Standpunkt Berlin

Tempelhof ist kulturelle Verpflichtung

Gerade weil Berlin nicht alle Türen zu allem Möglichen offen stehen, muss es umso intensiver die nutzen, die es zur Verfügung hat. Das große Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens gehört dazu.

Was ist das für eine traumhafte Fläche! Nicht nur, weil sie so groß ist und so zentral gelegen, gleich neben der Mitte der Stadt - man möge ein Gebiet solcher Größe einmal in die Karten von London oder Paris, von Rom oder Madrid projizieren, um zu verstehen, was eine solche Innenstadtlage bedeutet.

Hinzu kommt, dass man fast überall in der Welt weiß, wovon die Rede ist, wenn der "Flughafen Tempelhof" genannt wird. Die Marke ist schon gelernt, bevor man das dazugehörige Produkt hat. Ein Ort so voller tragischer, heroischer und eben auch erfolgreich bestandener Geschichte. Ein Gebäude, wie es heute nicht mehr denkbar wäre. Die Gestalt von Gebäude und Vorfeld: ein Sinnbild des Empfangs globaler Kommunikationsströme. Dieses zu erkennen, gilt es, die Betriebsblindheit der distanzlosen Nahsicht zu überwinden und mit dem breiten Blickwinkel einer Sicht auf das Gesamte heranzugehen. Mit dem umfassenden Überblick von außen erkennt der weltweit wirkende Architekt Lord Norman Foster die Gesamtanlage Tempelhofs als "Mutter aller Flughäfen". Eine adäquate neue Nutzung ist kulturelle Verpflichtung.

Natürlich fängt da auch das Problem an. "Handlich" ist der ehemalige Flughafen nicht. Jede Arbeit, jeder Einsatz aber lohnt, wenn es um ein derart einmaliges Angebot geht, das man mit dieser Fläche machen kann. Auch jede Idee lohnt, um sie zu entwickeln und die richtigen Partner dafür zu suchen.

Warum also nicht die Idee des "Traums vom Fliegen"? Natürlich nicht als Fracht- und Passagierflughafen. Diese Zeit ist nach der Senatsentscheidung vorbei. Aber vielleicht als eines der großen Zukunftsgebiete der Wissenschaft, die ja in Berlin einen angestammten und weithin anerkannten Platz hat. Das könnte auch die Entwicklung von Luft- und Raumfahrt einschließen. Ein Ort für die zukünftig immer wichtigere Verbindung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, zwischen Wissenschaftlern und privatem Interesse daran.

Die Max-Planck-Gesellschaft trägt sich mit dem Gedanken, ihren Sitz nach Berlin zu verlagern. Sie hatte auch schon einmal ihr Interesse geäußert, in Berlin ein Informationszentrum zur Vermittlung wissenschaftlicher Perspektiven gegenüber der Bevölkerung zu begründen. Könnte die Max-Planck-Gesellschaft nicht in Tempelhof für ein Ankerprojekt eines gesellschaftlich-wissenschaftlichen Anspruchs stehen, der der früheren Bedeutung von Tempelhof gerecht wird?

Oder gibt es bessere Ideen? Der Wettkampf darum hat noch gar nicht begonnen. Den aber zumindest verdient dieses Einzigartige in Tempelhof. Und: Achtung und Einbeziehung der Umgebung muss bei einer anspruchsvollen Kernidee ganz und gar nicht unter die Räder kommen! Die Bevölkerung einzubeziehen, energetisch anspruchsvoll zu planen und zu bauen - all das sollte selbstverständlich sein. Das allein aber darf bei einem derart wertvollen Gebiet nicht ausreichen. Wir haben bei der Stiftung Zukunft Berlin ein "Manifest" geschrieben, wie das eine mit dem anderen verbunden werden kann. Wie man aber auch vermeiden muss, den ehemaligen Tempelhofer Flughafen häppchenweise in kleiner Münze zu verschwenden.

Gerhard Spangenberg ist Architekt und arbeitet in der Stiftung Zukunft Berlin mit. Er plante auch das Allianz-Hochhaus.