Serie: Wir sind ein Volk - Wir sind Berlin, Teil 26

Die letzte Nachtschicht in der geteilten Stadt

Auf der Polizeiwache Am Nordgraben in Wittenau, Abschnitt 12, Berlin-West, klingelt am Abend des 9. November 1989 das Telefon. Polizeihauptmeister Klaus Duchstein nimmt den Hörer ab. Ein Auftrag vom Lagezentrum: "Fahren Sie mit ihrer Gruppe zur Demarkationslinie Bornholmer Straße, da soll alles offen sein. Bitte prüfen!"

Volkspolizist Michael Demus vom Grenzrevier 41 in Prenzlauer Berg, Berlin-Ost, erreicht am gleichen Abend ein Funkspruch im Streifenwagen. Das Gerät knackt, die Zentrale meldet sich. Eine Stimme befiehlt: "Fahren Sie zur Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße - Menschenansammlung."

Stunden später. Volkspolizist Demus steht an der Bornholmer Straße, regungslos wie eine Buhne im Wasser, während um ihn herum tausende Landsleute in Richtung Westen strömen. Vorbei am Schlagbaum. Vorbei an den Grenzern. Raus aus der DDR. "Das Ventil war geöffnet worden, aber ich war mir sicher, die meisten kommen wieder zurück", sagt der Beamte heute.

Ein paar hundert Meter von ihm entfernt, nur Minuten später, umzingeln Tausende DDR-Bürger den West-Berliner Polizeihauptmeister Duchstein in seinem Dienstauto. Der grün-weiße Polizeibus wirkt in der Masse wie ein Keil, der den Zustrom glückseliger Menschen spaltet, für kurze Zeit an sich bindet und am Heck wieder zusammenführt.

Die Ost-Berliner fragen die Polizisten durch die geöffneten Fensterscheiben nach dem Weg. Charlottenburg? Der Kudamm? Zu Tante Frieda? Duchstein gibt allen bereitwillig Auskunft. "Diese Grenze war so fest in meinen Kopf eingemeißelt, ich konnte nicht glauben, was um mich herum passiert", erinnert sich der ehemalige Gruppenführer.

Sein Gefühl sagt ihm, dass er an etwas Großem teilnimmt

Klaus Duchstein muss sich in dieser Nacht auf seine Gefühle verlassen. Sein Bauch signalisiert ihm, dass er an etwas Großem teilnimmt. Etwas, das später in die Geschichtsbücher geschrieben wird. Aber die genaue Bedeutung des 9. Novembers 1989 wird ihm aber erst klar, als er sich in einem ruhigen Moment zurücklehnt und erinnert - an einen Ausflug mit seinem Sohn.

November 1988. Vater Klaus und der zehnjährige Bernd machen eine Spazierreise mit ihren Fahrrädern. Quer durch den Westteil der Stadt. Los geht es am Wohnhaus in der Straße Am Kesselpfuhl in Wittenau bis zur Stadtgrenze an die Glienicker Brücke, der Agentenaustauschbrücke im äußersten Südwesten Berlins.

Kalter Wind pfeift über die Havel. Vom Ufer aus blicken Vater und Sohn in den grauen Osten. Duchstein legt seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. Er lächelt. "Du wirst noch erleben, dass hier offen ist", sagt er zu ihm. Dann blickt wieder in Richtung Brücke. "Aber ob ich das selbst noch erleben werde, wer weiß?"

Polizeihauptmeister Klaus Duchstein ist heute 55 Jahre alt. Er arbeitet auf dem Polizeiabschnitt 62 in der Cecilienstraße in Hohenschönhausen, Streifendienst. Er war 17, als er bei der West-Berliner Polizei anfing. Er absolvierte 1971 seine Grundausbildung in Ruhleben, danach die Polizeischule in Spandau. 1974 ging er zur Bereitschaftspolizei nach Lankwitz. Später wird er als Gruppenführer der Einsatzbereitschaft 12 hinter dem Abschnitt 12, Am Nordgraben in Wittenau, zugeteilt. Duchstein trug damals die Verantwortung für neun Kollegen. Die Aufgaben seiner Truppe waren klar umrissen: Verkehr, Kriminalität, Fortbildung.

