Bildung

Schulanfänger sind zu dick oder können kein Deutsch

Die Fakten sind alarmierend: 16 Prozent der Neuköllner Schulanfänger sind zu dick, fast 40 Prozent der Kinder aus Migrantenfamilien sprechen kaum oder fehlerhaft Deutsch, viele haben Sprachstörungen.

Unter den zwölf Berliner Bezirken ist Neukölln damit Schlusslicht. Das geht aus den Ergebnissen der Einschulungsuntersuchungen von 2009 hervor, die Neukölln jetzt veröffentlicht hat.

Auch Spandau und Lichtenberg haben diese Ergebnisse soeben vorgelegt. In Spandau waren 2009 demnach 13,7 Prozent der Schulanfänger zu dick, in Lichtenberg neun Prozent. Während in Neukölln nur etwas mehr als die Hälfte der Kinder nicht deutscher Herkunft gute Deutschkenntnisse hatten, konnten sich in Lichtenberg immerhin 61 Prozent gut in der deutschen Sprache verständigen und in Spandau sogar 75 Prozent.

Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchung werden in Eigenregie der Bezirke ausgewertet und veröffentlicht. Nicht alle Gesundheitsämter erstellen einen jährlichen Bericht. Allerdings müssen alle Bezirke bestimmte Daten an die Gesundheitsverwaltung melden, die auf dieser Grundlage einen jährlichen Gesundheitsbericht für Berlin herausgibt. Regina Kneiding, Sprecherin von Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke), kündigte an, dass der nächste Bericht im Januar 2011 erscheinen werde.

In Neukölln hat man allerdings schon jetzt Konsequenzen aus den schlechten Ergebnissen gezogen. Dort soll Anfang November das Gesundheitsnetzwerk Neukölln gegründet werden. Laut Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) stehen in den kommenden drei Jahren dafür 500 000 Euro zur Verfügung. "Ziel ist es, die vielen bereits existierenden Hilfsangebote für Familien zusammenzufassen", sagte Liecke. Dazu gehörten alle Kinderärzte und Hebammen, aber auch alle Institutionen und freien Träger, die sich mit der Gesundheit der Kinder befassen.

Teil des Neuköllner Gesundheitsnetzwerkes ist der Plan, hilfsbedürftige Familien von der Geburt eines Kindes bis zu dessen Einschulung und darüber hinaus zu begleiten. Dafür wird gerade ein Konzept erarbeitet. "Wir werden das Netzwerk zusammen mit den Bereichen Schule und Jugend aufbauen", sagte Liecke. Fest stehe, dass die Förderung der Kinder so früh wie möglich anfangen müsse.

Ähnlich sieht man das auch in Spandau. Im dortigen Einschulungsbericht 2009 sprechen alle Daten für die These: Je länger der Kitabesuch, desto besser der Entwicklungsstand des Kindes. "Ob Feinmotorik, Zahngesundheit oder Sprachkenntnisse - in allen Bereichen sind Kinder, die lange in der Kita waren, den anderen voraus", sagt Gesundheitsstadtrat Martin Matz (SPD). Seiner Ansicht nach hängen Sprachprobleme nicht zwangsläufig mit dem mangelnden Integrationswillen von Familien zusammen. Schlechte Deutschkenntnisse hätten vor allem Kinder, die keine Kita besucht haben. Fast 80 Prozent der Migrantenkinder, die mehr als zwei Jahre eine Kita besucht haben, sprechen gut oder sogar sehr gut Deutsch. Haben sie eine Kita gar nicht oder höchstens sechs Monate besucht, können sich nur 52 Prozent gut oder sehr gut in der deutschen Sprache ausdrücken. Generell, so Matz, seien die Probleme in unteren sozialen Schichten, zu denen auch ein hoher Anteil von Migranten zählt, größer. 23 Prozent der Kinder aus unteren sozialen Schichten leiden an Übergewicht. Ein Drittel dieser Kinder ist hinsichtlich der Sprachentwicklung auffällig, ein weiteres Drittel macht Artikulationsfehler. Auffällig ist, dass Kinder aus osteuropäischen Staaten einen deutlich besseren Sprachstand als arabische und türkische Kinder haben. Matz führt dieses Phänomen vor allem darauf zurück, dass polnische und russische Kinder über Jahre eine Kita besuchen.

Kita gut für Entwicklung

Für Martin Matz gibt es aus dem Einschulungsbericht nur eine Schlussfolgerung: "Wir müssen dafür sorgen, dass die Eltern ihre Kinder in die Kita schicken, denn in der Schule ist der Sprachrückstand kaum aufzuholen." Die Mitarbeiter seines Amtes werden verstärkt bei den ersten Hausbesuchen nach der Geburt eines Kindes dafür werben.

In Lichtenberg können sich 61 Prozent der Kinder nicht deutscher Herkunft bei der Einschulungsuntersuchung gut bis sehr gut in der deutschen Sprache verständigen. Fast alle von ihnen sind in Deutschland geboren. Sandra Born, Planungsleiterin im Gesundheitsamt, sieht darin kein Versagen der neuen Sprachförderprogramme in den Kitas. "Hätten wir Hilfsmittel wie das Sprachlerntagebuch nicht, sähe es noch schlechter aus", sagt sie. Eine größere Rolle spielten ihrer Meinung nach soziale Fragen: Je schlechter die soziale Lage, desto größer die Probleme. In sozial schwachen Gebieten wie Friedrichsfelde Nord solle das Thema Kindergesundheit künftig noch mehr in den Mittelpunkt gerückt werden.