Arbeiterwohlfahrt

89 Senioren auf der Suche nach einem neuen Zuhause

Im Waldgebiet am Rande Berlins gelegen, ein Ort abseits des Großstadtbetriebs - die Bewohner des Franz-Neumann-Hauses an der Augsburger Straße in Lichtenrade wissen die Qualitäten ihres Zuhauses zu schätzen. An diesem Tag ist es still und nebelig. Hinter den erleuchteten Fenstern stehen alte Männer und Frauen.

Die meisten von ihnen leben in Einzelzimmern. Im Aufenthaltsraum darf noch geraucht werden. Auf ihren Wunsch hin tönt Peter Alexander aus den Lautsprechern.

Die Bewohner fühlen sich wohl. Doch das von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) betriebene Seniorenheim muss schließen, schon Ende März. Von dieser Nachricht überrascht wurde in dieser Woche auch Brigitte Raether. Ihre 88 Jahre alte Mutter wohnt im Heim. Die Tochter ist schockiert. Schließlich lebe die Mutter erst ein halbes Jahr dort. Mit dem Rollstuhl könne die stark sehbehinderte Frau problemlos auf die große Terrasse fahren. In der nahen Umgebung gebe es sicherlich kein Heim, das wie das jetzige über so viele Einzelzimmer verfüge.

Das stimmt. Das nahe Lore-Lipschitz-Haus, ebenfalls von der Arbeiterwohlfahrt betrieben, bietet acht Einbett-Zimmer und 80 Zweibett-Zimmer. Nach offizieller Auskunft führt kein Weg daran vorbei, dass das Franz-Neumann-Haus schließt. Es arbeite schon lange mit Verlusten, die Auslastung betrage nur 51 Prozent, sagt Heimleiterin Marina Kube. Eine Sanierung des 54 Jahre alten Hauses wäre zu teuer. 89 alte Menschen, von denen 58 in Einzelzimmern wohnen, sind betroffen. Auch ohne die Insolvenz der AWO hätte das Heim geschlossen werden müssen, sagt die Heimleitung.

Die Angehörigen sind nun alle auf der Suche nach einer guten Lösung. "Wir unterstützen sie, haben von allen AWO-Einrichtungen Informationen besorgt", sagt die Heimleiterin. Auch die Umzugskosten werden übernommen. Weil sie auch künftig in einem Einzelzimmer wohnen möchte, kam für die Mutter von Brigitte Raether das Lore-Lipschitz-Haus in der Nähe des jetzigen Heims nicht in Frage. Auch wenn das AWO-Haus ebenfalls von Marina Kube geleitet wird und voraussichtlich nicht nur einen Großteil der Bewohner aus dem Franz-Neumann-Haus, sondern auch viele der 58 Mitarbeiter aufnehmen wird. Auch deren Situation ist durch die Insolvenz der Arbeiterwohlfahrt unsicher. Nach Auskunft der Heimleiterin endet Ende Januar die Zahlung des für drei Monate bewilligten Insolvenzgeldes an die Beschäftigten durch das Arbeitsamt.

"Wir haben mit der Pflegeleitung besprochen, dass meine Mutter wahrscheinlich zum Britzer Damm ins ,Lebenswerk'-Seniorenheim wechselt", sagt Brigitte Raether. Das Zimmer werde zwar etwa 120 Euro teurer sein als das in Lichtenrade, aber immerhin hätten sie ein Einzelzimmer bekommen. Für andere Heim-Bewohner ist die Situation noch ungeklärt: "Was soll ich dazu sagen? Sch ... finde ich das", flüstert Günther Westphal, "hier kennt man doch alles, es war hier sehr gut." Der 79 Jahre alte Bewohner des Hauses wird wahrscheinlich künftig im Lore-Lipschitz-Haus wohnen. "Aber nur, wenn ich dort ein Einzelzimmer bekomme! Lieber schlafe ich sonst unter der Brücke, als noch mal mit jemandem zusammen im Zimmer zu wohnen", kündigt der gebürtige Charlottenburger energisch an.