Am Tag, an dem die Mauer fällt, fährt Klaus Duchstein wie gewöhnlich mit dem Fahrrad zur Dienststelle. Es ist Donnerstag, kurz nach zwölf Uhr. Der Polizeiabschnitt ist nur zweieinhalb Kilometer von seinem Einfamilienhaus entfernt. Auf dem Dienstplan steht an diesem Tag: "Nachtschicht von 13 bis 3 Uhr." Duchstein öffnet sein Büro. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Papiere, Aktenordner, Notizen. Der Beamte stöhnt leise, lässt sich in den Stuhl fallen und beginnt Dienstpläne zu überarbeiten. Er trägt Überstunden ein, erledigt die Buchführung. Ab 21 Uhr soll er mit seinen Kollegen auf die Straße. Der Auftrag lautet: Streife durch den Kiez fahren. Mit dem "GruKaW"; die Abkürzung steht für einen Gruppenkraftwagen von Mercedes-Benz.

"Die DDR war in jener Zeit wie ein Kessel, der Druck durch die Bürgerbewegung wurde immer größer", erinnert sich Klaus Duchstein, "man konnte fühlen, dass drüben bald etwas passiert." Er und seine Kollegen hörten und lasen damals die Nachrichten, so oft es ging. Auch während der Dienstzeit.

Für Michael Demus, den Ost-Berliner Volkspolizisten aus Hohenschönhausen, beginnt der Dienst am 9. November 1989 mit dem "Auslitern" des Streifenwagens auf dem Grenzrevier 41, Schönfließer Straße in Prenzlauer Berg. Es ist 14.45 Uhr. Demus und sein Kollege stecken einen Messstab in den Tank des Ladas 1300, um zu ermitteln, wie viel Benzin noch vorhanden ist. Darüber wird Buch geführt. Wer am Ende der Woche den höchsten Verbrauch hat, muss eine Woche lang Fußstreife laufen. "Manche Kollegen schummelten und fuhren heimlich zur Minol-Tankstelle", sagt Demus.

Die Spannungen zwischen Vorgaben, Planzielen und Realität in der DDR waren dem Volkspolizisten ein Dorn im Auge. Oft eckte er bei den Vorgesetzten an, nahm selten ein Blatt vor den Mund. Das ramponierte den Lebenslauf.

Michael Demus ist heute 47 Jahre alt und arbeitet bei der Kriminalpolizei auf dem Abschnitt 61 in der Pablo-Picasso-Straße in Hohenschönhausen, Rauschgiftabteilung. Geboren wurde er in Leipzig, wuchs aber in Lichtenberg auf. Sein Vater leitete eine Bungalowanlage für gestresste Stasi-Mitarbeiter in Zeesen, seine Mutter war dort angestellt.

Demus erlernte den Beruf des Rohrlegers, verpflichtete sich danach für drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee. Die Vorgesetzten hatten ihn als Kader eingeplant. Als er zum berüchtigten Stasi-Wachregiment Felix Dscherschinski versetzt werden sollte, weigerte er sich. Auch als Grenzsoldat wollte er nicht dienen. "Ich war politisch nicht mehr tragbar und habe immer eine große Schnauze gehabt", sagt er. "Deshalb bin ich in der DDR auch nie richtig vorangekommen."

Nach der Armee, im Jahr 1985, zog er zu seiner Frau nach Leipzig. Er bekam eine Anstellung in seinem erlernten Beruf und fuhr auf Montage. Von Montag bis Donnerstag. Knochenarbeit. Irgendwann fasste die Familie den Entschluss, nach Berlin umzusiedeln. Davon bekam der örtliche Abschnittsbevollmächtigte der Polizei Wind. Und prompt landete eine Karte in Demus' Briefkasten: "Vorladung zur Klärung eines Sachverhaltes".

Den Streifendienst an den Grenzanlagen findet er grauenvoll

Der Sachverhalt entpuppte sich als Anwerbungsgespräch. Ost-Berlin forderte damals von den Bezirken Hunderte Polizisten zum Schutz der 750-Jahr-Feier. Demus willigte ein. Der junge Mann wurde noch in Leipzig zum Polizisten ausgebildet und wechselte 1987 nach Berlin - ausgerechnet in ein Grenzrevier. Einsatzgebiet: Das Areal zwischen den "Golanhöhen" und dem "Garten Eden".

