Obdachlosenhilfe

"Wir schicken hier niemanden weg, der Hilfe braucht"

Manfred hat Schmerzen. Starke Schmerzen. Seinen linken Arm kann der 43-jährige Obdachlose kaum noch bewegen. Die Wunde dort eitert schon. Das kann jeder riechen, als der dunkelhaarige Mann den Flur des Gesundheitszentrums der Jenny De la Torre-Stiftung in der Pflugstraße in Mitte betritt. Es ist noch früh an diesem Januarmorgen, doch im Wartezimmer sitzen schon vier Männer. Man kann ihnen ansehen, dass sie auf der Straße leben. Sie bemerken Manfreds Leiden und alle bekunden ihr Mitleid.

Verletzt habe er sich am Tag nach Heiligabend bei einem Sturz, erzählt Manfred. Allerdings war er danach nicht beim Arzt, eher habe er gehofft, dass die Wunde von selbst verheilt. Was nicht passiert ist. Mit fast unerträglichen Schmerzen ist Manfred heute in das Gesundheitszentrum für Obdachlose gekommen, hier kann er sich behandeln lassen. Normalerweise arbeitet hier Dr. Jenny De la Torre. Dazu kümmern sich weitere sieben Ärzte ehrenamtlich um die geschätzten 7000 Menschen, die in Berlin keinen eigenen Wohnsitz haben - und oft auch keine Krankenversicherung. "Wir schicken hier niemanden weg", sagt Guido Minauro, Krankenpfleger in der Arztpraxis und rechte Hand der Ärztin Jenny De la Torre. In den Karteikarten seien insgesamt 2000 Patienten vermerkt. Heute ist die Chefin nicht da, sie ist selbst krank geworden, muss sich Zuhause auskurieren.

Eine Dusche gehört dazu

Also nimmt sich der erfahrene Krankenpfleger Manfreds Leiden an, begrüßt ihn im kleinen Empfangszimmer des Backsteingebäudes. Dass Manfred behandelt werde, sei überfällig, meint Guido Minauro mit einem Blick auf den Arm. Die Schmerzen seien also gut. "Täte es nicht weh, hätte er wahrscheinlich seinen Besuch weiter aufgeschoben."

Unterstützt wird Guido Minauro heute von einem orthopädischen Facharzt, der einmal wöchentlich ehrenamtlich im Gesundheitszentrum arbeitet. Namentlich möchte der Arzt nicht genannt werden. Obwohl sein Einsatz vorbildlich ist, fürchtet er, die Patienten seiner eigenen Praxis damit abzuschrecken. Der Doktor untersucht Manfred gründlich. Dessen Arm ist nicht das einzige Problem. Die Krätze - ein juckender Milbenbefall - hat kleine rote Pusteln auf seinem ganzen Körper hinterlassen. Kratzen muss sich Manfred aber nicht nur deswegen. Er hat Läuse. Viele Obdachlose sind von Krätze und Läusen befallen, vor allem im Winter, wenn sie in den überfüllten Notunterkünften übernachten. Dort stecken sich die Menschen gegenseitig an.

Guido Minauro bittet Manfred zunächst zu einer Dusche, im Raum gegenüber den Praxisräumen. Da Manfred seinen Arm nicht bewegen kann, hilft der 46-jährige Krankenpfleger beim Ausziehen. Nach dem Waschen wird Manfred aus der Kleiderkammer des Gesundheitszentrums neu eingekleidet, die verschmutzten und verlausten Sachen werden sofort in eine Plastiktüte gepackt und entsorgt. "Von oben bis unten - alles neu", meint Guido Minauro. Naja, fast neu. Das Zentrum ist auf Kleiderspenden angewiesen, Hose, Pulli und Jacke sind gebraucht, nur die Unterwäsche ist ganz neu.

Damit er sich nicht ansteckt, hat sich Guido Minauro einen Plastikkittel übergezogen, Handschuhe und Kopfschutz sollen zusätzlich schützen. "So kann ich das alles ganz genau untersuchen." Berührungsängste hat Guido Minauro dabei nicht. Er kann hier helfen und das freut ihn. Guido Minauro ist es wichtig, die Patienten der Praxis respektvoll zu behandeln. "Die Menschen müssen mir ja vertrauen." Er nimmt sich Zeit, hört sich auch die Geschichte der Patienten an. Nachdem Manfred in einem letzten Schritt im Kampf gegen die Läuse der Kopf rasiert und sein Arm geschient wurde, war er eine dreiviertel Stunde in Behandlung.

Langfristige Wirkung

Bevor Guido Minauro Manfred verabschiedet, bittet er ihn ein eindringlich, morgen auf jeden Fall wiederzukommen. Sonst heilt der Arm nicht. Doch eine Garantie gibt es nicht. "Wir können mit unseren Patienten keine Termine ausmachen", meint Guido Minauro. Die würden oft nicht eingehalten. "Also müssen wir ganz flexibel arbeiten."

Im Laufe der Jahre hat das Team des Gesundheitszentrums sich auf eine medizinische Versorgung für Obdachlose spezialisiert. Ärzte und medizinische Mitarbeiter müssen hier Verbände so binden, dass sie eine Woche und länger halten. Die Kunst sei es, mit einer möglichst einfachen Behandlung eine langfristige Wirkung zu erzielen.

Rafal braucht gleich mehrere Verbände. Der 35-jährige Pole, der nach Manfred ins Behandlungszimmer kommt, kann kein Wort Deutsch. Er zieht sich gleich den Pulli über den Kopf und zeigt Guido Minauro und dem Arzt die kleinen, kreisförmigen Wunden. Rafal hat die sogenannte Schleppe. "Das ist eine Bakterieninfektion", sagt der Arzt. Ursache ist mangelnde Hygiene. Natürlich - Rafal duscht nicht täglich. Tagsüber ist er in Berlin unterwegs, die Notunterkünfte, in denen er schläft, sind oft so voll, dass nicht jeder die Waschgelegenheiten benutzen kann. Dick trägt der Orthopäde Jodsalbe auf die Wunden. An vier Stellen wird Rafal verbunden, dann kann er gehen. Er winkt dem Arzt fröhlich zu und sagt etwas, wahrscheinlich "Auf Wiedersehen" in seiner Muttersprache.

Auch Dr. Helga Hieckels Patient kann sich nur mit Händen und Füßen verständlich machen. Glücklicherweise spricht die Augenärztin etwas Russisch, so dass sie sich mit Robert verständigen kann. Der 42-jährige Pole muss nämlich gerade die Zahlenreihen entziffern, die mit einem Projektor an die Wand geworfen werden. Dabei trägt er ein seltsames Gestell auf der Nase, in das die 70-jährige Augenärztin unterschiedliche Gläser einfügt. "Wir haben hier nicht die neuesten Messgeräte." Die Behandlungszimmer des Zentrums sind mit gespendeten Geräten ausgestattet, nicht alle sind neu. Deshalb muss Robert "nach Gefühl" entscheiden, mit welcher Stärke er am besten sehen kann. Plus 1,5 sind demnach seine Dioptrinwerte. "Weitsichtigkeit ist gerade bei über 40-Jährigen verbreitet", sagt Helga Hieckel. Sie sucht Robert nun aus dem Fundus eine passende Brille heraus. "Im Gegensatz zu Guido Minauro hoffe ich, meinen Patienten etwas länger nicht mehr zu sehen. Das bedeutet, dass die Brille noch ganz ist", meint Helga Hieckel.