürgerinitiative Bone-Winkels hatte gemeinsam mit Luftfahrtexperten im Flugsimulator die von der DFS angegebenen und von zahlreichen Bürgerinitiativen bekämpften Flugrouten überprüft. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass Maschinen unter bestimmten Bedingungen erheblich niedriger fliegen als von der DFS bislang angegeben. So würden einige Flugzeuge bei Stahnsdorf nicht wie bislang angekündigt in 2000 Meter Höhe fliegen, sondern in nur 1000 Metern. In Wannsee könnte die Flughöhe statt 2400 lediglich 1200 Meter betragen.

Die Bürgerinitiativen versetzen diese Erkenntnisse in Aufruhr. Denn der Fluglärm wäre mit den jetzt geplanten Flugrouten noch weit größer als bislang angenommen. Bone-Winkel überrascht das nicht. "Wir haben den Eindruck, dass wir in die Irre geführt werden. Es wurde mit geschönten Daten und Mittelwerten gearbeitet. Das haben wir bewiesen." Nun will die Bürgerinitiative auch weitere Angaben der Flugsicherung prüfen lassen. Bone-Winkel fordert von der DFS eine Erklärung, warum diese am abknickenden Startverfahren, das den Überflug Berlins bedeutet, festhält. "Aber diese Antwort bekommen wir nicht", sagt sie. "Eine offene Informationspolitik stellen wir uns anders vor." Es sei offenkundig, "dass es sich eben nicht um ein Kommunikationsproblem handelt, wie der brandenburgische Staatssekretär Bretschneider sagt, sondern um Planungsfehler".

Vorwürfe erhebt auch CDU-Landes- und -Fraktionschef Frank Henkel. "Das ist ein Kommunikationsdesaster, das klar zulasten der Berliner und Brandenburger im Südwesten der Stadt geht", sagte Henkel. Die CDU habe bereits dringenden Gesprächsbedarf bei Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) angemeldet. Das Problembewusstsein sei im Ministerium angekommen, sagte Henkel.

Die von der Politik geforderte "schnelle Lösung" lehnt Marela Bone-Winkel jedoch ab. "Ich habe den Verdacht, dass die Parteien das Thema Flugrouten aus dem Wahlkampf heraushalten wollen. Aber sie werden sich positionieren müssen. Auch Herr Wowereit ist gefragt. Er sagt, er will helfen. Wir nehmen ihn beim Wort."

Dass etwa der schwerere Airbus A 340-300 durch seinen langsameren Steigflug deutlich tiefer fliegt als kleinere Flugzeuge, sorgt vor allem deshalb für Ärger, weil der BBI zum internationalen Drehkreuz werden soll. Die Startbahnen des Flughafens sind mit 3600 und 4000 Metern Länge bewusst auf größere Flugzeugtypen ausgelegt. Von dort könnte sogar der Mega-Airbus A 380 starten. "Alles andere wäre auch Verschwendung von Steuergeldern", sagte Andreas Hess von der Bürgerinitiative Teltow. "Der Flughafen soll ja diese Interkontinentalflüge ermöglichen. Sonst bräuchte man ihn nicht." Hess wohnt genau unter einer der Flugrouten. "Ich habe extra nachgefragt, ob die Flughöhe von 2000 Metern über meinem Haus auch für den A 340 gilt. Die DFS sagte ja. Und das stimmt nicht. Es ist ein Armutszeugnis, dass die Bürger so etwas selbst beweisen müssen."

Nach den Erkenntnissen der Bürgerinitiative "Keine Flugrouten über Berlin" hätte ein startender Airbus A 340 über der Zinnowwald-Grundschule in Zehlendorf eine Höhe von 1350 bis 1550 Metern, zuvor über der Conrad-Grundschule in Wannsee von rund 1300 bis 1350 Metern und über der Heinrich-Zille-Grundschule in Stahnsdorf sogar nur von 1000 bis 1150 Metern. Darüber empört sich Matthias Piaszinski von "Stahnsdorf gegen Fluglärm". "Der Schutz der Bevölkerung vor Lärm ist wichtiger als die wirtschaftlichen Interessen der Fluggesellschaften."

Günter Haße mobilisiert mit seiner Bürgerinitiative Lichtenrade/Mahlow-Nord jeden Montag Tausende Bürger zu "Montagsdemonstrationen" gegen die Flugroutenführung. "Wir sind Lug und Trug aufgesessen", sagt er. "Nachdem so viel getrickst wurde, wundert mich das aber auch nicht mehr. Wie soll die Öffentlichkeit sich ein Bild machen, wenn die Fakten zurückgehalten werden? Als Bürger fühle ich mich in meinen Grundrechten eingeschränkt." Achim Haid-Loh von der Initiative Weltkulturerbe Potsdam sagt, es sei ihm unverständlich, wieso die Flugsicherung von ihren bisherigen Routen nicht abrückt. "Spätestens nachdem bekannt wurde, dass bei der Planung offenbar veraltetes Kartenmaterial zugrunde lag, auf dem einige Wohngebiete nicht erfasst waren, müsste die DFS Konsequenzen ziehen", sagt Haid-Loh.

"Die Flugrouten werden sich ändern"

Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister