Interview: Vision 2030

"Ampeln und Schilder werden verschwinden"

Social Networks wie Facebook beeinflussen nicht nur unsere Kommunikation. Sie verändern auch den Verkehr und die Stadt der Zukunft. So wird die Windschutzscheibe zum Touchscreen, das Auto zum Kommunikationsmittel und der Verkehr zum steten, aber leisen und automatisierten Fluss. Innerstädtisches Wohnen wird noch attraktiver. Das ist die Vision des Berliner Architekten Jürgen Mayer H. Für seinen Ausblick auf das Jahr 2030 wurde Mayer H. mit dem internationalen "Audi Urban Future Award" ausgezeichnet. Sabine Gundlach sprach mit dem 45 Jahre alten Trendsetter über seine Visionen.

Berliner Morgenpost: Herr Mayer H., fahren Sie in Berlin Auto?

Mayer H.: Mein Wagen steht meist, weil ich viel unterwegs und nur wenige Tage die Woche in Berlin bin. Wenn, dann fahre ich abends, tagsüber brauche ich kein Auto.

Berliner Morgenpost: Hybrid oder Elektro, was fahren Sie?

Mayer H.: Ich fahre einen Benziner und tanke Super.

Berliner Morgenpost: Mit schlechtem Gewissen?

Mayer H.: Nein, ein schlechtes Gewissen habe ich eher, weil das Auto die ganze Zeit steht und Platz wegnimmt. Aber ich bin oft mit dem Rad und mit der S-Bahn unterwegs, weil man so mehr von der Stadt mitbekommt. Im Auto ist man ja eher isoliert.

Berliner Morgenpost: Kommen wir zu Ihren Visionen. Sie haben den mit 100 000 Euro höchstdotierten deutschen Architekturpreis, den Audi Urban Future Award 2010, gewonnen. Was war Thema des Wettbewerbs?

Mayer H.: Es ging um die Fragen, wie verändert sich die Stadt in der Zukunft und wie verändert sich die Mobilität.

Berliner Morgenpost: Wie lautet Ihre Antwort?

Mayer H.: Zunächst muss man sagen, dass sich alle Beteiligten einig waren, dass Autos in Zukunft elektrifiziert und elektronisch assistiert fahren. Wir haben untersucht, welche Konsequenzen sich daraus ergeben.

Berliner Morgenpost: Bevor Sie die erläutern, würde ich gern wissen, wer denn die Autos künftig lenkt?

Mayer H.: Assistenzsysteme wie GPS, es gibt Long-Distance-Assistenten, Satelliten, die die Autos steuern und Short-Distance-Systeme, die als Finetuning im Auto eingebaut sind und beispielsweise Hindernisse auf der Straße erkennen.

Berliner Morgenpost: Was bedeutet das?

Mayer H.: Sie ordern an einem beliebigen Punkt in der Stadt per Elektrosignal eins der ständig fahrenden Autos, steigen in den Wagen ein, stecken Ihr iPhone in die Station und schon ist das Auto auf Sie personalisiert.

Berliner Morgenpost: Das heißt, es sind keine Privatautos. Sitzen dann schon andere Menschen drin?

Mayer H.: Das kommt auf den Vertrag an, den Sie abgeschlossen haben. Privatautos sind in der Innenstadt nicht mehr erforderlich. Wenn Sie eine Art Car-Sharing-Vertrag haben, nutzen Sie die Autos gemeinsam mit anderen, die in dieselbe Richtung wollen. Wenn Sie einen Exklusivvertrag haben, sitzen Sie allein in dem Wagen, der dann auch etwas größer ist als die Autos der günstigen Verträge. Geordert und abgerechnet wird über das Mobilnetz. Sie haben dann unterschiedliche Möglichkeiten, wie Sie sich auf Ihrem Weg durch die Stadt bewegen. Die Windschutzscheibe funktioniert wie ein Touchscreen, den Sie nach Bedarf aktivieren, ähnlich wie Facebook.

Berliner Morgenpost: In welcher Weise?