Als Fußstreife musste Michael Demus täglich mehrere neuralgische Punkte entlang der Staatsgrenze ablaufen und Obacht halten: Die Eberswalder- und Bernauer Straße gehörten dazu, außerdem eine Gartenanlage in der Bornholmer Straße - der Garten Eden, wie ihn die Polizisten nannten. Es folgten die Süd- und Nordseite im Jahn-Sportpark - die so genannten Golanhöhen. Nach drei Stunden durften die Grenzpolizisten in der Kopenhagener Straße 49 eine Pause machen. 60 Minuten Auszeit in einem kargen Zimmer mit Kohleofen.

"Der Dienst war grauenvoll", erinnert sich der ehemalige Volkspolizist. Demus versuchte, dass Beste daraus zu machen. An einer Blumenrabatte, die als Panzersperre diente, machte er es sich bei schönem Wetter auf einem Campinghocker gemütlich. Seine Lieblingslektüre: "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi.

Doch es gab auch traurige Momente. In der Tiefe seines Herzens wollte er ein Polizist sein, der nicht nur die Staatsgrenze bewacht, sondern sich um Kriminalität und Verkehrsunfälle kümmert. "Immer, wenn genug Kollegen über Strich im Dienst waren, hat das auch geklappt", sagt er. So wie am Donnerstag, dem 9. November 1989. Die Erinnerungen an diesen Tag haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt.

16.30 Uhr. Demus und sein Kollege werden zu einem Unfall in Prenzlauer Berg gerufen. Trabant versus Wartburg. Nichts Schlimmes. Eine "Kaltverformung", wie die Polizisten in ihren Vordruck notieren.

20.05 Uhr. Die Zentrale meldet einen Menschenauflauf an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße. Demus gibt Gas. Das Blaulicht bleibt aus. Die Aufregung auch.

"Einsätze im Grenzgebiet, weil sich dort Menschen sammeln, waren damals keine Seltenheit", erklärt der Beamte. Es gab dort damals eine Diskothek, das Café Nord, in der Türken aus Wedding oft über die Stränge schlugen. Der Zoff entlud sich meist nach Mitternacht. Denn der Besuch aus West-Berlin musste spätestens um zwei Uhr das Territorium der DDR wieder verlassen, ansonsten wurde ein Bußgeld fällig. Die Grenzsoldaten durften das Westgeld jedoch nicht kassieren, dafür war die Volkspolizei zuständig.

20.15 Uhr. Der Lada 1300 fährt in Richtung Bornholmer Straße. Weit kommt er nicht. In der Ibsenstraße ist Schluss. Die Fahrbahn ist voller Menschen - keine Türken, sondern Ost-Berliner. Zumeist Paare, wenige Jugendliche, noch weniger Kinder.

20.25 Uhr. Demus und sein Kollege fahren einen Umweg. Doch die Straßen rund um die Bornholmer sind verstopft. Die Polizisten stellen ihren Lada in der Malmöer Straße ab. Licht aus. Abwarten. Und die Lage sondieren.

Die Volkspolizisten steigen behutsam aus dem Lada, setzen auf dem Bürgersteig ihre Dienstmützen auf. Beide gehen auf die Menschentraube zu, die sich gegenüber der Übergangsstelle versammelt hat. Es ist kalt, knapp sechs Grad. Die Stimmung unter den Leuten ist friedlich. Niemand pfeift. Niemand schreit Parolen wie bei den Demonstrationen der vergangenen Tage und Wochen. Und niemand legt sich mit den Uniformierten an. Die Menschen warten geduldig hinter dem Mittelstreifen wie vor einem Konsum, der Südfrüchte im Angebot hat.

"Jetzt ist die Polizei da, jetzt wird hier aufgemacht", ruft jemand plötzlich aus der Menge. Demus stutzt. "Der Schabowski hat doch gesagt, jetzt ist alles offen!" Man wolle zum Kudamm, nur mal kurz gucken, sagt der Mann. Spätestens in zwei Stunden sei man wieder zurück, schließlich müsse man morgen zur Arbeit.

21.05 Uhr, Bornholmer Straße. Volkspolizist Demus spricht mit dem Leiter der Grenzübergangsstelle, Oberstleutnant Harald Jäger. Der ranghohe Soldat zuckt mit den Schultern. Auch er weiß nicht genau, was Günther Schabowski in der Pressekonferenz zum Thema Ausreiseformalitäten gesagt hat. "Einer der Grenzer rief sogar noch zu Hause an und fragte seine Frau, ob sie irgendwas im Fernsehen gehört hatte", sagt Michael Demus. Doch Fehlanzeige. Oberstleutnant Jäger versucht, seine Vorgesetzten zu erreichen. Vergeblich.

