IHK

S-Bahn nach schwedischem Modell

Im Streit um die Zukunft der krisengeschüttelten S-Bahn hat die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) am Dienstag ein eigenes Konzept vorgestellt. Die Kammer fordert vom Senat, noch im ersten Halbjahr 2011 eine schrittweise Ausschreibung des Betriebs auf den Weg zu bringen. 2028 könnten dann bis zu drei Betreiber auf dem aktuell 332 Kilometer langen Netz unterwegs sein.

Zugleich plädierte die IHK für die Schaffung eines landeseigenen Fahrzeugparks für die S-Bahn. Die Züge könnten dann an den jeweiligen Betreiber vermietet werden. Ähnliche Modell werden bereits erfolgreich in Niedersachsen und Skandinavien praktiziert. Eine Direktvergabe der S-Bahn an die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) lehnte Christian Wiesenhütter, stellvertretender IHK-Hauptgeschäftsführer, ebenso ab wie die Beteiligung der Länder Berlin und Brandenburg an einer noch zu gründenden Betreibergesellschaft. "Die Überlegungen des Berliner Senats, sich nun auch an der S-Bahn als Unternehmer zu beteiligen, sehen wir mit größter Sorge", sagte Wiesenhütter. Interessenkollisionen seien dann programmiert. Nur der Wettbewerb garantiere faire Preise, hohe Qualität und technische Innovationen.

Senat prüft alle Optionen

Der Senat will in diesem Frühjahr über die Zukunft der S-Bahn entscheiden. Mehrere Optionen werden noch geprüft, darunter die Teilausschreibung der Ringbahn, eine Direktvergabe an die BVG oder der Kauf der S-Bahn. Die rot-roten Regierungsparteien hatten sich allerdings bereits gegen eine Ausschreibung ausgesprochen. Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) gilt hingegen als Befürworterin des Wettbewerbs. Dem Vernehmen nach will sie am Rande der SPD-Klausurtagung an diesem Wochenende für ihre Position werben und versuchen, die Kritiker in den eigenen Reihen zu überzeugen. Dass das Land die geschätzten zwei Milliarden Euro für neue S-Bahn-Züge selbst finanziert und damit Besitzer einer eigenen Fahrzeugflotte wird, gilt angesichts der Haushaltslage hingegen als unwahrscheinlich, wie Junge-Reyers Sprecher Mathias Gille am Dienstag bekräftigte.

Weil die Beschaffung neuer S-Bahn-Züge mindestens fünf Jahre dauern wird, muss die Entscheidung nach Ansicht von Experten noch vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus im September fallen. Angesichts der langen Fristen für Entwicklung und Produktion neuer Fahrzeuge für die technisch einmalige Berliner S-Bahn plädiert auch die IHK für einen zeitlich gestaffelten Wettbewerb. Anders als in den bisherigen Planungen der Landesregierung, soll ein neuer Betreiber demnach zuerst für die Nord-Süd-Linien S 1, S 2, S 25 und die geplante Neubaustrecke S 21 gesucht werden. Start des neuen Verkehrsvertrages für das Nord-Süd-Teilnetz soll 2018 sein, unmittelbar nach Ablauf der gültigen Vereinbarung mit der Deutschen Bahn. Die Nord-Süd-Strecken böten sich für den Einsteig in den Wettbewerb an, sagte IHK-Verkehrsexperte Stefan Mathews. Einerseits würden dort im Vergleich mit den anderen Teilnetzen am wenigsten Züge benötigt - nach Berechnungen der IHK 171 Doppelwagen. Andererseits müssten die Fahrzeuge dort die höchsten technischen Voraussetzungen erfüllen, weil die Linien als einzige auch unterirdisch (durch den Nord-Süd-Tunnel) verkehren. Im zweiten Schritt sollen nach dem IHK-Konzept die Ringbahnlinien inklusive der Zubringer nach Grünau, Flughafen Schönefeld und Hohen Neuendorf ausgeschrieben werden. Betriebsstart soll dort im Jahr 2023 sein. Als letztes sollten die Stadtbahn und die Außenäste der Ost-West-Linien mit einem Vertragsbeginn im Jahr 2028 ausgeschrieben werden.

Vorteil der Aufteilung laut Mathews: Jedes Teilnetz habe eine "handhabbare Größe", sodass auch kleinere private Verkehrsunternehmen sich an der Ausschreibung beteiligen könnten. Zudem seien die Netze so gewählt, dass es nur auf kleinen Abschnitten einen "Mischbetrieb" zweier Anbieter geben werde. Durch die zeitliche Staffelung könnten zudem die Fahrzeuge im Laufe der Jahre zwischen zwei Ausschreibungsterminen technisch weiterentwickelt werden. Ob nach der Ausschreibung ausschließlich Neubau-Züge in Berlin unterwegs sein sollen, ließ die IHK allerdings offen. In dem 20-seitigen Konzept der Kammer ist auch davon die Rede, dass die Deutsche Bahn einen Teil ihres bisherigen Fahrzeugparks "zum Verkauf auf den Markt bringen könnte". Weiter heißt es: "In diesem Zusammenhang könnten die Länder über den Bund als Eigentümer den Druck auf die DB AG mit dem Ziel erhöhen, sich den Übergang von Fahrzeugen auf mögliche andere Betreiber nach Ablaufen des Verkehrsvertrages 2017 zu realistischen Konditionen zu sichern."

Gewerkschaft gegen Konzept

Klar ist bislang lediglich, dass nach 2017 etwa 150 Doppelwagen ersetzt werden müssen. Die Betriebsgenehmigung für die Alt-Baureihen 480 und 485 läuft dann aus.

Die IHK geht davon aus, dass mit einer Erneuerung der Fahrzeugflotte - in welcher Größenordnung auch immer - der Wartungsaufwand deutlich sinken wird. Laut dem IHK-Konzept soll jedes der drei Teilnetze eigene Werkstätten bekommen. Neben je einer Hauptwerkstatt sieht die Planung mindestens eine "Pflege- und Waschhalle" vor (siehe Grafik). Mehrere neue Werkstätten in Nähe der Innenstadt müssten demnach gebaut werden. Offen ließen Wiesenhütter und Mathews, was aus der bisherigen Hauptwerkstatt in Schöneweide werden soll. Dort hatte die Deutsche Bahn erst jüngst hohe Summen in den Ausbau der Instandhaltungskapazitäten investiert.

Die Bahngewerkschaft EVG wies das Konzept der IHK am Dienstag umgehend zurück. Eine "Zerschlagung der S-Bahn in drei Teilnetze" sei keine Lösung, sagte Gewerkschaftssprecher Oliver Kaufhold. Die Berliner S-Bahn sei wegen ihrer technischen Besonderheiten ein "Rad-Schiene-System, das am besten aus einem Guss betrieben wird".