Geschichte

Wann genau fiel die Mauer?

Entscheidende Momente der Weltgeschichte ziehen Legenden geradezu an; das sieht man am Fall der Mauer. Heute Abend zeigt das ZDF die Dokumentation "Der schönste Irrtum der Geschichte. Wie die Berliner Mauer wirklich fiel", die mindestens unter Verdacht steht, neue Legenden zu verbreiten.

Dabei hört sich die Geschichte, die das "Heute-Journal" am Sonnabend vorab anpries, eigentlich gut an. Der Grenztruppen-Oberstleutnant Heinz Schäfer erzählt, er sei am Abend des 9. November 1989 nach der verfrühten Verkündung der ab dem kommenden Morgen gültigen neuen Reiseregelung durch Günter Schabowski zum Dienstort gefahren, dem Übergang Waltersdorfer Chaussee in Rudow.

Schäfer berichtete dem ZDF, er habe hier "spätestens um halb neune, zwischen halb und um neun" an diesem 9. November 1989 die ersten DDR-Bürger in den Westen gelassen. Der Chef der Grenzer am Übergang hatte Schabowskis Pressekonferenz live im Fernsehen gesehen. Unmittelbar danach habe ihn sein Regimentskommandeur angerufen; Schäfer will sich da bereits in seine Uniform geworfen haben. Vor Ort habe er seine Männer die Waffen abgegeben lassen und wenig später die Grenze geöffnet.

In dem vorab ausgestrahlten Kurzbeitrag kommt nur ein DDR-Bürger zu Wort, der an diesem Abend über die Waltersdorfer Chaussee gekommen sein will; Andreas Wolf bestätigt die Uhrzeit 20.30 Uhr, "eventuell". Daraus schließt der Beitrag: "Ab halb neun steht die Berliner Mauer sperrangelweit offen, hier an der Waltersdorfer Chaussee."

Doch daran sind Zweifel angebracht. Erstens hatte Schäfer als Kommandeur der Grenztruppen vor Ort allein nicht die Möglichkeit, DDR-Bürger über die Grenze zu lassen. Denn die Passkontrolle an der "Grenzübergangsstelle", kurz "GÜSt" genannt, lag nicht bei ihm, sondern bei "Passkontrolleinheiten", allesamt Mitarbeiter der Stasi.

Zweitens fiel die Mauer nicht, als einzelne DDR-Bürger die Grenze kontrolliert passieren durften. Sondern als die DDR-Grenzer die Kontrolle einstellten, Zehntausende ungehindert in den Westen und später wieder zurückdurften. Dazu kam es, das haben Recherchen des Potsdamer Historikers Hans-Hermann Hertle ergeben, zuerst am Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November etwa um 23.30 Uhr. Zentrale Figur dort war der Stasi-Offizier Harald Jäger, der dem Druck ungezählter DDR-Bürger nachgab.

Drittens gibt es ein Stasi-Papier, laut dem der Übergang Waltersdorfer Chaussee an diesem Abend um 23.15 Uhr geöffnet worden sei - aber nur im Rahmen der "Ventillösung", als vertuschte Ausbürgerung, wie sie an der Bornholmer Straße bereits gegen 21.30 Uhr praktiziert wurde. Die Geschichte des Mauerfalls muss wegen des ZDF-Films nicht umgeschrieben werden. Allenfalls eine Facette kommt hinzu, wenn, aber auch nur wenn Heinz Schäfer, Andreas Wolf und andere Zeitzeugen ihre Erinnerung nicht trügt.

ZDF, heute, 20.15 Uhr