21.20 Uhr. Der Oberstleutnant gibt einen Befehl: Alle 20 Minuten möchte er über die Stimmung in den Reihen der Wartenden informiert werden. Sein besorgter Blick wandert über die ausgeleuchtete Bornholmer Straße. Auf der anderen Seite stehen über 1000 Menschen. Sie warten. Fast diszipliniert.

Michael Demus und sein Kollege mischen sich unter das Volk. Sie sprechen einzelne Bürger an, bitten darum, Ruhe zu bewahren, nur nicht provozieren. "Einen kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, was passiert, wenn diese Leute an uns Rache nehmen wollen für die verprügelten Montagsdemonstranten", sagt Demus. Doch niemand will den Polizisten ans Schlafittchen. Im Gegenteil.

22.04 Uhr. Die Straßenbahnen bringen Nachschub an Ausreisewilligen. Nach dem Öffnen der Türen fluten die Menschen in die Bornholmer Straße. Die Menge wird unüberschaubar. Michael Demus nimmt seinen Kollegen zur Seite: "Peter, was machen wir jetzt?"

"Tja, die werden wohl aufmachen müssen", antwortet er.

"Und was passiert dann?"

"Wir müssen den Leuten sagen, dass sie den Laden nicht stürmen dürfen."

"Sicher ist, dass hier heute keiner mehr nach Hause geht, oder?

"Stimmt."

Kein Zeit nachzudenken, was dieser Satz für die Zukunft bedeutet

23.15 Uhr. Die beiden Vopos erstatten beim Leiter der Grenzübergangsstelle Bericht. "Sie müssen jetzt aufmachen, Herr Oberstleutnant", bittet Demus. "Sie können dann gerne wieder zumachen, aber jetzt muss hier aufgemacht werden." Jäger hält kurz inne. Er habe gerade mit dem verantwortlichen Genossen am Checkpoint Charlie gesprochen, sagt er. Wenn die Bornholmer Straße geöffnet wird, würden auch dort die Schranken hochgehen. "Aber zunächst müssen hier die Soldaten von den Türmen", befiehlt er in markigem Tonfall, "ich verantworte nicht, dass hier geschossen wird."

Minuten vergehen. Der Oberstleutnant tritt näher an die beiden Polizisten heran. "Sagen Sie es den Leuten noch nicht, aber ich werde jetzt aufmachen", flüstert er. Die beiden Volkspolizisten sehen sich an. Nur wenige Sekunden, die nicht ausreichen, um darüber nachzudenken, was dieser Satz für die Zukunft ihres Landes und das eigene Leben bedeutet. Als sie sich umdrehen, ist die Nachricht bei den Wartenden bereits angekommen. "Die machen auf!", schreit jemand. Die Menschen jubeln.

23:29 Uhr. Die Grenze ist offen. Michael Demus und sein Kollege ziehen sich zurück. Plötzlich flammt ein Scheinwerfer auf, eine Fernsehkamera ist auf den 26-jährigen Polizisten gerichtet. Eine Reporterin hält ihm ein Glas Sekt vor die Nase. "Die Mauer ist offen, möchten sie darauf anstoßen?", fragt sie. Doch Demus hebt die Hände, wiegelt ab. "Mit diesen Aufnahmen wäre ich sicher um die Welt gegangen, aber das Risiko war es mir nicht wert", sagt er heute.

Zur gleichen Zeit klingelt auf dem Polizeiabschnitt 12 in Wittenau das Telefon von Gruppenführer Klaus Duchstein. Er und sein Team sollen zur Bornholmer Straße fahren, dort sei angeblich die Grenze geöffnet worden, heißt es am anderen Ende der Leitung. "Anfahrt mit Blaulicht und Horn, beim Eintreffen Horn aus. Nur keine Aufregung erzeugen!"

Die Beamten springen in den Polizeibus. Das Fahrzeug rast durch die Straßen. Residenzstraße, Osloer Straße. Plötzlich geht der Fahrer auf die Bremse. Auf beiden Fahrbahnen kommen ihnen Menschen entgegen. In Massen. Duchstein öffnet eine Tür. Eine Frau fällt ihm sofort um den Hals. Sie gibt ihm ein Küsschen auf die Wange. Es dauert, bis er und seine Kollegen realisieren, dass der Grenzbaum oben ist. Die Ost-Berliner umlagern die West-Berliner Polizisten. Stundenlang.

