Nahverkehr

Entschuldigung bringt S-Bahn und BVG neue Kunden

Es erscheint geradezu paradox: Obwohl bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) öfter als sonst die Busse ausfallen und auch die S-Bahn von einem normalen Fahrplan-Angebot noch weit entfernt ist, haben die beiden großen hauptstädtischen Nahverkehrsunternehmen derzeit so viele zahlende Kunden wie noch nie.

Vor allem die Zahl der Stammkunden, die den Unternehmen regelmäßig Geldeinnahmen bescheren, erreicht immer neue Spitzenwerte. Ende September hatten fast 450 000 Berliner und Brandenburger entweder mit der BVG oder der S-Bahn ein Abonnement für den Ticketkauf abgeschlossen. Allein die S-Bahn hat rund 15 000 Nahverkehrs-Stammkunden mehr als noch vor einem Jahr. Und der Run auf Monats- und Jahreskarten hält unvermindert an. So hat die BVG in den vergangenen Tagen 4000 neue Abonnenten gewonnen, die S-Bahn freut sich nach eigenen Angaben über 2500 neue Stammfahrgäste.

Die Entwicklung ist nur auf den ersten Blick überraschend. Denn die bundesweit als besonders preissensibel geltenden Hauptstädter nutzen schlicht das aktuell besonders lukrative Angebot zum Kauf von Monats- und Jahreskarten. So können aktuell Preisvorteile von bis zu 23 Prozent gegenüber einem normalen Abonnement erzielt werden. Möglich wird dies durch ein Programm der S-Bahn Berlin GmbH, mit dem sich die Tochter der bundeseigenen Deutschen Bahn AG für die bis heute anhaltenden Einschränkungen im Berliner Nahverkehr entschuldigen will.

Kernstück des "Entschuldigungspakets" im Wert von insgesamt 70 Millionen Euro ist die Finanzierung von zwei kostenfreien Monaten für alle Abonnenten. Die Freifahrten im November und Dezember werden dabei nicht nur den bisherigen Stammkunden, die unter Verspätungen und Zugausfällen besonders zu leiden hatten, gewährt. Auch alle Neukunden profitieren davon, und zwar unabhängig davon, ob sie im Alltag überhaupt mit der S-Bahn fahren. Egal ist auch, ob derjenige sein Abo mit der Bahntochter, der landeseigenen BVG oder einem anderem kommunalen Unternehmen innerhalb des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg abschließt. Entscheidend ist nur, dass die Tickets für die Berliner Tarifbereiche AB, BC oder ABC gelten. Allein beim Erwerb einer VBB-Umweltkarte, die innerhalb von Berlin gilt (Tarifbereich AB), kann je nach Zahlweise ein Preisvorteil von bis zu 115 Euro erzielt werden. Wird die Vergünstigung mit eingerechnet, die eine Jahreskarte gegenüber zwölf einzelnen Monatstickets ohnehin hat, können bei einem Abo-Start im November sogar bis zu 194 Euro im Jahr gespart werden. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass die Tickets (mit Ausnahme des Senioren-Abos 65plus) im nächsten Jahr teurer werden. So wird etwa eine Monatskarte AB vom 1. Januar an 74 statt 72 Euro kosten.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb sieht sich durch die große Nachfrage in seiner Kritik an immer neuen Fahrpreiserhöhungen bestätigt. "Der Run beweist, dass - anders als von manchen Politikern behauptet - mit günstigen Tickets zusätzliche Fahrgäste für den öffentlichen Nahverkehr gewonnen werden können", sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Für BVG und S-Bahn bestehe nun aber auch die Pflicht, durch ein zuverlässiges Angebot und guten Service Kunden dauerhaft zu halten. "Dazu gehört Pünktlichkeit nicht nur an sonnigen Herbsttagen, sondern auch bei minus 15 Grad", fordert Wieseke.