Mayer H.: Sie können verschiedene Modi einstellen, beispielsweise Natur. Dann sehen Sie durch die Scheiben bei Ihrer Fahrt nur das Grün in Berlin, alles andere wird ausgeblendet. Oder der Modus Real Estate - damit können Sie die Scheibe so aktivieren, dass einzig alle Häuser mit für Sie interessanten Wohnungen sichtbar werden, der Rest wird ausgeblendet. Da gibt es unendliche Möglichkeiten bis hin zur Partnersuche. Unsere Vision verbindet fahrerloses Fahren mit den Möglichkeiten der Social Medias, die auch die Frage von Kommunikation ganz neu thematisieren. Wir sehen das Auto als Teil des Social Network, das von einer reinen Fahrmaschine zu einer Wahrnehmungsmaschine avanciert.

Berliner Morgenpost: Möglichkeiten, die eine unglaubliche Vernetzung voraussetzen?

Mayer H.: Die gibt es doch schön längst, allerdings ergibt sich natürlich eine Reihe von Fragen: Was passiert mit den Daten, werden die gespeichert, wer hat Zugriff, werden sie verschlüsselt, was passiert, wenn ich nicht mitspielen will, wenn ich mich ausklinken will aus dem System?

Berliner Morgenpost: Was ist mit der Haftung? Wenn Autofahrer heute einen Unfall verursachen, sind sie haftbar. Was ist, wenn das System versagt?

Mayer H.: Das ist eine gute Frage, die ich Ihnen nicht beantworten kann. Das wird eine Aufgabe für Juristen sein.

Berliner Morgenpost: Welche Auswirkungen hat Ihre Vision auf die Stadt und den Städtebau?

Mayer H.: Elektrisch angetriebene und mit Assistenzsystemen gelenkte Autos machen die ganze Infrastruktur-Hardware wie Schilder oder Ampelanlagen unnötig. Der Verkehr verläuft im steten Fluss, der es ermöglicht, mehr Fahrzeuge auf eine Spur zu bekommen. Die gelenkten Wagen sind ständig unterwegs, auch wenn sie leer sind. Parkende Autos werden von der Straße verschwinden. So entsteht neuer öffentlicher Raum, eine Extrazone, auf der die Stadt nach innen wachsen kann.

Berliner Morgenpost: Muss denn immer verdichtet werden? Freiraum ist doch auch eine Qualität.

Mayer H.: Es gibt ja auch Entwicklungspotenziale für Natur und mehr Grün oder auch für andere Nutzungen, die wir vielleicht heute noch gar nicht kennen.

Berliner Morgenpost: In Ihrer Vision konzentrieren Sie sich primär auf das Auto. Ist das dem Auslober des Preises, Audi, geschuldet?

Mayer H.: Nein, es geht um einen Blick auf die Stadt. Das Auto ist eine Erfolgsgeschichte, zugleich aber auch ein großes Thema in den Städten. Es geht darum, Potenziale für die Zukunft der Stadt zu entdecken.

Berliner Morgenpost: Welche meinen Sie?

Mayer H.: Elektrischer Antrieb und automatische Steuerung haben viele Vorteile: Es gibt keine Luftverschmutzung, keine Lichtverschmutzung und keinen Lärm mehr. Statt Parkplatzproblemen gibt es mehr Raum für Natur und Soziales. Besonders interessant für die Stadt: befahrene Straßen, an denen heute kein Mensch mehr wohnen will, avancieren durch die genannten Veränderungen möglicherweise bald zu 1a-Lagen, ähnlich heutigen Wasserlagen. Im Prinzip wird der Autoverkehr komprimiert, mehrspurige Straßen reduziert.

Berliner Morgenpost: Das erinnert an die aktuellen Planungen, wonach der Platz für die Autofahrer reduziert werden soll.

Mayer H.: Ja, in Berlin ist die Vision ja gar nicht so anders, nur dass attestierte Lenksysteme noch nicht berücksichtigt werden. Die Reduzierung auf weniger Autospuren zugunsten von Radwegen ist schon der erste Schritt dahin.

Berliner Morgenpost: Wie beurteilen Sie den Verkehrsplan von Berlin?

Mayer H.: Mehr Fahrradwege finde ich gut und nötig. Aber ich finde es auch angenehm, dass man als Autofahrer Platz hat und sich nicht durchzwängen muss. Ein Verkehr muss fließen. Ich denke, das Potenzial liegt woanders.

Berliner Morgenpost: Wo?

Mayer H.: In den Vorschlägen, die wir gemacht haben. Die Planungen in Berlin erscheinen mir eher wie eine künstliche Verknappung. Aber vielleicht entsteht daraus ja auch die Einsicht für eine neue Struktur, die unserer Vision für 2030 entspricht.