"Sie wollten wissen, welche Straße wohin führt und einen Beleg, dass sie im Westen waren", sagt Klaus Duchstein. Dienstkarten, Mängelberichte, Anzeigenvordrucke - alles wurde verteilt. Wichtig war den Ost-Berlinern, dass "Made in Germany" auf den Papieren stand. Zwei Sätze hörte der Beamte in dieser Nacht immer wieder: "Det gloobt mir keena!" Und: "Ick bin nur kurz hier, muss ja wieder arbeiten!"

23.40 Uhr. Der grün-weiße Gruppenkraftwagen bahnt sich im Schritttempo einen Weg durch den Menschenstrom Richtung Bösebrücke, wie die Brücke über die Bahnanlagen unter der Bornholmer Straße offiziell heißt. Nur keinen Unfall riskieren. An der Stoßstange des Polizeiautos kleben die Doppeldeckerbusse der Berliner Verkehrsbetriebe. Sie sollen die Ost-Berliner in das Herz von West-Berlin transportieren. Oder nur bis zum nächsten U-Bahnhof. "Ich habe gebetet, dass keiner der Grenzer durchdreht und schießt", sagt Klaus Duchstein. "Was hätten wir in so einem Fall machen sollen? Was hätte man von uns erwartet?" Doch die Nacht bleibt ruhig. Tränen fließen nur aus Freude.

Bilder, die im Kopf weiterlaufen wie eine Endlosschleife

Der Ost-Berliner Volkspolizist Michael Demus wird um kurz nach Mitternacht von einem nachrückenden Kollegen abgelöst. Er nimmt vom Grenzrevier aus die S-Bahn, danach die Straßenbahn, um nach Hause zu kommen. "Eigentlich war alles wie immer. Nur, dass nichts mehr so war wie immer", fasst der ehemalige Volkspolizist die Stimmung jener Nacht zusammen.

Gegen ein Uhr morgens schließt er die Wohnungstür in der Warnitzer Straße in Hohenschönhausen auf. Ein kurzer Blick ins Schlafzimmer - seine Frau Tina schläft fest. Im Wohnzimmer schaltet er den Fernseher ein und setzt sich auf die Couch. Er lässt die Bilder auf sich wirken, für die er in dieser Nacht ein kleines Bisschen mitverantwortlich ist.

4 Uhr, Berlin-West. Gruppenführer Klaus Duchstein und seine Männer kehren auf den Hof des Abschnitts 12 in Wittenau zurück. Feierabend. Zwei Stunden lang sollen sich die Beamten ausruhen, um danach die Kollegen an der Grenzübergangsstelle Chausseestraße abzulösen. So lautet die jüngste Anweisung aus dem Lagezentrum. "Aber wir wollten gar nicht zurück in die Unterkunft, denn jeder von uns hatte das Gefühl, etwas zu verpassen", erinnert sich Duchstein.

4.30 Uhr. Die Polizisten ruhen auf ihren Pritschen. Niemand spricht. Aber es schläft auch keiner. Vor Duchsteins innerem Auge laufen die Bilder des Abends weiter, die Stimmen, die Eindrücke - wie in einer Endlosschleife. Jeder Gedanke dreht sich um das, was an diesem Abend geschehen ist. Und jeder von ihnen versucht sich klar zu machen, was die Öffnung der Mauer für ihn persönlich bedeutet.

Klaus Duchstein, damals Trainer einer D-Jugend-Mannschaft, Sektion Fußball, träumt in diesen Minuten von einem Freundschaftsspiel: Concordia Wittenau gegen Empor Prenzlauer Berg.

"Sie müssen jetzt aufmachen, Herr Oberstleutnant", bittet Demus. "Sie können dann gerne wieder zumachen, aber jetzt muss hier aufgemacht werden." Jäger hält kurz inne. Er habe gerade mit dem verantwortlichen Genossen am Checkpoint Charlie gesprochen, sagt er. Wenn die Bornholmer Straße geöffnet werde, würden auch dort die Schranken hochgehen

Morgen lesen Sie: Ackern im Schatten der Mauer: Zwei Landwirte aus Ost und West über ihr Leben

Die große Serie zum Mauerfall im Internet: www.morgenpost.de/mauerfall Die große 3D-Grafik zum Mauerfall: www.morgenpost.de/die-mauer