Bildung

Sarrazin zitiert die Statistik - Huber redet von Ethik

Er wolle der Versuchung widerstehen und keine Predigten halten, sagt Thilo Sarrazin. Dafür sei sein Diskussionspartner zuständig - Wolfgang Huber, ehemaliger Vorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). "Ich kann am besten Zahlen, er kann am besten Predigten", sagt Sarrazin, und das Publikum lacht.

Doch nichts könnte an diesem Abend falscher sein. Der Verein Initiative Hauptstadt hat zur Podiumsdiskussion geladen, Thema: "Migration und Demografie - gesellschaftliche Entwicklung und ihre Konsequenzen". Es ist Sarrazins Thema, das Thema seines Buches "Deutschland schafft sich ab", das Thema mit dem er jetzt untrennbar verbunden ist. Und er redet an diesem Abend ohne Unterlass.

Er wiederholt seine umstrittenen Thesen zu den Integrationsproblemen von Muslimen, wiederholt Zahlen aus seinem Buch, zählt Beispiel um Beispiel auf. Moderator Gunnar Schupelius bremst ihn nicht, Huber darf kaum zu Wort kommen. Dabei ist das Mitglied des Deutschen Ethikrates von Beginn an durchaus angriffslustig. Der demografische Wandel sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, nicht das einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, sagt Huber. "Wir dürfen uns nicht auf den Leim eines Sündenbock-Mechanismus locken lassen", fügt er mit Nachdruck in Richtung Sarrazin an. Man könne einen Menschen nicht auf ein Merkmal reduzieren und gerade die Religion sei dafür wegen ihrer Vielschichtigkeit besonders schwierig. "Dabei halte ich von Religion vermutlich sogar mehr als Herr Sarrazin", sagt der ehemalige Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Bei den aktuellen gesellschaftlichen Problemen handele es sich immer um eine Kombination aus sozialen Faktoren, Bildungsfaktoren und kulturellen Hintergründen. "Mit dem Passepartout Religion wird man diesem Phänomen nicht gerecht." Vor zehn Jahren, so sagte Huber, habe man noch über Araber, Italiener oder Türken bei den Migranten diskutiert, nicht über Muslime. "Diese Religionisierung der Diskussion ist ein Produkt des 11. September und sie ist extrem konfliktverschärfend." Sarrazin ignoriert das. Er zitiert die Statistik, Huber redet von der Pflicht zur Humanität - gerade auch in der Integrationsdebatte.

"Wir haben in Deutschland nicht zu viel Moral, sondern eher zu wenig", sagt Huber. "Man kann die Leute nicht mit Barmherzigkeit zuschütten", sagt Sarrazin und spricht sich erneut dafür aus, Migranten bei der Integration mehr zu fordern als bisher. Mit Gutmenschentum könne man das Problem nicht lösen. Huber und Sarrazin sind sich nur in einem Punkt einig: Die Geburtenquote in Deutschland ist zu gering, vor allem bei Akademikern. Doch Huber führt das auf ein gesellschaftliches Klima zurück, dem der Mut zu Kindern fehlt. Sarrazin auf ökonomische Gründe, auf fehlende Anreize für junge, gebildete Frauen, eine Familie zu gründen. "Von ihren Predigten bekommt die 27 Jahre alte Uni-Absolventin auch keine Kinder."

Auf Hubers Argumente von Humanität, Ethik und Würde kann der Volkswirt nur mit Zynismus reagieren.