Internationale Bauausstellung

"Hauptstadt, Raumstadt und Sofortstadt"

Am Montag präsentierten Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) und Senatsbaudirektorin Regula Lüscher die Leitideen der IBA 2020. Ein erstes Konzept soll bis Mai stehen. Über die Ziele und Methoden der IBA sprach Sabine Gundlach mit Regula Lüscher.

Berliner Morgenpost Frau Lüscher, warum braucht Berlin eine neue IBA?

Regula Lüscher Als das Tempelhofer Feld 2008 stark in der Diskussion war, stand für mich fest, dass Tempelhof ein Kristallisationspunkt für zukunftsweisende und experimentelle Formen der Stadtentwicklung in Berlin ist. Zudem glaube ich, dass Berlin wieder so etwas wie ein Qualitätssiegel braucht, wie die Debatte über die Architektur am Hauptbahnhof zeigt.

Berliner Morgenpost Der Begriff allein garantiert aber noch keine Qualität. Was ist denn Thema der IBA?

Regula Lüscher Es geht um die Stärken Berlins im internationalen Vergleich unter dem Aspekt, Wege einer sozialen und nachhaltigen Stadtentwicklung aufzuzeigen.

Berliner Morgenpost Welche Stärken meinen Sie?

Regula Lüscher Das Kapital dieser Stadt - und das hat auch etwas mit Tempelhof zu tun - sind die vielen Freiräume. Das ist das, was alle lieben an Berlin, was alle loben, aber auch das, um das man sich kümmern muss, wenn es um Fragen geht wie die des Klimawandels, des demografischen Wandels, der sozialräumlichen Polarisierung und die Frage der Integration. Das sind internationale Fragen...

Berliner Morgenpost ... und die Leitideen der IBA? Die sind nicht besonders originär, sondern ähneln denen der IBA in Hamburg.

Regula Lüscher Ja, weil es Themen unserer Zeit sind und nicht nur die Themen der IBA Hamburg. Wir haben sie für Berlin aufgearbeitet und in ein erstes Konzept unter den Überschriften Hauptstadt, Raumstadt und Sofortstadt umgesetzt.

Berliner Morgenpost Das klingt abgehoben.

Regula Lüscher Die Hauptstadt ist die Klammer. Berlin hat hauptstadtrelevante Orte wie das Humboldtforum oder die Tempelhofer Freiheit. Aber es gibt auch die Quartiere, die Kieze. Diese beiden Welten zu verbinden, ist der Rahmen dieser IBA.

Berliner Morgenpost Was meinen Sie mit Raumstadt?

Regula Lüscher Eine städtebauliche Strategie, die das herausragende Kapital, den Raum der Stadt, aufnimmt. Dabei setzen wir uns mit den Freiräumen Berlins auseinander, kartieren sie und evaluieren dann, ob die Lücken frei bleiben - beispielsweise aus klimatischen Gründen - oder ob sie langfristig bebaut, beziehungsweise temporär genutzt werden sollen. Das ist die städtebauliche Strategie, die Raumstadt.

Berliner Morgenpost Und was meint Sofortstadt?

Regula Lüscher Die Sofortstadt ist die Methode. Menschen wollen, dass schnell etwas entsteht, aber Stadtentwicklung dauert oft lange. Die Sofortstadt nutzt die Möglichkeit, öffentliche Räume schnell mit Zwischennutzungen, Pioniernutzungen und Ideen von Bürgern temporär zu gestalten.

Berliner Morgenpost Das heißt, der Prozess ist jetzt das Wesentliche im Vergleich zu früheren Bauausstellungen, bei denen es um das Gebaute ging?

Regula Lüscher Die Interbau 1957 und die IBA 84/87 waren Repräsentations-IBAs, die am Schluss Neubauten präsentiert haben. Die IBA 2020 ist eher ein Transformationsprozess. Das passt in das Thema der prozessualen Stadtentwicklung. Zugleich macht die IBA 2020 auch kleinteilige Lücken zum Thema und sagt, auch der private Entwickler, das Engagement von Baugruppen und einzelner Bürger ist wichtig. Da geht es wie bei der IBA 87 ganz stark um Partizipation.

Berliner Morgenpost Warum wird dann die neue IBA nur von Wissenschaftlern vorbereitet, warum sitzen keine Vertreter der Bevölkerung oder der Fachöffentlichkeit im Vorbereitungs-Team?

Regula Lüscher Ich glaube, es ist unerlässlich, dass man sich erst einmal in einem geschlossenen Raum diesem Thema nähert. Und zwar interdisziplinär - das ist ja das Wesentliche an diesem Team, in dem Ökonomen, Soziologen, Architekten und Philosophen vertreten sind. Mit der Eröffnung des IBA-Studios beginnt jetzt ein intensiver Dialog mit den Bürgern, Experten, Bezirken, Initiativgruppen. Sie alle sind aufgerufen, sich an den Diskussionen, die wir jetzt führen werden, zu beteiligen.

Berliner Morgenpost Diskutiert und kritisiert wurde bereits der anfängliche Ansatz, die IBA 2020 räumlich auf Tempelhof zu fokussieren. Offiziell hieß es anfangs, die IBA sei Antwort auf den Erwartungsdruck bezüglich der Nutzung Tempelhofs. Reagiert das neue Konzept auf diese Kritik?

Regula Lüscher Die Kritik hat mich nur bestärkt. Die IBA räumlich weiter zu fassen, war meine Vorgabe für die Weiterentwicklung des Konzeptes mit dem Prä-IBA-Team.

Berliner Morgenpost Zur Organisation. Derzeit sind allein in Tempelhof unzählige Gesellschaften oder Verwaltungen mit dem Areal oder dem Bau befasst: die Tempelhof Projekt GmbH, GrünBerlin, die Senatsverwaltungen, das Prä-IBA-Team und, und, und... Wie soll das funktionieren?

Regula Lüscher Wie jede andere IBA auch. Das Land muss eine IBA-Gesellschaft gründen.

Berliner Morgenpost Noch vor der Wahl?

Regula Lüscher Nein, davon gehe ich nicht aus.

Berliner Morgenpost Können veränderte politische Verhältnisse Ihre IBA-Pläne gefährden?

Regula Lüscher Nein, wenn es uns gelingt, noch vor den nächsten Koalitionsverhandlungen die Idee der IBA auch im politischen Feld gut zu kommunizieren, ist das auch für die nächste Regierung eine gute Grundlage.

Berliner Morgenpost Wie soll das mit der IBA-Gesellschaft beispielsweise in Tempelhof funktionieren?

Regula Lüscher Wenn der ehemalige Flughafen, wovon ich ausgehe, ein IBA-Projekt wird, dann bleibt der Träger weiter verantwortlich für das Gebäude, aber die inhaltliche Zielsetzung der Entwicklung muss dann mit der IBA-Gesellschaft abgestimmt werden.

Berliner Morgenpost Und wer entscheidet, wenn die Tempelhof Projekt GmbH wirtschaftlicher orientiert ist als die IBA-Gesellschaft?

Regula Lüscher Da wird es natürlich einen Lenkungsausschuss geben, der politisch besetzt ist, auch mit den Bezirken, und dann wird es eine politische Entscheidung geben.

Berliner Morgenpost Sie planen keine klassische IBA, warum kleben Sie an dem Begriff IBA?

Regula Lüscher Es gibt Formate, unter denen sich jeder Interessierte etwas vorstellen kann. Vor allem in Berlin, der Mutter aller IBAs, da macht es einfach Sinn, wenn man stadtentwicklungspolitische Themen vorwärtsbringen will, auf das bekannte Format zurückzugreifen.

Berliner Morgenpost Auch wenn der Begriff ganz andere Erwartungen provoziert?

Regula Lüscher Die Erwartungen haben sich verändert. Die Internationalen Bauausstellungen entsprechen längst nicht mehr dem traditionellen Format. Themen der neuen IBA sind auch Sanieren und Klimaschutz. Die Bauten der letzten IBA kommen in die Jahre. Jetzt geht es darum, zu gucken, wie können wir innovativ mit diesen Bauten umgehen. Auch deshalb macht es Sinn, im Format der IBA zu bleiben.

Berliner Morgenpost Die neue IBA integriert also die Themen der IBA 84/87?

Regula Lüscher Ja, wir überlegen auch, eine Art Informationspfad zu den Bauten der vorigen IBA zu gestalten mit Tafeln, die über die Projekte und ihre Entstehungsgeschichte informieren. Was die Fragen der Sanierung dieser Gebäude betrifft, könnte man im Rahmen der IBA Wettbewerbe ausschreiben.